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Lesen Sie in unserem großen Dossier, wie vier Dopingopfer und eine ehemalige Trainerin das System in der DDR erlebt haben.

ZEIT ONLINE: Herr Freyberger, Sie forschen über Dopingopfer der DDR. Warum ist das ein wichtiges Thema?




Harald Freyberger: Wir haben es mit einer großen, vielen unbekannten Opfergruppe zu tun, die unter immensen psychischen und körperlichen Schäden leidet. Und die Gruppe und die Schäden werden größer.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie herausgefunden?

Freyberger: DDR-Dopingopfer sterben im Schnitt zehn bis zwölf Jahre früher als die Normalbevölkerung. Und noch eine erschreckende Zahl: Ein DDR-Dopingopfer erkrankt etwa 2,7 Mal so oft, bei psychischen Erkrankungen haben wir sogar einen Faktor von 3,2 ermittelt. Vor diesem Hintergrund ist die Forderung, Doping freizugeben, naiv und unverantwortlich.




Der Arzt und Psychiater Harald Freyberger ist Professor für Psychiatrie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Greifswald. Seine Forschungsschwerpunkte sind posttraumatische Belastungsstörungen und Versorgungs- und Therapieforschung. Er leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Stralsund und analysiert die Spätfolgen des DDR-Dopings. © dpa

ZEIT ONLINE: Gedopt wurde und wird in vielen Ländern. Was war so besonders an der DDR?

Freyberger: Das Ausmaß in der DDR war wohl einmalig. Die Sportlerinnen und Sportler bekamen unwissentlich schwere anabole Steroide, Geschlechts- und Wachstumshormone, oft in hohen Überdosierungen. Das hat für viele Betroffene dramatische Folgen, die sich erst jetzt zeigen, Jahrzehnte später. 


ZEIT ONLINE: Es gibt zwar Stasiakten, die das Doping belegen, aber nicht immer lässt sich  dokumentieren, wer wann wie viele Tabletten und Spritzen erhielt, und was drin war. Wie kommen Sie unter diesen Vorzeichen zu wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen?




Freyberger: Der Einzelfall ist tatsächlich oft nicht bis ins Detail zu klären. Nicht jede und jeder sind gleichermaßen betroffen. Doch im Gesamten lassen sich zweifellos massive Gesundheitsschäden feststellen. Alle Körpersysteme sind betroffen: Herz, Nieren, Haut, Skelett oder Geschlechtsorgane. Viele Opfer leiden an Depressionen oder Essstörungen, etwa jeder Dritte ist traumatisiert. Zudem wurden in der DDR Schmerzmittel in unerhörten Dosierungen verabreicht. Das ermöglichte extrem hartes, also schädliches Training. Wir beobachten auch soziales Scheitern, berufliche Einschränkungen und Armut. Letztlich hat der DDR-Sport viele Biografien richtungsweisend verschlechtert.




ZEIT ONLINE: Die DDR wollte bei der Medaillenproduktion auf Nummer sicher gehen und hat schon Kinder gedopt. Ohne deren Wissen, versteht sich, und ohne das Wissen der Eltern.




© Florian Gaertner/Photothek via Getty Images

Um bis zu 12 Jahre
ist die Lebenserwartung von DDR-Dopingopfern reduziert.

Freyberger: Das ist das Fatale. In Extremfällen waren die Kinder erst sieben Jahre alt. Kombiniert wurde dieser chemische Missbrauch mancherorts mit psychischem oder sexuellem Missbrauch durch den Arzt oder Trainer. Manche Betroffene schildern Gewalterfahrungen. Manche haben auch im Elternhaus keine Fürsorge erhalten, dann hat sich das Leid vervielfacht. Und dann ist da noch das Thema Essen. Viele Gymnastinnen beispielsweise mussten auf Druck der Trainerinnen Gewicht verlieren, Gewichtheber Kilos drauflegen. Das waren Eingriffe in natürliche Entwicklungsprozesse.




ZEIT ONLINE: Sie untersuchen auch Opfer der zweiten Generation. Manche Forscher bezweifeln, dass Dopingschäden auf die Kinder übertragen werden können – es sei denn, es wurde während der Schwangerschaft gedopt.


 Was sagen Sie denen?

Freyberger: Diese Einwände kommen meist von Biologen und Pharmakologen. Aber sie übersehen etwas. Die Psychologie und die forensische Psychiatrie kennen das Phänomen der transgenerationalen Traumatransmission: Traumatisierende Erlebnisinhalte können an die Kinder weitergegeben werden. Aus Untersuchungen anderer Betroffenengruppen, die ein vergleichbares Lebensschicksal erlitten haben, wissen wir, dass die transgenerationale Traumatransmission zur Weitergabe bestimmter Symptome führen und erhebliche Risiken mit sich bringen kann – nicht nur psychologische und soziale, sondern auch genetische.

ZEIT ONLINE: Viele Krankheiten sind irreversibel, viele Dopingopfer können nur noch wenig oder sogar nie mehr arbeiten, obwohl sie nicht mal 50 sind. Wie kann man ihnen helfen?

