Aksel Lund Svindal war noch immer irritiert. Gerade hatte er den Olympischen Abfahrtslauf gewonnen, eigentlich die Königsdisziplin des Wintersports. Der Norweger ist es gewohnt auf der Streif in Kitzbühel oder beim Lauberhornrennen in Wengen von zehntausenden euphorisierten Zuschauern bejubelt zu werden und nun fuhr er zum Höhepunkt seiner Karriere in ein Stadion ein, das höchstens zur Hälfte gefüllt war. "Das ist etwas seltsam, um ehrlich zu sein", sagte Svindal. "Es ist seltsam und traurig. Wenn wir dieses Rennen in Österreich, Norwegen oder Schweden gehabt hätten, wären 50.000 Leute gekommen." Aber diese Spiele seien eben mehr als nur der Abfahrtslauf und wenn die Leute hier eben andere Sache interessieren, dann sei das eben so.

Die Frage ist nur: Wofür interessieren sich die Südkoreaner überhaupt? Außer Eiskunstlaufen und vor allem Shorttrack fällt einem da nicht viel ein. So richtig warm werden die Koreaner nämlich mit diesen Spielen nicht. Viele Plätze auf den Tribünen bleiben leer. Die offizielle Auslastung beträgt 84,2 Prozent, die nach dem Augenschein liegt weit darunter. Die Kameraleute müssen sich mühen, jubelnde Fanhäufchen zu finden, um einen Hauch Atmosphäre in die Welt zu senden.

Überraschend kam das nicht. Schon der Vorverkauf lief schleppend. Tickets für Sportarten wie Langlauf oder Biathlon wurden zu Ladenhütern. Die beiden Wettbewerbe sind, neben Skispringen, wohl auch die am schlechtesten besuchten. Beim Wettbewerb in der Nordischen Kombination am Mittwoch, also Skispringen und Langlauf zusammen, potenzierte sich das Desinteresse noch. Eric Frenzel lief in einem so gut wie leeren Stadion zu Gold. Die koreanische Bevölkerung tut sich schwer, einen Sinn darin zu sehen, Sportlerinnen und Sportler durch den Wald und nur alle paar Minuten mal kurz an ihnen vorbeihetzen zu sehen.

Südkorea ist keine typische Wintersportnation, das Land hat den Wintersport aus dem Westen importiert. Es ist zwar bitterkalt im Winter, aber es fehlen Schnee und hohe Berge. Die Veranstalterinnen und Veranstalter hatten schon Mühe, eine Abfahrtspiste in die sanften Hänge zu hauen. Alles, was mit Ski zu tun hat, gilt in Südkorea eher als Kuriosum. Und Begeisterung lässt sich nicht auf Knopfdruck herstellen, nicht mal in Korea, in dem sonst sehr viel auf Knopfdruck funktioniert. Ähnliches steht zu befürchten, wenn 2022 die Fußball-WM in Katar und die Winterspiele in Peking stattfinden. Das wird eine Gaudi.

Das olympische Problem hat sich das IOC selbst geschaffen. In Ländern mit Wintersportkultur wie Norwegen, Österreich oder auch Deutschland sind seine teuren, wenig nachhaltigen Spielen den Menschen nicht mehr zu vermitteln. In jedem Land hat eine Mehrheit zuletzt "Nein" zu den Spielen gesagt. Die leeren Ränge in Pyeongchang sind deswegen auf vielen Ebenen ein Zeichen, wie übel es um Olympia steht.

Die Siegerehrungen sind ein Rohrkrepierer

Es gibt auch profanere Gründe. Die Kälte zum Beispiel. Schon oft beschrieben, doch es macht eben wenig Spaß, bei 15 Grad minus in zugigen Stadien auszuharren. Zudem finden viele Wettkämpfe erst am späten Abend statt. Das ist nett dem europäischen Fernsehpublikum gegenüber. Die südkoreanische Bevölkerung hingegen findet es nicht so toll, weil es abends noch zugiger wird. Das Fernsehpublikum zählt schon längst mehr als der Fan an der Piste, dessen eigentliche Funktion darin besteht, Teil der Kulisse zu sein. Wie ein Berg oder der Sonnenschein. Der Fan soll ordentlich jubeln, damit das TV-Publikum das Gefühl hat, etwas Emotionalem und Relevantem beizuwohnen. Doch wenn sich der Fan immer stiefmütterlicher behandelt fühlt, funktioniert diese Gleichung irgendwann nicht mehr.

Doch der Abfahrtslauf am Donnerstag begann um 11.30 Uhr Ortszeit. Es ist milder geworden in den vergangenen Tagen. Im Ziel war es 1 Grad warm, die Sonne schien, für hiesige Verhältnisse war es fast frühlingshaft. Dennoch leuchteten die blauen unbesetzten Schalensitze mit dem Himmel um die Wette. Immerhin kam es bei den erklärten Spielen der Völkerverständigung zu einem staatstragenden Moment als sich zwei russische und zwei südkoreanische Kinder am Rande der Piste eine Schneeballschlacht lieferten. Südkorea gewann übrigens.