Dieser Text ist Teil einer vierjährigen Recherche der Autoren zu Interpol. Die Autoren haben ihre Recherchen in der Arte-Doku "Interpol: Wer regiert die Weltpolizei?" zusammengetragen, die am Dienstag um 20.15 Uhr auf Arte ausgestrahlt wird.

Wohl selten stand der Weltfußballverband Fifa so sehr im Blickpunkt von Ermittlern wie im Mai 2015. Kurz vor dem Fifa-Kongress in Zürich, auf dem sich der damalige Präsident Sepp Blatter noch ein letztes Mal wiederwählen ließ, führte die Schweizer Polizei sechs hochrangige Fifa-Funktionäre in Handschellen aus dem Luxushotel Baur au Lac. Unter ihnen Fifa-Vizepräsidenten und die Verbandschefs aus Brasilien und Costa Rica. Die Vorwürfe gegen die Topfunktionäre waren die Fifa-üblichen: Geldwäsche, Annahme von Bestechungsgeldern sowie Korruption bei den WM-Vergaben 2018 und 2022.

Bis heute beschäftigen die Festnahmen die US-Justiz, auf deren Geheiß die Schweizer Polizisten handelten. Auch als dann die internationale Polizeibehörde Interpol wenige Monate später Fahndungsgesuche nach weiteren Funktionären herausgab, war das vielen eine Nachricht wert. Ein Detail ging jedoch fast unter: Interpol kündigte wenig später ein 20 Millionen Euro schweres Abkommen mit der Fifa, das die Polizisten erst 2011 abgeschlossen hatten.

Sepp Blatter brauchte gutes Image

Blatter suchte den Kontakt zu Interpol vermutlich nicht nur für den gemeinsamen Kampf gegen Sportkriminalität. Er wollte 2011 wiedergewählt werden, die Fifa stand aber da schon bauchtief im Korruptionssumpf. Wer da mit einem Deal mit der obersten Polizeibehörde für sich werben kann, hat gute Chancen auf eine Wiederwahl. Blatter lieh sich das gute Image von Interpol. Er gewann die Wahl. 

Bei Interpol hat das Methode: Seit Jahren setzt sich Interpol einerseits für den sauberen Sport ein. Doch die Organisation scheut sich dabei nicht, auch Millionenverträge mit dubiosen Akteuren aus dem Sport abzuschließen. Indem Interpol Gelder von Sportorganisationen unter Korruptionsverdacht und von autoritären Staaten annimmt, setzt die internationale Polizeibehörde ihre Reputation aufs Spiel – nicht nur als Akteur im Kampf gegen Sportkriminalität. 

Zweitgrößte zwischenstaatliche Organisation der Welt

Die Polizeiorganisation wird von 192 Mitgliedsländern getragen. Nach den Vereinten Nationen ist sie die zweitgrößte zwischenstaatliche Vereinigung der Welt. Sie dient den nationalen Kriminalpolizeibehörden dazu, über Staatengrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Die Organisation mit Sitz im französischen Lyon schult Polizisten und Zollbeamte aus aller Welt. Von 2000 bis 2014 führte der Generalsekretär Ronald Noble, ein US-Amerikaner, die Organisation. Er entwickelte sie rasant weiter, weitete die Aufgaben von Interpol stark aus. Experten schätzen seine Erfolge.

Auch das Finanzierungsmodell änderte Nobel. Bis 2011 finanzierte sich Interpol fast ausschließlich über Zuwendungen seiner Mitglieder. Unter seiner Führung aber schloss Interpol binnen weniger Jahre mehrere große Deals: Von der Fifa sollte die Organisation 20 Millionen Euro, verteilt auf zehn Jahre, erhalten. Von der Pharmaindustrie weitere 4,5 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre. 2014 beschlossen die Mitgliedsstaaten dann, ihr Budget künftig sogar bis zu 50 Prozent durch Einnahmen aus der Wirtschaft zu öffnen. 

Nicht der erste kritische Fall

Denn wer die Weltpolizei auf seiner Seite hat, profitiert auch von deren gutem Image. Die Polizisten bringt das in eine schwierige Lage. Die Fifa-Finanzierung war nicht der einzige Fall, bei dem Interpol in die Kritik geriet. Bereits 2013 deckte DIE ZEIT die Interessenkonflikte hinter Interpols Millionenabkommen mit der Tabak- und der Pharmaindustrie auf.

Ende 2014 wurde der Deutsche Jürgen Stock zum Generalsekretär gewählt. Er führte eine Ethikkommission ein, einen Due Diligence Officer, der auf die Sorgfalt der Behörde achten soll, und kündigte mehr Transparenz an. Viele der unter Nobel abgeschlossenen Verträge wurden entweder gekündigt, wie im Falle der Fifa, oder liefen, wie im Falle von Philip Morris und der Pharmaindustrie, einfach aus.

Die Kündigung mit der Fifa besiegelte aber nicht das Ende von Interpols Engagement im Weltsport. Nur Insider aus der Sportpolitik wissen, welche Rolle Interpol noch immer spielt. Die breite Öffentlichkeit bekommt davon kaum etwas mit. So hat die Polizeiorganisation im Rahmen des Projekts Stadia 2012 ein zehn Millionen US-Dollar schweres Abkommen mit dem Organisationskomitee der Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar abgeschlossen. Ziel sei es, die Sicherheit der WM 2022 zu gewährleisten und darüber hinaus bleibende rechtliche Regeln für die Welt zu schaffen, so Interpol. 

