Stumm sitzen sie am Brett, Stunde um Stunde, betrachten die Stellung, schließen die Augen, reiben sich die Stirn, stehen auf, gehen umher, setzen sich wieder hin, betrachten die Stellung. Die Partie Alexander Grischtschuk gegen Wladimir Kramnik am Montag zum Beispiel: sieben Stunden konzentrierten Nichtredens in einer schwarzen, stillen Arena. Selbst Schachboxer im Ring, obschon durch Mundschutz behindert, teilen mehr von sich mit, machen "Ha!", wenn ein Schlag sein Ziel erreicht – im Schach undenkbar!

Dabei ist Schach kein Stummfilm. Es gibt eine Tonspur, sie läuft bloß woanders, außerhalb des Spielsaals. Im Falle des Berliner Kühlhauses, in dem zurzeit das Kandidatenturnier stattfindet, gibt es den Ton drei Stockwerke oberhalb der Aktion. Unten schweigen Grischtschuk und Kramnik, oben redet Ilja Zaragatski die ganze Zeit. Wenn es sein muss, sieben Stunden lang.

Ilja Zaragatski deutet beim Kandidatenturnier in Berlin dem Schachpublikum die Züge. © Niki Riga

Ilja, wie wir ihn angesichts seines komplizierten Nachnamens hier einfach nennen, ist Schachkommentator. Fällt den Spielern am Brett nichts mehr ein, muss er selbst dafür noch Worte finden. Er ist, salopp gesagt, ein Erklärbär des königlichen Spiels, dabei wirkt er kein bisschen bärig, sondern alert und frisch, wie er so vor seinem Publikum und den Kameras der Internetübertragung sitzt und laut über das nachdenkt, was auf den Bildschirmen im Saal alle sehen können.

Naturtalent und Autodidakt

Vier Partien gibt es in jeder Runde des Turniers, vier Diagramme somit auf jedem Schirm. Es sind kühle, schwarz-bläuliche Darstellungen, die mithilfe von Symbolen auf den Feldern den Stand der Dinge auf dem Brett abbilden. Der König ist eine Krone mit Kreuz, die Dame ein Krönchen mit energischen Zacken. Der Springer ist ein Pferd, der Turm ein Turm. Im Schachfernsehen zählt nicht in erster Linie das Videobild der grübelnden Spieler, das es auch gibt, sondern dieses Stellungsdiagramm.

Ilja greift sich unter den vier Diagrammen eines heraus, holt es auf einen extragroßen Schirm und beginnt, die Züge zu deuten. Manchmal sieht er mehr in einer Position als die Spieler, manchmal weniger. Auf die allwissenden Computer verzichtet er. Wozu Stellungen berechnen lassen, wenn er sie lesen kann? Oh, da könnte gleich ein Bauer verloren gehen. Na, dann gerät der Läufer aber ins Abseits. Die Felder um den König werden schwach.

Der in Sankt Petersburg geborene Hamburger ist 32 Jahre alt, Diplomvolkswirt und Großmeister. Er spielt für Aachen in der Schachbundesliga-Mannschaft, neben dem legendären Ukrainer Wassili Iwantschuk. Aber hauptsächlich arbeitet er mit, für, im, über Schach. Zwei Jahre war er Geschäftsführer der Hamburger Schachinternetfirma Chess24, dort hatte er einst auch seine ersten Moderationen gemacht, ein Naturtalent, ein Autodidakt.

Schach kommt gut an bei den Frauen

Ilja sieht gut aus, ist elegant gekleidet, hat eine prägnante, sinnliche Stimme und sagt sinnvolle Dinge. Er sucht weder die plumpe Pointe, noch ergeht er sich in drögen Variantenketten. Er vertraut auf die Kraft seines Wissens und seiner Erscheinung. Er strahlt eine Gelassenheit aus, die jeder Zeitnot und jedem Fehler trotzt.

Das Publikum folgt ihm gern; eignet sich der Moment, wird sogar applaudiert. Schachspieler sind sehr dankbar, wenn ihnen mal jemand was erklärt. Das Spiel ist ja so kompliziert! Manche hören den Kommentar über Stunden, gehen dann heim und können ihren Lieben beseelt erzählen, wie kompliziert das alles ist, und ihre Lieben sehen sie staunend an.

In der Regel kommentieren sie zu zweit. Ilja ist immer da, sein meisterliches Gegenüber wechselt alle paar Tage. So kommt Bewegung in die Show. Die Kunst liegt darin, sehr unterschiedliche Zuschauer gleichermaßen anzusprechen. Einige wissen gerade, wie die Figuren ziehen, andere spielen gern mal zu Hause oder ständig im Internet oder jede Woche in ihrem Schachverein. Alle sollen etwas mitnehmen können, keiner sich langweilen.

Zum Berliner Kandidatenturnier gibt es Livestreams mehrerer Anbieter, auch auf Englisch, Spanisch und Russisch, die ganze Welt hat teil.

Ilja Zaragatski ist bei aller Hingabe nicht aufs Schach fixiert. Gerade schreibt er ein Buch, ein Ratgeber für Männer soll es werden, mit vielen Themen. Seine Aussage zum Onlinedating hier schon mal vorweg: Schach kommt gut an bei den Damen.

In der achten Runde des Kandidatenturniers ringt der Russe Grischtschuk in der bisher längsten Partie seinen Landsmann Kramnik nieder. Die anderen drei Begegnungen enden remis. Somit steht es nach 8 von 14 Runden:

  • 1. Caruana 5,5 Punkte,
  • 2. Mamedjarow 5 Punkte,
  • 3. Grischtschuk  4,5 Punkte,
  • 4. Ding 4 Punkte,
  • 5./6. Kramnik und Karjakin 3,5 Punkte
  • 7./8.  So und Aronian 3 Punkte

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie das Kandidatenturnier, das vom 10. bis 28. März in Berlin stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Alles zum Turnier finden Sie auf unserer Themenseite.