René Lau ist Fußballfan und seit 1994 Anwalt. Im Laufe der Zeit begann er, beide Bereiche zu verbinden. Er wurde Fananwalt, verteidigt also Fußballfans in Strafverfahren oder kämpft um die Aufhebung von Stadionverboten. Lau ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte, die dem oft einseitigen Bild des Fußballfans als Sicherheitsrisiko entgegen wirken möchte. Dieses Gespräch erschien im Buch "Mittendrin - Fußballfans in Deutschland" von Anne Hahn und Frank Willmann, das ab 16. März im Onlineshop der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich ist. Für ZEIT ONLINE wurde das Gespräch gekürzt und bearbeitet.

Frage: Herr Lau, hat der deutsche Fußball ein Gewaltproblem?

René Lau: Im deutschen Fußball gibt es nicht mehr oder weniger Gewalt als im normalen Leben. Ich bin sogar der Meinung, dass in den vergangenen 25 bis 30 Jahren die Gewalt rapide abgenommen hat. Ich gehe seit Anfang der 1970er Jahre zum Fußball und habe erlebt, was in den 1970ern, 1980ern und Anfang der 1990er in den Stadien oder im Umfeld der Stadien los war. So etwas wäre heute undenkbar. Wenn so was heute passieren würde, würde man in Deutschland auf die Idee kommen, Fußball zu verbieten.

Frage: Sind Fußballfans konservativ bis rechts-offen?

Lau: Im Fußball bildet sich das gesamte Spektrum der Gesellschaft ab. Rechts, links, Arbeiter, Intellektuelle, Schwule, Lesben, Heteros. Fußballfans sind nicht per se rechts-offen. Sicher gibt es die. Viele Fans sind womöglich konservativ insofern, als es wohl kaum einen Fußballfan gibt, der irgendwann mal etwas gegen seinen Verein gelten lässt oder sich von seinem Verein abwendet. In dem Sinne konservativ, aber im politischen Sinne eher nicht.

Frage: Wie wichtig sind den Ultras die Auseinandersetzungen mit dem Gegner, dessen Fans und der Polizei?

Lau: Die Auseinandersetzung mit dem Gegner ist nicht anders als bei anderen Fans, bei Kuttenfans, auch bei Hooligans. Man will seinem Verein beistehen, man will für seinen Verein einstehen, man will sich mit dem Gegner messen. Das wird auch in hundert Jahren noch so sein. Daran ist grundlegend erst mal nichts auszusetzen. Gewalt ist nicht die Motivation. Ultras konkurrieren auch durch andere Dinge wie Choreos oder ziehen sich mit Sprüchen und Gesängen durch den Kakao. Ein Feind ist auch die Polizei, wobei ich der Meinung bin, dass gerade in den vergangenen Jahrzehnten die Polizei daran einen erheblichen Anteil hat. Deeskalation, wie es bei großen Demonstrationen in den vergangenen Jahren deutschlandweit versucht wird, von der Polizei umzusetzen, gibt es meines Erachtens im Fußball überhaupt nicht. Aus meiner Sicht gibt es von Seiten der Polizei nur Konfrontation.

Frage: Warum?

Lau: Weil der Fußballfan ein Probierfeld der Politik ist, insbesondere eines der Innenminister der Bundesländer, die sich da ja immer wieder tolle neue Dinge ausdenken. Kein Mensch würde heute auf die Idee kommen, ein allgemeines Diskoverbot für ganz Deutschland auszusprechen oder ernsthaft Leute mit einer Fußfessel zu versehen oder einen Gesichtsscanner am Eingang einer Disko anzubringen, weil es vielleicht in dieser Disko immer mal wieder Schlägereien gab. Das wird nur bei Fußballfans probiert, das kann man medial sehr gut aufbauen und im Wahlkampf darstellen, man kann Punkte gewinnen, vermeintlich, in Teilen der Gesellschaft – und dagegen muss man sich einfach wehren.

Frage: Wo fängt bei Ihnen Willkür an?

Lau: Willkür fängt bei mir da an, wo versucht wird, den Boden des Grundgesetzes zu verlassen. Ein Fußballfan gibt am Stadiontor nicht seine Grundrechte ab. Diese Rechte werden meines Erachtens ohne jegliche Begründung eingeschränkt. Ein Beispiel: Wenn Auswärtsfans irgendwo am Bahnhof ankommen, kann es eigentlich nicht die Regel sein, dass jeder sofort seiner Freiheit beraubt wird, indem ihm untersagt wird, in die Innenstadt zu gehen. Sie müssen in einem Polizeikessel bleiben. Nach dem Spiel geht es so vom Stadion auch sofort wieder zurück. Aber wenn der Fan am Bahnhof oder mit seinem Auto in einer Stadt ankommt, muss er sich bewegen dürfen ohne ihm pauschal zu unterstellen, er sei gewaltbereit. Man kann sowas im Nachhinein juristisch überprüfen lassen. Aber ehrlich gesagt verfügen die Leute, die zu mir kommen, selten über ein großes Einkommen und scheuen aus finanziellen Gründen ein gerichtliches Verfahren.

Frage: Welche Möglichkeiten nutzen die Sicherheitsbehörden im Fußball?

Lau: Sie sammeln Daten. Es gibt ja verschiedenste Dateien in diesem Land, in dem die verschiedensten Menschen von der Polizei registriert werden. Aber in so einer Grauzone wie dem Fußball, wo so intensiv von verschiedensten Behörden Daten gesammelt werden und wo das auch die größte Auswirkung auf den Einzelnen hat – wenn man beispielsweise Probleme bei der Ausreise am Flughafen hat, wenn man mit Frau und Kind in die Türkei in den Urlaub fahren will – ist es schon doll. Und das passiert immer häufiger.

Frage: Es geht um Vorratsdatenspeicherung.

Lau: Erst durch die Anfrage vom damaligen Piraten-Abgeordneten Lauer ist überhaupt ans Licht gekommen, dass es zum Beispiel in Berlin so eine Datei gibt. Die Datei ist geschaffen und geführt worden ohne rechtliche Grundlage. Das ist quasi am Parlament vorbei geschehen. Das ist ein Skandal. Erst durch die Anfragen von Abgeordneten in allen Bundesländern ist diese Thematik in den vergangenen zwei, drei Jahren überhaupt hochgekommen. Keine Polizeibehörde in diesem Land, in keinem einzigen Bundesland, hat sich irgendwann mal freiwillig hingestellt und gesagt: Wir führen so eine Datei. Alle sind erst mit der Information rausgerückt, als es entsprechende Anfragen von Landtagsabgeordneten gab. So sieht keine Polizeiarbeit aus, so sieht keine transparente Politik aus. Als Jurist frage ich mich auch: Über wen werden noch Dateien geführt, von denen man nichts weiß? Es gibt ja nicht mal eine gesetzliche Grundlage, dass die Polizei verpflichtet ist, einfach nur jemanden darüber zu informieren, dass er eingetragen ist.