Pro 50 plus 1 Mit Investoren spielt man nicht
Martin Kind will die 50-plus-1-Regel kippen. Die Bundesliga sollte an ihr festhalten. Eine Regel mit Ausnahmen ist besser als keine. Ein Kommentar von Tobias Reitz
© Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Ohren auf Durchzug: Hannovers Präsident Martin Kind kann die Befürworter der 50-plus-1-Regel nicht mehr hören
"Ich kenne keinen Investor, der einen Klub an die Wand gefahren hat, dafür aber einige Vereinsobere", sagte einst Ilja Kaenzig, der frühere Manager von Hannover 96. Recht mag er damals, vor der Finanzkrise, gehabt haben.
Björgolfur Gudmundsson war Investor. Als die isländische Landsbanki 2008 notverstaatlicht wurde, verlor der damals zweitreichste Isländer und Besitzer von West Ham United viel Geld – und West Ham gleich mit. Gudmundsson beendete sein Engagement beim ehemaligen Europacupsieger. Heute drücken den Klub Schulden und Verbindlichkeiten von mehr als 110 Millionen Euro. Keine Ausnahme in England.
50 plus 1 ist der Deich, der den deutschen Fußball vor der Kommerzialisierung schützt. Halten Investoren erst einmal die Fäden in der Hand, ist kein Verein davor gefeit, dass die neuen Bosse mit Meisterschalen und Champions-League-Pokalen in den Augen ruinöse Geschäfte eingehen. Hinzu kommt: Den ersten Investor kann sich ein Verein noch selbst aussuchen, den zweiten nicht.
- 50-plus-1-Regel
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Die 50-plus-1-Regel ist eine deutsche Besonderheit. Sie verhindert, dass ein Investor die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erhält. So soll die Macht von Kapitalgebern beschränkt und sportliche Ziele vor wirtschaftlichen geschützt werden.
DFB und DFL legen in ihren Satzungen fest, dass ein Verein nur eine Lizenz erhalten kann, wenn "50 Prozent zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner" der "Mutterverein" behält.
- Lex Leverkusen
Die Regel ließ bisher Ausnahmen zu, Kritikern zufolge ist das Wettbewerbsverzerrung. In der DFL-Satzung heißt es: "Über Ausnahmen in solchen Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als zwanzig Jahren vor 1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Verbandes."
Derzeit profitieren zwei Bundesligavereine von dieser Ausnahmeregel: Bayer Leverkusen, eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG, und der VfL Wolfsburg, eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG.- Lockerung
Am Dienstag gab das Ständige Schiedsgericht einer Klage von Hannover 96 gegen die Stichtagsregelung statt und weichte damit die 50+1-Regel auf. Nun darf ein Investor die Mehrheit bei einem Bundesligaclub übernehmen, wenn er ihn mehr als 20 Jahre gefördert hat. Die zeitliche Einschränkung "vor dem 1.1.1999", die Lex Leverkusen also, fiel weg.
- Umgehungen
Der TSG Hoffenheim wird vorgeworfen, sie umgehe die 50+1-Regel. Dietmar Hopp, der den Verein seit 1989 unterstützt, hält nahezu das komplette Vereinskapital, sein Stimmrecht ist auf dem Papier jedoch auf 49 Prozent beschränkt. Der Fünftligist RB Leipzig steht unter Beobachtung des DFB, seitdem dort im Sommer 2009 Red Bull eingestiegen ist.
- Kultureller Hintergrund
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Die 50+1-Regel gilt vielen Fußballfans und -romantikern als heilig, weil sie den deutschen Fußball vor zu viel fremdem und vor allem zu viel ökonomischem Einfluss schütze. Als warnendes Beispiel gilt England, dessen Klubfußball sich Globalisierung und Kommerzialisierung verschrieben hat. Populäre Vereine wie Manchester United, FC Liverpool, FC Chelsea, Aston Villa oder Manchester City sind in der Hand von russischen, amerikanischen, isländischen und inzwischen auch arabischen Milliardären.
