RB Leipzig Wenn ein Dorfverein Flügel bekommt

RB Leipzig ist das neue Feindbild unter Fußballfans. Der Ziehverein des Getränkeherstellers Red Bull soll in wenigen Jahren die Bundesliga erobern.

Spieler des RB Leipzig laufen sich warm

Spieler des RB Leipzig laufen sich warm

Als am 1. Spieltag Borussia Dortmund im Westfalenstadion auf den 1. FC Köln traf, spielten sich die Anhänger beider Vereine via Transparent die Bälle zu: "Neue Farben, keine Tradition ...", hieß es im Borussenblock, "... gab es auch in Salzburg schon" beim FC-Anhang. "Red Bull, verpiss dich!" einte dann beide Lager. Keine Frage: In der Oberliga Nordost Staffel-Süd, einer der Fünften Ligen, muss Gravierendes passiert sein, wenn sich vier Spielklassen darüber Fangruppen, die sich ansonsten nicht besonders grün sind, zu einer gemeinsamen Protestaktion veranlasst fühlen. Vielleicht ist es ja auch die Ahnung, dass in ein paar Jahren ein Verein mit Köln, Dortmund, Hamburg oder München konkurrieren könnte, dessen Stadion bislang in einem sächsischen Örtchen namens Markranstädt liegt. 

Je näher man an Leipzig rückt, desto unbeliebter scheint der RB Leipzig zu sein. Im Osten, wo viele traditionsreiche Klubs mangels Masse in Amateurligen herumdümpeln, wirkt das Geschäftsmodell, das auf sehr viel Geld beruht, nicht eben sympathisch. Red-Bull-Firmenchef Dietrich Mateschitz erklärte bereits, er habe für die kommenden Jahren einen dreistelligen Millionenbeitrag eingeplant, um sein Ziehkind in die Bundesliga zu hieven.

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Der Weg dahin wird nicht einfach werden. Am 1. Spieltag zogen es die RB-Spieler nach der Partie in Jena vor, ungeduscht und mit Blaulichteskorte aus dem Stadion zu flüchten – zu massiv waren die Anfeindungen in den neunzig Minuten zuvor. RB Leipzig gilt den Ultras in den Kurven als Feind Nummer eins, als Sinnbild für den Sieg des Geldes über die Tradition. Und damit für all das, was sie am modernen Fußball ablehnen. Sie halten die Vereinsneugründung von RB Leipzig, der vom Dorfverein SSV Markranstädt das Spielrecht in der Fünften Liga erwarb, für ein reines Marketinginstrument des in Salzburg ansässigen Red-Bull-Konzerns.  

Diese Interpretation liegt nahe. Das Emblem, das der Klub zur Genehmigung vorschlug, ist eine reine Doublette des Red-Bull-Salzburg-Wappens, bei dem nur die Stadtnamen ausgetauscht wurden. Der Sächsische Fußballverband unterband dies jedoch. Seither prangt das Ochsen-Logo nur noch auf der Spielerbrust – als Sponsorenaufdruck ist das selbstverständlich erlaubt. 

Firmengründer Mateschitz lässt der Streit um das Wappen, für traditionelle Fans das Allerheiligste ihres Vereins, so kalt wie die Tatsache, dass sein Klub nicht Red Bull Leipzig heißen darf: "Mit dem Namen RB Leipzig und den Bullen auf den Dressen sollte die Identifikation mit unserem Haus ausreichend gegeben sein", sagte er einem Schweizer Journalisten. Das Kürzel RB Leipzig erinnert dabei natürlich alles andere als zufällig an Red Bull, steht aber offiziell für Rasen Ballsport Verein e.V.  Die DFB-Statuten verbieten, außer bei Werkteams wie Carl Zeiss Jena und Bayer Leverkusen, Unternehmens- oder Produktnamen. 

"Wir sind kein Retortenverein, sondern ein neu gegründeter Klub, der hohe Ziele hat." Der Mann, der das sagt, heißt Joachim Krug, ist Manager von RB Leipzig und war früher beim LR Ahlen tätig. Den Klub aus dem Westfälischen hievte er mit Geschick, Sachverstand und viel Geld vom Inhaber eines Kosmetikvertriebs zwischenzeitlich von der Fünften in die Zweite Liga. Die Konstellation hat ihn in den Blickpunkt der Salzburger gerückt, die einen Manager für das operative Geschäft am Ort des Geschehens suchten.

Red Bull hat bereits vor der ersten Saison in Deutschland viel Geld in den Kader gesteckt. Es kickt sogar ein ehemaliger Nationalspieler in der Fünften Liga: Ingo Hertzsch. Neben ihm verteidigt Thomas Kläsener, der wie Keeper Sven Neuhaus vom Zweitligisten FC Augsburg kam. Kurz vor dem Derby wurde noch Nico Frommer geholt. Der Stürmer spielte zuletzt in Osnabrück in der Zweiten Liga. 

Nun kann man sich fragen, ob es gerecht ist, einen einzigen Verein stellvertretend für alles Übel in der kommerzialisierten Fußballwelt verantwortlich zu machen. Zumindest die RB-Verantwortlichen, die fast schon paranoid darauf achten, keine weitere Angriffsfläche zu bieten, fragen sich das. Schließlich, sagt ein hochrangiger Vertreter des Klubs, sei es keine neue Erkenntnis, dass der sportliche Erfolg eng mit den investierten Summen zusammenhänge. Er hofft darauf, dass in der traditionellen Sportstadt Leipzig Bedarf nach höherklassigem Fußball besteht.

