Als es bei mir anfing mit Schach, noch zur Grundschulzeit, traf ich mich nachmittags oft mit meinem besten Freund Raimund und wir spielten eine Partie und kloppten uns dann auf dem Rasen, bis wir völlig verschwitzt und dreckig waren, und dann spielten wir noch eine Partie, dann kloppten wir uns wieder. Raimund hörte später auf mit Schach und Kloppen und wurde Pastor, ich hörte auf mit Kloppen und bin heute Schachreporter.

Anders als Bill Gates und seine Freunde kamen wir nie auf die Idee, aus unserem Zeitvertreib etwas Weltumspannendes zu entwickeln. Wir hatten das Potenzial der Sache einfach nicht erkannt. Erst nachdenken, dann zuschlagen – wie attraktiv diese Kombination ist, noch in ihrer Umkehrung!

Nun sind andere uns zuvorgekommen, in Berlin natürlich, jener Hauptstadt der Maulschelle, wo sich sogar eine Politikerin der SPD mit der Formulierung "ab morgen kriegen sie in die Fresse" für ein strategisch wichtiges Amt empfehlen konnte.

Deshalb hatte ich am Freitagabend keine Wahl: Ich muss um halb acht die noch laufende sechste Runde des Kandidatenturniers im Kühlhaus verlassen, um gemeinsam mit dem führenden österreichischen Schachreporter Anatol Vitouch und dem tschechischen Schachzug-Erfinder Pavel Matocha in den Festsaal Kreuzberg zu eilen. Dort lädt zum zehnten Mal der Intellectual Fight Club ein: Schachboxen für Einsteiger und Fortgeschrittene, Teil einer inzwischen weltweiten Bewegung. Was werden wir sehen? Mattbilder? Blaue Augen?

Der Saal ist voll, der Abend ausverkauft, 600 Leute, 15 Euro das Ticket. Junges Publikum, Start-up-Szene, viele Frauen, in der Mitte erhöht der Ring und mitten im Ring das Schachbrett.

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Schachboxen geht so: Eine Partie Schach und ein Boxkampf  sind über neun Runden ineinander verzahnt. Erste Runde: 3 Minuten Schach, zweite Runde: 3 Minuten Boxen, dritte Runde: 3 Minuten Schach und so fort. Der Kampf wird entschieden durch K. o., Matt oder Zeitüberschreitung beim Schach, denn die Bedenkzeit jedes Spielers ist auf neun Minuten begrenzt. Nur bei Remis entscheidet die Boxpunktewertung – der Fall soll aber in der 15-jährigen Geschichte dieses Spezialsports noch nie vorgekommen sein.

Es treten an: Lars Rooch mit den weißen Steinen und den weißen Shorts, Mazen Girke mit den schwarzen Steinen und den schwarzen Shorts. Lars mit prachtvollem Vollbart und ansehnlichem Oberkörper, ein Riese, Tischler aus Dresden. Ihm gegenüber, klein und gefährlich, Mazen, ein syrischer Gas-, Wasser- und Heizungsinstallateur aus Berlin. Zwei Männer Mitte dreißig, die es wissen wollen: Kann Mazen Lars das Wasser abdrehen? Wird Lars Mazen in Späne zerlegen?

Ring frei zur ersten Runde. Keine Boxhandschuhe beim Schach, das hilft sehr. Dafür Kopfhörer, in denen es wild rauscht. Die Akteure sollen den launigen Partiekommentar aus den Saallautsprechern nicht hören. Die Schachpartie wird auf Leinwände übertragen; alle sehen, was gespielt wird. Der weiße und der schwarze Damenbauer sind sofort Kopf an Kopf, dann zieht Lars den Königsläuferbauern ein Feld vor, 2. f3, ein riskanter Zug, der die eigene Stellung gefährlich lockert; will er Mazen foppen?

Die ersten Züge rasend schnell, man kommt kaum mit, nach ein paar Sekunden hat Lars schon fünf Bauern vorn, und seine Dame guckt, was geht, während die leichten Offiziere auf der Grundreihe herumstehen und auf ihren Einsatz warten. Mazen tänzelt am Brettrand herum. Will er Lars erst mal kommen lassen?

Wir Schachfreunde im Publikum, die wir eben noch im totenstillen Kühlhaus bei den Kandidaten waren, wir werden jäh daran erinnert, dass es im Schach nicht nur die absolute Wahrheit des besten Zuges gibt, sondern auch die relative Wahrheit des wechselseitigen Unvermögens: Beide Seiten spielen so schlecht, dass man nicht sagen kann, wer verlieren wird.