Wayne Rooney erinnert sich bestimmt noch gut. Der bullige englische Mittelstürmer spielt seit diesem Jahr wieder am Ort seiner ersten Profistation, in Everton. Mit der Truppe traf er im November 2017 auf Atalanta Bergamo. Die Norditaliener aus der Provinzstadt reisten nach England und zerlegten Rooneys Mannschaft mit 5:1. Zuvor taten mitgereiste Fans das Gleiche mit Lokalen in der Innenstadt. Verhaftet wurden auch acht Hooligans der Frankfurter Eintracht. Sie sind seit einigen Jahren per Fanfreundschaft mit der Atalanta verbunden.

Spätestens ab da sprach man über Bergamo. Heute empfängt Borussia Dortmund in der Zwischenrunde der Europa League die Atalanta. Der Club war jahrelang ein Ausbildungsverein, einer, der Talente päppelte und dann abgeben musste. Das Freiburg Italiens. Nur: In den vergangenen beiden Spielzeiten wuchs der Club über seine traditionelle Rolle hinaus und bereitete den Großen des Landes, dem AC Mailand, AS Rom und Juventus Turin große Probleme. Aktuell ist der Club Achter der Serie A.

Doch nicht nur die taktische Raffinesse von Trainer Gian Piero Gasperini wird am Abend in Dortmund zu sehen sein. Auch viele Fans haben sich angekündigt, wahrscheinlich auch die der Eintracht aus Frankfurt.

Seit Jahren existiert eine Fanfreundschaft der beiden Szenen. Den Pakt hatte Claudio Galimberti, genannt Bocia, besiegelt. Er ist einer der charismatischsten und auch berüchtigtsten Fananführer in Italien. Videos zeigen ihn, wie er von den Stadionrängen den Profis der Atalanta minutenlange Ansprachen hielt. Wie Schulbuben standen sie auf dem Rasen und blickten hoch zum Ultra-Boss, der von ihnen Schweiß, Blut und Einsatz forderte. 

Ultras als Panzerbrigade

Noch martialischer ging es vor fünf Jahren beim jährlichen Fest der Ultras zu. Sie walzten mit einem Panzer zwei Autos in den Farben der verfeindeten Clubs aus Rom und Brescia nieder. Das Kriegsgerät werden sie jetzt wohl nicht über die Alpen bringen. Trotzdem warnte die Dortmunder Polizei schon mal vor möglichen gemeinsamen Auftritten der Ultras aus Bergamo und Frankfurt.

Die Panzernummer widmeten die Ultras damals Germán Denis, genannt il tanque (Der Panzer). Der massige Mittelstürmer ist allerdings mittlerweile zurück in seiner Heimat Argentinien. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. Seiner Statur am ähnlichsten kommt der aus der Jugend des AC Mailand geholte Andrea Petagna. Er besitzt aber nicht die Durchschlagskraft. 

Wieder wird Gasperini ein Team formen

Dass die Abschlussschwäche der Stürmer, keiner traf in dieser Saison bislang zweistellig, die Truppe nicht in Richtung Abstiegszone trudeln ließ, liegt an der soliden Spielorganisation durch Trainer Gasperini. Der Graukopf hat der zuvor auf Konterfußball spezialisierten Truppe taktische Elastizität und höhere Passgenauigkeit beigebracht. Vor allem integriert er immer wieder die zahlreichen Talente aus dem eigenen Nachwuchs in die Profitruppe. Wer im letzten Jahr groß herauskam, wurde prompt weggekauft. Andrea Conti (23 Jahre alt) und Franck Kessié (21) gingen zu Milan, Roberto Gagliardini (23) zu Inter und Alberto Grassi (22) nach Neapel. Auch mit deren Nachfolgern will der Verein Kasse machen. Abwehrmann Mattia Caldara (23) wurde bereits von Juventus Turin verpflichtet, bei Mittelfeldakteur Leonardo Spinazzola (24) soll Juve schon dran sein.  

Gasperini nimmt das Wechselspiel gelassen. "Was soll ich tun, wenn mir ein Präsident sagt, dass ich Spieler verkaufen muss, um die Gehälter der anderen bezahlen zu können und niemanden entlassen zu müssen?", fragt er rhetorisch und macht sich erneut ans Sisyphoswerk, neue Talente aufzubauen und dabei noch ansehnlichen Fußball spielen zu lassen.