Die Begleiterscheinungen sind an manchen Orten höhere Ticketpreise, Fan-Proteste, Entfremdung. Aber auch Erfolg in internationalen Wettbewerben. Nicht zuletzt dies ruft deutsche Kritiker der 50-plus-1-Regel auf den Plan.
Der englische, spanische und italienische Klubfußball hat sich die Erfolge in internationalen Wettbewerben teuer erkauft. Die Schulden summieren sich auf Milliarden. Um dem finanziellen Wettrüsten der Top-Klubs ein Ende zu setzen, hat das Uefa-Exekutivkomitee im September beschlossen, ein kontinentales Kontrollverfahren einzuführen. Von der Saison 2012/13 an müssen die Klubs belegen, dass Investitionen in Spieler, Transfersummen und Gehälter, refinanziert werden können, zum Beispiel durch Sponsoring-Einnahmen, Trikotverkäufe und Sachwerte wie Stadion oder Vereinsgelände. Die Millionen der Reichen wie Chelseas Roman Abramowitsch werden nicht einberechnet. Warum versucht Martin Kind, die Bundesliga gerade jetzt zum Gegensteuern zu bewegen?

Fan-Protest
Wer argumentiert, 50 plus 1 müsse wegen der bestehenden Ausnahmen für den VfL Wolfsburg (hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG) und Bayer 04 Leverkusen (hundertprozentige Tochter der Bayer AG) abgeschafft werden und das freie Spiel der Marktkräfte einfordert, der stellt auch das Lizenzierungsverfahren infrage. Doch die Auflagen zum sinnvollen Haushalten haben schon so manche Pleite in der Liga verhindert.
Kippt die 50-plus-1-Regel, entfremdet sich der Bundesligafußball weiter vom Fan. Die Öffentlichkeit, die Kommunen, die Länder und der Bund haben den Bau der modernen Arenen finanziell unterstützt und möglich gemacht, sie verpachten Trainingsgelände zu Freundschaftspreisen und helfen, wie im Falle des 1. FC Kaiserslautern, wenn die Existenz eines ruhmreichen Klubs bedroht ist. Fußball ist ein Kulturgut, Fußball gehört allen, verteidigen die Politiker ihre Subventionen. Es wäre ein Affront, dankten es ihnen die Funktionäre, indem sie nach den Namen der Stadien, gleich den ganzen Verein an die Wirtschaft veräußern.
- Datum 30.10.2009 - 15:05 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Das Bedauerliche ist, dass man von Herrn Kind bislang noch nicht ein einziges, einleuchtendes Argument für die Aufgabe der 50 1-Regelung gehört hat.
Zwar behauptet Kind stets aufs Neue, dass mit der unlimitierten Öffnung für Sponsoren eine neue Chancengleichheit in den sportlichen Wettbewerb einziehen würde. Dieses darf jedoch mit guten Gründen bezweifelt werden. Denn Hannover würde keineswegs schlagartig so attraktiv für Sponsoren werden wie Bayern München. Und es wäre auch nicht stante pede so beliebt und populär wie Dortmund, Schalke oder der HSV. Kurzum, die Abstände zwischen den einzelnen Clubs, was ihre Wirtschaftskraft und damit auch ihre Aussicht auf sportlichen Erfolg angeht, bleiben. Darüber kann man greinen - keine Frage. Es gibt jedoch immer wieder Beispiele, wie man trotzdem und sogar dauerhaft erfolgreich sein kann (Was unterscheidet z.B. Hannover 96 in seinen grundsätlichen Möglichkeiten von Werder Bremen?).
Eine Beseitigung der 50 1-Regel würde die ganze Geldmaschine Bundesliga lediglich auf ein noch höheres Niveau katapultieren - einhergehend mit einer noch größeren Entfremdung zwischen Club und Fan. Begreift man den Fan als Nukleus der ganzen Wertschöpfungskette Profifußball - das ist er nämlich, dann ist dieses ein hochriskanter Weg mit ungewissem Ausgang. Zudem kommen der deutschen Bundesliga doch schon jetzt die Serie A und die Primera Division reumütig wieder entgegen. Und die Premier League wird in Kürze auch noch folgen.
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