In der Tat gibt es in Leipzig zahlreiche Fußballinteressierte, die sich samstags lieber Erstligafußball im Fernsehen anschauen, als sich auf Seiten eines der beiden Klubs zu schlagen, dessen Fans sich in der Vergangenheit immer wieder übelste Scharmützel geliefert haben. Diese Klientel will RB-Manager Joachim Krug für seinen Verein gewinnen – am besten schon beim Derby: "Das ist für uns die Chance, die neutralen Fans für uns zu begeistern."

Wenn RB am Sonntag auf Lok Leipzig trifft, werden zwischen 10.000 bis 15.000 Zuschauer erwartet, mindestens 8000 werden für Lok sein. Auch deshalb wird die Partie im WM-Stadion ausgetragen, in dem 43.000 Fans Platz finden. Vor allem aber hat die Polizei, von der mehrere Hundertschaften dort sein werden, in der hochmodernen Arena eine bessere Chance, den Spielern und Zuschauern ein höheres Maß an Sicherheit zu gewährleisten.

Lok Leipzig ist nicht gut auf RB zu sprechen. Tief gefallen war der ehemalige Bundesligist (1993/94 als VfB Leipzig) und erste Deutsche Meister von 1909. Zwischenzeitlich musste er sich mühsam aus der Elften Liga bis in die Fünfte Spielklasse emporkämpfen. Noch im Sommer leisteten die Fans unentgeltlich zehntausend Arbeitsstunden, um ihr marodes Stadion wieder in Schuss zu bringen. Auf der Baustelle hörte man wenig Erfreuliches über den neuen Ligakonkurrenten. Selbst der verhasste Lokalrivale FC Sachsen Leipzig sei einem neuerdings sympathisch, hieß es beim Bautrupp. Und dessen Leiter vermutete, dass nur "Menschen, die nicht verlieren können, zu diesem Verein gehen werden." Auch Lok-Stürmer Christian Haufe gibt sich kämpferisch: "Für uns geht es um mehr als um drei Punkte, es geht um die Macht in der Stadt."

 
Leser-Kommentare
  1. Hätte schon lange eine - Fußballmannschaft - verdient!

    Sachsen Leipzig (ehemals Chemie Leipzig), und Lokomitive Leipzig sind in der Tradition verhaftet.
    Beide Vereine spielen in einer Liga, die sie durchaus verdient haben.
    Beide Vereine pflegen ihren fundamentalistischen Anhang mit Hingabe.

    Jetzt gibt es auch RB Leipzig: und das ist gut so.
    Falls Red-Bull-Firmenchef Dietrich Mateschitz in Leipzig bei der Stange bleibt, könnte das Zentralstadion Leipzig bei zeiten zu seinem Recht kommen.

    Sicher, das momentane Umfeld ist unangenehm, bis gefährlich...
    Mateschitz allerdings, ist Einer, der sich durchsetzen kann, wenn er will. Hoffenheim gibt Beispiel. Das kann auch in Leipzig funktionieren.
    Wenn RB Leipzig in einiger Zeit, im Zentralstadion, wie die Hoffenheimer aufspielen, ist das Stadion regelmäßig voll.

    Zuvor, allerdings, wird es vor Ort bestimmt noch den einen oder anderen Polizei Einsatz geben.

    Glück auf, Herr Mateschitz!
    Ich grüße meine Geburtsstadt aus der Ferne.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Berndo
    • 27.09.2009 um 19:15 Uhr

    Also Markranstädt - wenn auch indirekt - als Dorf zu bezeichnen ist schon ein wenig hochnäsig. Immerhin hat dieser Ort den Status einer Kleinstadt mit etwa 15.000 Einwohnern.
    Subjektiv, würden sicherlich die meisten Auswärtigen, würden sie sich vom Leipziger Zentrum nach Markranstädt begeben nicht einmal auf die Idee kommen Leipzig überhaupt verlassen zu haben.
    In diesem Sinne - Nase etwas runter und herzlich Willkommen auf unserem Dorffest!

    • Berndo
    • 27.09.2009 um 19:15 Uhr

    Also Markranstädt - wenn auch indirekt - als Dorf zu bezeichnen ist schon ein wenig hochnäsig. Immerhin hat dieser Ort den Status einer Kleinstadt mit etwa 15.000 Einwohnern.
    Subjektiv, würden sicherlich die meisten Auswärtigen, würden sie sich vom Leipziger Zentrum nach Markranstädt begeben nicht einmal auf die Idee kommen Leipzig überhaupt verlassen zu haben.
    In diesem Sinne - Nase etwas runter und herzlich Willkommen auf unserem Dorffest!

    • Berndo
    • 27.09.2009 um 19:15 Uhr

    Also Markranstädt - wenn auch indirekt - als Dorf zu bezeichnen ist schon ein wenig hochnäsig. Immerhin hat dieser Ort den Status einer Kleinstadt mit etwa 15.000 Einwohnern.
    Subjektiv, würden sicherlich die meisten Auswärtigen, würden sie sich vom Leipziger Zentrum nach Markranstädt begeben nicht einmal auf die Idee kommen Leipzig überhaupt verlassen zu haben.
    In diesem Sinne - Nase etwas runter und herzlich Willkommen auf unserem Dorffest!

    Antwort auf "Das Zentralstadion:"
    • RBFan
    • 19.11.2009 um 12:30 Uhr
    • nuelle
    • 18.05.2010 um 17:28 Uhr

    Die erste Hürde ist genommen und es warten neue Herausforderungen auf Mannschaft und Umfeld in der kommenden Regionalliga Saison. Aber auch dort sollte der Durchmarsch gelingen.

    http://redbullle.wordpres...

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