Die am häufigsten dargebotene sportliche Leistung bei diesen Winterspielen kommt ganz ohne Ski, Schlittschuh oder einem Schlitten unterm Hintern aus. Die Bewegungen sind eher einfach gehalten. Trippelschritte hier, ein Hüpfer da, manche schlagen in wechselndem Rhythmus die Hacken zusammen, andere schlenkern mit den Armen. Aber alle tun es, überall. Sportler und Fans und Journalisten, in Stadien, an Bushaltestellen und vor den Metalldetektoren. Alle versuchen sich an einer Choreografie, die wir hier einfach mal Pyeongchang-Dance nennen wollen. Er hat nur ein Ziel: warm halten.

Die Spiele von Pyeongchang sind die kältesten Spiele seit langer Zeit. Ein Sportfest in der Gefriertruhe. Minus 13 Grad waren es beispielsweise in Jeongseon, wo die Abfahrt der Herren abgesagt wurde. Und das war in der Mittagszeit. Im Sonnenschein. Es ist noch nicht unmenschlich kalt. Der Windchillfaktor, die gefühlte Temperatur, aber legt noch mal ein paar Minusgrade drauf und man versteht, dass dieses Chill ganz und gar nichts mit der neueren, lässigeren Bedeutung des Wortes zu tun hat. Die nächsten Tage soll es noch ein wenig kälter werden.

So kalt wie lange nicht

Die Abfahrt wurde jedenfalls wegen zu starken Windes abgesagt, ebenso ein Slopestyle-Wettbewerb und der Riesenslalom der Frauen am Montag. Also mummelten sich die wenigen Besucher, die sich trotzdem vor die Piste verirrt hatten, in ihre Funktionskleidung, schossen ein Erinnerungsfoto und sahen zu, dass sie wieder ins Warme kamen. Über ihnen flatterten die Flaggen der Teilnehmerländer so stramm im Wind, dass man dachte, sie seien aus Karton.

Nun ist es wenig überraschend, dass während Olympischer Winterspiele tatsächlich Winter herrscht. Aber so knackig war es lange nicht. Die Spiele 2014 fanden in Sotschi statt, eigentlich ein Badeort. Einige Helferinnen sonnten sich dort bauchfrei. Auch vier Jahre zuvor in Vancouver war es recht mild, 2006 in Turin ebenso. Die Veteranen unter den Wintersportjournalisten raunen, dass es zuletzt 1994 in Lillehammer so eisig war. Andere datieren derartigen Dauerfrost sogar zurück auf Lake Placid, 1980.

Und so frieren also Kameras ein, Handyakkus sterben und Ski verbiegen sich. Die Sportler werden erfinderisch. Als die Biathletin Laura Dahlmeier am Samstag das erste deutsche Gold holte, war sie so dick eingepackt, dass man sie ohne Gewehr auch für einen der zitternden Fan auf den Tribünen hätte halten können. Der Verbrauch hautschützender Vaseline steigt derzeit ins Unermessliche und in diesen Tagen erfreut sich auch die Praxis, Kinesiotapes großflächig auf den Körper zu kleben, großer Beliebtheit. Das Gesicht inklusive. Eigentlich sollen die Tapes die Muskelspannung regulieren. Selbst der Hersteller ist von dieser neuen Verwendung überrascht und ließ verlauten, dass er erst einmal prüfen müsse, ob ihr Produkt auch wirklich wärmen würde.

Der deutsche Teamarzt macht sich noch keine Sorgen

Das US-Team trägt batteriebeheizte Parkas, die Kanadier beheizte Hosen, die Schweden angeblich beheizte Socken. Einige Sportler wurden im Training mit einem sogenannten Atemwärmer gesehen. Das ist ein kleines Gadget, das aussieht wie eine abgehackte Panflöte. Beim Ausatmen werden die Aluminiumlamellen darin erwärmt und befeuchtet, beim Einatmen gibt es diese Wärme und Feuchtigkeit zurück.

Noch ein Problem: Nachts ist kälter als draußen. Die meisten Wettbewerbe starten erst am späten Abend, wenn die Sonne, die wenigstens ein bisschen wärmt, schon längst untergegangen ist. Man wollte den europäischen Fernsehzuschauern nicht zumuten, um zwei Uhr morgens für ein Biathlon-Rennen aufstehen zu müssen. "Es wäre sicher komfortabler, eher zu starten", sagt Bernd Wolfarth, der Arzt des deutschen Teams. Die Gesundheit der Sportler ist aber noch nicht gefährdet. "Für die Athleten ist die Situation nicht so außergewöhnlich. Sie sind gewohnt, damit umzugehen", sagt er. "Es gibt noch keine Anzeichen für medizinische Probleme."

Bei Wettkämpfen im Norden Finnlands oder in Sibirien ist es noch kälter. Dort werden auch schon mal Wettkämpfe abgesagt. Dafür gibt es feste Grenzwerte. Beim Biathlon bleiben die Sportler im Warmen, wenn die Temperaturen unter 20 Grad minus sinken, beim Rodeln sind es minus 25 Grad. Dann könnte es zu Erfrierungen und Unterkühlung kommen. "Noch sind wir in Bereichen, in denen ein Start möglich ist", sagt Wolfarth. "Aber wenn es noch mal fünf bis zehn Grad kälter werden würde, dann hätten wir ein Problem."