Teil der Kooperation sind Expertengruppen, Sicherheitsschulungen sowie Trainings und Konferenzen. Als um die umstrittene WM vor vier Jahren die ersten Gerüchte aufkamen, das Turnier könnte gekauft worden sein, kündigte Interpol das Abkommen nicht auf. Das änderte sich auch nicht, als bald darauf unter anderem das FBI und Schweizer Behörden gegen die Sportorganisation Ermittlungen einleiteten. Das Abkommen besteht bis heute.

Pikante Personalien

Interpol arbeitet auch nicht nur organisatorisch mit der Fifa zusammen. Gleich mehrere ehemalige Interpol-Mitarbeiter wechselten die Seiten und sitzen nun in hoch dotierten Jobs. So war der Australier Chris Eaton zunächst als Sicherheitschef der Fifa aktiv und später auf einem ähnlichen Posten im staatlichen Internationalen Sportsicherheitszentrum (ICSS) in Katar. Eaton ermittelte also erst über Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit der Vergabe nach Katar und wechselte dann an ein dortiges Sicherheitszentrum, für das er sich für eine weltweite Integritätsreform im Sport einsetzte.

Eaton sieht in seinem Posten aber keinen Interessenkonflikt, wie er in der Arte-Dokumentation verrät. Mittlerweile ist der Australier als Berater für den universitären Ableger des ICSS an der Pariser Universität Panthéon-Sorbonne tätig.

Der kanadische Ex-Interpol-Mitarbeiter Dale Sheehan und dessen britischer Kollege Fred Lord wurden derweil, nicht zuletzt dank Eaton, Mitte 2017 Teil einer Integritätseinheit des ICSS, die weltweit für den sauberen Sport werben soll. Auch der ehemalige österreichische Interpol-Mann Werner Schuller war eine Weile am katarischen Zentrum beschäftigt, er arbeitete für das ICSS unter anderem an einem Handbuch zum Thema Spielmanipulation. Gegenüber Arte sagte Interpols Due-Diligence-Officer Kris D‘hoore, dass er staatliche Geldgeber wie Katar grundsätzlich nicht auf Integrität überprüfe.

Fifa und das IOC

Doch Interpol hat aktuell noch einen weiteren umstrittenen Geldgeber: Seit 2015 gibt es ein eineinhalb Millionen Euro schweres, auf drei Jahre angelegtes Abkommen mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Das Ziel: "Die Sicherheit und die Integrität im Sport zu erhöhen", vor allem im Bereich des Dopings, der Spielmanipulation und der Korruption. Seitdem gab es mehrere gemeinsame Aktionen. Im Juni 2016 reisten Experten von Interpol und IOC in Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele nach Rio de Janeiro und schulten Richter, Staatsanwälte und Polizisten in der Sportkriminalität. 2017 organisierten Interpol und IOC gemeinsam mehrere Konferenzen zum Thema Integrität im Sport auf den Bahamas und in Westafrika.

Mitten hinein in diese Kooperation fielen pikanterweise gleich mehrere IOC-Skandale: Erst im Dezember 2015 leitete die Schweizer Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen möglicher Bestechung im Zusammenhang mit der Vergabe der Olympischen Spiele in Rio 2016 und Tokio 2020 ein. Noch während der Spiele in Rio wurde Pat Hickey, damals Präsident des irischen Olympischen Komitees und Vertrauter von IOC-Präsident Thomas Bach, festgenommen. Ihm warf man vor, in illegalen Tickethandel verwickelt zu sein. In mehreren Recherchen der ARD-Dopingredaktion in der Serie Geheimsache Doping – Das Olympiakomplott zeigte sich zudem die fragwürdige Rolle des IOC im Skandal um das russische Staatsdoping

Interessenkonflikte

Die Zuwendung mit dem IOC sei vollständig in Einklang mit den Due-Diligence-Richtlinien der Organisation, erklärt dagegen Interpol auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Man arbeite deshalb auch künftig weiter nicht nur mit dem IOC, sondern auch mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zusammen, mit der ebenfalls ein derartiges Abkommen besteht.

Die Anwältin Sylvia Schenk sagt, dass Interpol nach dem "unüberlegten Sponsoring" im Falle der Fifa weitreichende Mechanismen installiert habe, "die klare Kriterien an die Annahme von Drittmitteln anlegen". Schenk arbeitet für Transparency International und ist Mitglied in der von Interpol-Chef Stock ins Leben gerufenen Ethikkommission.

Andere NGO-Mitarbeiter sind skeptischer: "Wir erachten es als heikel, wenn Interpol von privaten Organisationen mitfinanziert wird", sagt Martin Hilti, Geschäftsführer von Transparency International Schweiz. Dadurch könnten Interessenkonflikte entstehen und die Unabhängigkeit von Interpol infrage stehen. So bestehe insbesondere die Gefahr, dass Private Einfluss nehmen auf die Tätigkeit von Interpol. Mit dieser Einschätzung steht er wohl nicht alleine da. Auch die Ethikkommission und strenge Due-Diligence-Vorschriften können künftig kaum vermeiden, dass Interpol zumindest dem Verdacht der Beeinflussung ausgesetzt ist.

In Kooperation mit Arte, Mediapart und dem Journalisten-Netzwerk We Report.