Zu Beginn des Spiels gleich Jubel in München: "Tor in Madrid" steht an der Anzeigetafel, 0:1 für Turin durch Mario Mandžukić in der zweiten Minute. Die Bayern-Fans feiern, die aus Sevilla auch. Beide Seiten hoffen auf ein Ausscheiden von Real. Sevilla, weil sie dort die reiche Übermacht aus der Hauptstadt hassen. Die Bayern, weil man dann den großen Rivalen auf dem Weg ins Finale oder zum Titel nicht mehr selbst aus dem Weg räumen müsste. 

Dass man so etwas überhaupt hoffen darf nach Reals deutlichem 3:0-Sieg in Turin im Hinspiel, liegt an den Geschehnissen des Vortags. Rom erlebte mit dem 3:0 gegen Barcelona das größte Wunder seit der Säugung der Stadtgründer durch eine Wölfin. Und der Titelkandidat Manchester City, dem man eher zugetraut hatte, ein 0:3 aus dem Hinspiel wettzumachen, schied auch aus.

Das Gefühl, dass in diesen Tagen Ungewöhnliches im Fußball passieren kann, liegt in München schon vor dem Anpfiff in der Luft. Anhänger aus beiden Lagern reden darüber auf dem Weg ins Stadion. Noch ein Gefühl schleicht sich bald ein: nämlich das blöde, schon wieder beim falschen Spiel zu sein. Und täglich grüßt die Champions League. Am Vortag konnte man am Fernseher noch den Standort wechseln, von Manchester, wo Liverpools Tor kurz nach der Pause aus dem Spiel die Luft ließ, nach Rom.

Die Zuschauer beim Spiel Bayern gegen Sevilla können das nicht. Und weil bei diesem 0:0 nicht sehr viel passiert, schaut das ganze Stadion währenddessen mit einem Auge, später mit beiden, auf die Ereignisse in Madrid, die sich ähnlich furios und irre entwickeln wie die am Tag zuvor.

Champions League - Bayern reicht ein Unentschieden zum Halbfinale Zwar erzielten die Bayern gegen den FC Sevilla kein Tor. Doch wegen des Siegs im Hinspiel stehen sie trotzdem im Halbfinale der Champions League. © Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters

Auch Robben kann grätschen

Das Spiel in München erreicht keine Temperatur, weil sich Sevilla zwar als harmonisches Kollektiv präsentiert, technisch versiert, mit kluger Spielanlage. Aber die Elf hat zu wenig individuelle Qualität, nicht mal einen aktuellen spanischen Nationalspieler. Sie hat keinen schnellen Stürmer, der sich im Eins gegen Eins durchsetzen kann. Schnell wird klar: Zwei Tore, die nach der 1:2-Niederlage im Hinspiel mindestens nötig sind, werden die Spanier kaum schießen.

Klar, es gibt eine Phase in der ersten Halbzeit, da geraten die Bayern ein bisschen ins Schwitzen. Da spazieren die Sevillanos durchs Mittelfeld und enthalten ihnen den Ball. Die vielen Tausend Fans aus Andalusien machen sich bemerkbar. Man erkennt viele kleine Schwächen in der Bayern-Abwehr, so manches Stellungsfehlerchen von Joshua Kimmich oder einen Ballverlust von Javi Martínez. Einmal bekommt Mats Hummels einen Anschiss von Jérôme Boateng. Hummels ist nach Boatengs Auffassung in der Szene zuvor nicht da gewesen, wo er gebraucht wird.

Doch Sevilla kann das nicht ausnutzen. Einmal fliegt ein Kopfball von Joaquín Correa an die Latte, es ist die beste Chance des Spiels. Denn auch die Bayern haben nicht die ganz klaren Möglichkeiten. Sie zählen mehr Schüsse, wenn auch meist aus spitzem Winkel, und viel mehr Ecken. Doch ihnen mangelt es an Präzision im Angriff. Viele Pässe und Dribblings enden im Nichts.

Bayerns Stärke an diesem Abend ist der Kampf, wie auch Jupp Heynckes nachher sagen wird. Seine Mannschaft zieht sich bei Gefahr weit zurück, verteidigt in Überzahl, sogar die Offensiven James, Arjen Robben und Franck Ribéry packen die Grätsche aus.

Auch für den Befreiungsschlag ist sich keiner zu schade. In einer Szene schlägt Thomas Müller eine Kerze in rückwärtiger Stellung. Das sieht aus wie beim Spinnenfußball, einer Spielform aus dem Schul- oder Seniorensport, bei der sich die Spieler nur auf Händen und Füßen gleichzeitig fortbewegen dürfen. Müller steht danach aber wieder auf.

Nein, in der B-Note überzeugen die Bayern nicht. Schon im Hinspiel waren sie auf anderthalb Eigentore angewiesen. Bis zum eher zufälligen Ausgleich war der Gegner besser gewesen, erst danach kamen die Münchner stärker auf. So ist dieses Duell insgesamt vielleicht das schwächste, auf jeden Fall aber das ereignisloseste dieses Viertelfinals.

Die Bayern-Fans stört das nicht weiter. In der K.o.-Runde der Champions League wird es auch in der Arena in Fröttmaning laut. Am lautesten aber wird es, wenn neue Zwischenstände aus Madrid eingeblendet werden. Noch in der ersten Halbzeit steht da: 0:2 Mandžukić, untermalt von einer euphorischen Ansage des Stadionsprechers. Die Zuschauer und Journalisten schauen nun noch öfter aufs Handy und drücken den Reload-Button des Livetickers. Vom verletzten Arturo Vidal kursieren später Fernsehbilder, wie er in der Loge auf sein Laptop schaut.