Footballspieler machen sich auf dem Feld warm. Breite Schultern, ernste Gesichter, Anspannung vor dem Spiel. Nils Müller geht von Spieler zu Spieler und fragt: "Wie geht’s dir?" Spieler: "Coach, es geht mir gut, ich kann spielen." Müller entgegnet: "Ich frag dich gar nicht, ob du gesund bist, ich frag dich, wie’s dir geht. Alles gut bei dir?" Der Spieler antwortet, leicht verdutzt: "Ja, klar, alles super, Coach."

"Jeder Mensch möchte gesehen werden", sagt Nils Müller, Coach der Recklinghausen Chargers und Student der evangelischen Theologie. Seine Religion ist ihm wichtig, aber er liest seinen Spielern nicht aus der Bibel vor, auch bringt er sie nicht zum Beten. Er möchte ihnen einen Ort geben, an den sie gerne kommen, wo jeder ein wichtiger Teil des Teams ist.

Müller, 25, trägt einen grauen Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhe, er sitzt in einem Café in Recklinghausen. Es ist mitten in der Woche. Früher hätte er die Tage gezählt, bis es wieder auf Schalke geht, in die Nordkurve, sein zweites Zuhause, seine Gruppe. Sein Vater machte es vor: unter der Woche malochen, am Wochenende auf Schalke oder zum Auswärtsspiel nach Dortmund, München oder Leverkusen.

Heute schreibt Müller in seiner Freizeit Trainingspläne und ist Presbyter in einer Gemeinde. In der zwölften Klasse fing der Umbruch an. Müller, der Klassenclown, hatte keine Lust mehr auf Schule und fragte sich: Wo will ich hin? Was will ich mit meinem Leben anfangen? Sein Neujahrsvorsatz 2011: jeden Sonntag in die Kirche gehen. Religion war eines der wenigen Fächer, das ihm in der Oberstufe noch Spaß machte. Viele Lehrer hatten ihn abgestempelt als den, der keine Lust hatte. Seine Religionslehrerin sah das anders, sie förderte ihn.

Vom Fußball zum Football

Zu dieser Zeit schlich die Schalke-Leidenschaft langsam davon. Müller schätzte zwar noch immer die Ideale der Ultraszene als politischer Bewegung, den Kampf gegen die Überkommerzialisierung des Fußballs. Doch er sah nun auch den Gruppenzwang. Man muss immer da sein. Man soll so denken, wie alle denken. Keine Gedanken außer Schalke. "Fast wie eine Sekte", sagt er.

Lange hatte er selbst Fußball gespielt. Doch als er in die C-Jugend kam, mit etwa zwölf, wurde seine Mannschaft geteilt, in C1 und C2. Müller, der damals zugenommen hatte, musste in die C2, all seine Freunde blieben in der C1. Im Fußball wird früh nach Leistungsstärke gesiebt. Das Gruppengefüge stehe an zweiter Stelle, sagt er. "Da sieht man schon, wo das Problem liegt."

Damals suchte er nach einem neuen Sport und kam mit vierzehn zum Football. Er spielte drei Jahre bei den Recklinghausen Chargers, schaffte es sogar in die NRW-Auswahl. Dann bekam er Knieprobleme, drei Jahre Auszeit, doch er war infiziert. 2013 kehrte er als Spieler zurück und engagierte sich nebenbei als Coach.