Freyberger: Medizinische Behandlung und Therapie sollten verbessert werden. Ärzte müssen sich fortbilden, auch Psychiater. Nur wenige kennen sich mit dem Thema aus. Manchmal müssen Patienten 500 Kilometer mit der Bahn fahren, um einen guten Arzt zu finden. Und die Politik lässt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Opfer allein. Der Gesetzgeber hat viele Opfer mit einer einmaligen Zahlung von 10.500 Euro entschädigt. Das ist ein guter Anfang, aber im Vergleich mit den Schäden nur eine symbolische Geste.

DDR-Doping - »Man sagte uns, es seien Vitaminpräparate« Petra Ostrowski trainierte als Jugendliche in der Kanuabteilung eines Berliner Sportvereins. Ohne ihr Wissen erhielt sie Dopingmittel. Sie ist Opfer des DDR-Dopings und fühlt sich alleingelassen. © Foto: Christiane Wittenbecher für ZEIT ONLINE

Eine Dunkelziffer von bis zu 13.000 Menschen

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt dabei die Forschung?



Freyberger: Sie trägt zur Aufklärung bei, die für politische Entscheidungen notwendig ist. Bisher hatte die Wissenschaft das Thema vernachlässigt. Wir haben im Herbst eine erste quantitative Studie fertiggestellt, bei der wir einige Hundert Opfer befragt haben. Nun wissen wir einiges mehr, etwa über die Art der Schäden oder welche Sportarten besonders betroffen waren. Aber das kann nur ein Anfang sein.



© Florian Gaertner/Photothek via Getty Images

DDR-Dopingopfer sind 2,7 Mal häufiger krank
als Durchschnittsbürger. Ihr Risiko, an Herz-Kreislauf-Problemen oder Krebs zu erkranken, ist deutlich höher, teilweise um das Fünffache.

ZEIT ONLINE: Sie haben Erfahrung mit anderen Opfergruppen. Mit welcher kann man die Dopingopfer vergleichen?




Freyberger: Mit den politischen Häftlingen der DDR. So hat von denen nur etwa jeder Fünfte einen Wiedergutmachungsantrag gestellt. Zum Vergleich: Gemeldet beim Doping-Opfer-Hilfe-Verein in Berlin sind rund 1.500 bis 2.000. Wir gehen aber von 10.000 bis 15.000 aus. Das heißt, es gibt eine Dunkelziffer von bis zu 13.000 Menschen.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben ernüchtert, dass die Täter nie reden. Aber auch, dass viele Angehörige die Krankheitsgeschichten der Betroffenen nicht hören wollen. Ist Doping ein Tabu?

Freyberger: Ja. Mit Sport identifizieren sich viele, er wird idealisiert, man sah es zuletzt bei Olympia. Im Sport fehlt eine Kritikkultur.




ZEIT ONLINE: Im Osten war das noch stärker ausgeprägt. Der Sport war eines der wenigen Dinge, in denen der Osten dem Westen überlegen war.




Freyberger: Viele Bürger der DDR haben die Wiedervereinigung als Kolonialisierung erlebt. Nun scheint es, als ob sie sich nicht auch noch den Sport beschädigen lassen wollen.


 Doch die DDR hat ihre Sportlerinnen und Sportler verbraucht und verheizt.

ZEIT ONLINE: Auch viele Betroffene reden nicht.


 Warum nicht?

Freyberger: Ja, sie schämen sich, trauen sich nicht oder fühlen sich eingeschüchtert. Niemand erinnert sich gerne an Leid, Betroffene erleben es beim Erzählen erneut.


 Auch wissen viele gar nicht, dass der Sport, den sie als Kind und Jugendliche ausgeübt haben, ihr Leid verursacht hat. Hinzu kommt: Viele Systemträger des DDR-Sports leben noch oder sind gar in verantwortlicher Position. Ich erinnere mich an einen ehemaligen und heute schwer kranken Leichtathleten. Er las in der Zeitung, dass sein Trainer, der ihm früher Tabletten gab und der für sein Schicksal eine große Mitverantwortung trägt, wieder aktiv ist, und zwar in China. Der Leichtathlet wurde retraumatisiert.

ZEIT ONLINE: Was bringt Reden überhaupt?




Freyberger: Es gibt klare Belege, dass man Menschen sehr wirksam behandeln kann. Das funktioniert aber nur, wenn die Patienten die Vergangenheit als Teil der Identität akzeptieren und offen mit ihr umgehen. Außerdem muss unsere Gesellschaft den Opfern zuhören, um sie zu würdigen. Sie sind die Schwächsten.




Mitarbeit: Stefanie Sippel

DDR-Doping - »Es ist eine vergessene Opfergruppe« Sie träumten von Glück und Medaillen, aber in der DDR wurden Tausende Sportler unwissentlich gedopt. ZEIT-ONLINE-Redakteur Oliver Fritsch kommentiert im Video, wie mit den Opfern des DDR-Dopings umgegangen wird. © Foto: Claudia Bracholdt