Tief in den koreanischen Bergen steigen die anderen Spiele. Im Phoenix Snow Park, weit weg von allem, starten die Snowboarder und Skicrosser, die Slopestyler und Buckelpistenfahrer, die Coolen und Hippen. Es ist eine olympische Parallelwelt, die wenig mit Biathlon und Rodeln zu tun hat. Hier ist alles anders. Hier wirken die Sportler vor dem Start nicht, als würden sie vor Anspannung gleich platzen, sondern fistbumpen mit ihren Trainern. Hier werden statt Rennpellen stylische Skiklamotten getragen. Und der Stadion-DJ ist so wichtig wie die Athleten selbst.

Der Posterboy der Szene ist noch immer Shaun White. Der 31-jährige Multimillionär, Firmeninhaber, Bandleader und Snowboarder hat gerade einen höchst aufregenden Wettbewerb in der Halfpipe gewonnen und erklärt, wie: "Erst ein Frontside Double Cork 1440, dann ein Cab Double Cork 1440, ein Frontside Steel 540, ein Double McTwist 1260 oder Tomahawk und schließlich ein Frontside Double Cork 1260."

Das ist Snowboardisch. White beschreibt die Sprünge und Tricks, die er in seinem letzten, entscheidenden Lauf zeigte. Der Beste von allen, meint die Jury und belohnt ihn mit 97,75 von 100 Punkten. Nur kurz: Ein Frontside Double Cork 1440 ist ein etwa fünf Meter hoher Sprung, bei dem White sich in der Luft viermal um die eigene Achse dreht. 4 mal 360 Grad ergibt 1440, bei einem Sprung, der die Zahl 1260 trägt, dreht er sich demnach nur dreieinhalbmal. Hinzu kommt in diesem Fall noch eine doppelte Schraube. Turnen auf Schnee, nur sieht es auch noch lässig aus.

Meist zumindest, manchmal tut es auch beim Zuschauen weh. Der Japaner Yuto Totsuka kracht aus fünf Metern Höhe auf die Kante der Halfpipe. Er muss auf einem Schlitten die Röhre hinunter und ins Krankenhaus gefahren werden. Eine Zeitlupe der Szene wird, Gott sei Dank, nicht auf den Leinwänden gezeigt. Die Zuschauer sind auch so verstört genug. Ernsthaft verletzt ist der Japaner aber nicht.

Mit Justin Timberlake auf der Leinwand

Die Zuschauer sehen einen der spektakulärsten Halfpipe-Wettbewerbe, den es je gab. Bei jedem Sprung johlen und staunen sie. "Es war einfach unglaublich", sagt Scotty Thomas aus Australien, der Bronze gewinnt. Zwei 1440er-Sprünge hintereinander hat selbst White noch nie gezeigt. Es ist auch nötig. Shaun White hat den Sport zwar geprägt wie kein anderer, er hat 2006 und 2010 schon Gold gewonnen, damals noch mit langem roten Haar, was ihm den Beinamen "die fliegende Tomate" einbrachte. In Sotschi 2014 aber wurde er nur Vierter. Was an seinem Image des Sonntagskinds, dem einfach alles gelingt, kratzte.

Er machte also erst einmal Pause, spielte mit seiner Rockband bei Festivals, kümmerte sich um die Familie und Freunde, spielte eines der drei Computerspiele, die er herausgegeben hatte. Oder begutachtete die neuesten Schnitte seiner eigenen Modelinie. Oder schaute sich noch einmal den Dokumentarfilm an, der über ihn gedreht wurde. Oder seinen Gastauftritt im cineastischen Leckerbissen Freunde mit gewissen Vorzügen, in dem er neben Mila Kunis und Justin Timberlake sich selbst spielte. Oder er sah sich Vorwürfen seiner Schlagzeugerin ausgesetzt, er habe sie sexuell belästigt.