Olympisches Lexikon, Buchstabe W: Windlotto, das. Neue Spezialdisziplin der Winterspiele 2018. Produziert wie echtes Glücksspiel strahlende Sieger und fluchende Verlierer. Vier Jahre Vorbereitung, und alles zahlt sich aus. Oder ist in Sekunden perdu. "Da kriegt man schon einen Hals auf die Veranstalter. Da kann man sich doch noch mal fünf Minuten mehr Zeit nehmen! Jetzt geht nach vorne nix mehr", sagt Fabian Rießle, nachdem er im ersten Teil der nordischen Kombination vom Winde verwehte 94,5 Meter gesprungen ist. Macht für den folgenden 10-Kilometer-Langlauf 2,03 Minuten Rückstand auf die Spitze, keine Chance mehr aufs Podest für den zweifachen Medaillengewinner von Sotschi und Doppelweltmeister.

"Das ist der beste Moment! Dass es für mich so aufgegangen ist – einfach grandios!", sagt Eric Frenzel, der neue Olympiasieger im gleichen Wettbewerb. 106,5 Meter ist er gesprungen, vom Wind getragen, sein Rückstand auf den besten Springer: nur 36 Sekunden. Nicht viel für den Titelverteidiger, von dem sein Trainer Hermann Weinbuch sagt, er sei eigentlich "kein normaler Mensch in dem Sinn".

Weinbuch sagt auch: "Unglaublich, was dieses kleine Manderl für eine Energie hat! Im Kopf vor allem ist er brutal stark. Kann Kräfte bündeln, sich fokussieren und bleibt trotzdem locker, viele andere verkrampfen dann."

Nach nicht mal einem Viertel der Strecke hat Frenzel den Rückstand aus dem Springen aufgeholt. Dabei bläst auch auf der Loipe der Wind so stark, dass sogar die engen Leibchen mit den Startnummern an den Läufern fahnengleich knattern und flattern, wenn sie die autobahnbreite erste Steigung hinauf stapfen. Eigentlich ist es ein Wunder, dass an diesem Tag in Pyeongchang überhaupt ein Outdoorwettbewerb stattfinden kann. Slalom der Frauen: fällt aus. Wie Biathlon der Frauen verschoben.

Selbst der Olympic Park unten im Küstenort Gangneung, wo man die Stürme in den Skigebieten bisher nur vom Hörensagen kannte, wird komplett geschlossen – zu groß die Angst, die vielen provisorischen Bauten könnten abheben und den Besuchern um die Ohren fliegen. Als wäre Korea eine Außenstelle der Wüste Gobi, wirbeln die unberechenbaren Böen Sand, Staub und jede Menge von dem trockenen, winterfalben Gras auf, dass die Farbpalette dieser Spiele maßgeblich bestimmt.

Nicht nur Fabian Rießle, viele der nordischen Kombinierer haben einen Rochus auf die Veranstalter, weil sie trotz der widrigen Bedingungen ranmüssen. Sie fühlen sich ein bisschen als die Stiefkinder der Skiwettbewerbe – der Zuschauerzuspruch ist weniger als mau und den Alpin-Stars und Biathleten gönnt man in der Hoffnung auf faire Wettkämpfe eine Verschiebung, während sie auf der Schanze zum Spielball der Elemente werden. Am Ende aber zucken auch die Windgebeutelten mit den Schultern: ist halt eine Freiluftsportart. Da gehört das dazu. Und es kommen wieder Tage, sagt sich mancher, da ist das Glück auf meiner Seite.