WM 2010 mit Deutschland Löws Moskauer Reifeprüfung

Geschlossen, cool, verdient, mit starkem Tormann und gut vorbereitet gewinnt Deutschland in Russland und fährt nach Südafrika. Aus Moskau berichtet Moritz Müller-Wirth

Joachim Löw ist der Sieger des Abends, dem Verlierer Guus Hiddink sieht man den Gram an

Joachim Löw ist der Sieger des Abends, dem Verlierer Guus Hiddink sieht man den Gram an

Moskau Bevor es im Jubel untergeht: Vor dem Spiel waren nicht nur Schwarzmaler davon ausgegangen, dass sich das deutsche Team über den mühsamen Weg der Relegation im November gewissermaßen nachträglich für die WM in Südafrika würde qualifizieren müssen.

Doch von solchen Szenarien war nach dem Spiel keine Rede mehr: Mochte Russlands holländischer Trainer Guus Hiddink den deutschen Sieg mit nicht zu kaschierender Bitterkeit vor allem auf den Begriff deutscher "Durchschlagskraft" reduzieren – alle im Stadion sahen, dass hier ein deutsches Team verdient, wenn auch in einigen Szenen mit dem in solchen Spielen notwendigen Glück, den härtesten Widersacher um den ersten Gruppenplatz der WM-Qualifikationsgruppe 4 auswärts geschlagen hat (hier das Live-Protokoll).

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Entsprechend entspannt zeigte sich Bundestrainer Joachim Löw anschließend vor der Presse: Endlich mochte man ihm glauben, dass er "absolut zufrieden" sei. Nicht "auf Unentschieden" habe man spielen wollen und sich entsprechend vorbereitet in der vergangenen Woche. Großes Lob für Adler ("enorm"); für den Debütanten Jerome Boateng Lob ("gehört ab jetzt zum Kader") und Tadel ("durfte in einigen Situationen nicht so risikoreich spielen").

Schon vor dem Spiel war von russischer Seite einiges unternommen worden, um die Verbindungslinien der Deutschen zu stören: Auf Grund des anwesenden hochrangigen politischen Personals (Putin, Medwedjew) könne es aus Sicherheitsgründen sein, dass die Mobilfunkfrequenzen für die Dauer des Spiels gekappt würden, hieß es, während sich Mannschaft und Journalisten auf den Weg ins Stadion machten. Eine Drohung ohne Folgen, ebenso wie die Ankündigung unberechenbarer Spielzüge durch das russische Team. Die Handys funktionierten, die Verständigung lief reibungslos, auf der Pressetribüne ebenso wie im deutschen Team.

Löw, der sich bis kurz vor dem Spiel in seiner Aufstellung bedeckt gehalten hatte, probte vor 78.000 Zuschauern bei Temperaturen nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt im Moskauer Luschniki-Stadion nicht ganz überraschend den Zwergenaufstand: mit den wendigen, körperlich aber eher halben Portionen wie Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil im Mittelfeld und mit Lukas Podolski, auch nicht eben ein Hüne, anstelle von Mario Gomez neben Miroslav Klose. In der Abwehr hingegen regierte das Modell "Deutsche Eiche", mit den robusten Per Mertesacker und Heiko Westermann im Zentrum und Boateng auf der rechten Seite.

Die große Frage, die sich hinter der Nominierung Boatengs verbarg, der Subtext, lautete: Woher kommt Andrej Arschawin, wenn, wie zu erwarten, die russische Offensive zu rollen beginne? Würde der antrittsschnelle, hoch gewachsene Boateng das hoch bejubelte Dribbelwunder in Manndeckung nehmen? Die Antwort war schnell gegeben: Arschawin kam von überall. Schon zum Warmmachen führte der für Arsenal spielende Weltklassestürmer mit dem Knabengesicht sein Team aufs Feld. Ebenso beim der Wiederkehr der Russen aus der Kabine nach der Pause.

In der ersten Phase des Spiels zog sich Arschawin zunächst ins Mittelfeld zurück, als wollte er sich den Attacken entziehen. Dann trieb es ihn aber immer wieder auf seine Lieblingsseite, den linken Flügel. Dann zog er Boateng an wie ein Magnet das Metall. Und der ließ erst wieder los, als Arschawin die linke Platzhälfte verlassen hatte. Dass er das zunehmend tat, lag an der engen, respektlosen und immer fairen Verfolgung durch Boateng. Arschawin schlug Ecken, schleppte die Bälle vom eigenen Strafraum in die deutsche Hälfte, lief sich und spielte andere frei, doch zur Entfaltung seines Genies ließen Boateng und seine Mannen ihn nicht kommen.

Vor allem Simon Rolfes und Michael Ballack machten ihm das Leben im zentralen Mittelfeld schwer. Als sich Boateng (30.) das erste Mal nicht eng genug und ein Stück zu respektvoll mit Arschawin beschäftigte, spielte dieser aus dem Lauf heraus einen jener Pässe, die ob ihrer Unweigerlichkeit als "tödlich" bezeichnet werden. Bystrow kam aus zehn Metern frei zum Schuss, Adler rettete in der Not. Eine platitüdennahe Deutung sei erlaubt: Das Spiel hätte wohl einen anderen Sieger erkoren, wäre die russische Mannschaft in Führung gegangen.

Leser-Kommentare
  1. Verdient war der Sieg definitiv nicht, den schnelleren und schöneren Fussball hat die Sbornaja gespielt, aber so gut wie der Schweizer und Ballack sich verstanden haben, kann ein Spiel auch anders aussehen. Die deutsche Nationalelf hatte sich anscheinend viel bei Italien abgeschaut, soviel wie die armen deutschen hingefallen sind, hatte man ja sorgen, dass sie überhaupt nicht mehr heil zurückkommen.

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    Die Russen haben schöner gespielt, in der Tat. Die Deutschen waren taktisch besser, zweikampfstärker, effizienter und mental stabiler. "Durchschlagskraft" hat das der russische Trainer Guus Hiddink genannt. Schön spielen gewinnt keinen Blumentopf - abgesehen davon waren auch einige Spielzüge der Deutschen "schön". Dass zum Siegen immer auch etwas Glück gehört sollte jedem der zumindest ein bisschen von Fussball versteht klar sein.

    Die Russen haben schöner gespielt, in der Tat. Die Deutschen waren taktisch besser, zweikampfstärker, effizienter und mental stabiler. "Durchschlagskraft" hat das der russische Trainer Guus Hiddink genannt. Schön spielen gewinnt keinen Blumentopf - abgesehen davon waren auch einige Spielzüge der Deutschen "schön". Dass zum Siegen immer auch etwas Glück gehört sollte jedem der zumindest ein bisschen von Fussball versteht klar sein.

  2. Wo waren die Probleme mit dem Kunstrasen?
    Ich hab ja schon davor behauptet (kann man ja immer sagen*grins*), dass der doofe Kunstrasen eine total überbewertete Rolle in der Öffentlichkeit gespielt hat. Vielleicht war das auch so gewollt und Löw musste von den wirklichen Problemen ablenken. Ein aktueller, gut gepflegter Kunstrasen bespielt sich doch 1000xbesser als die Matschgruben, die die Russen sonst so "Stadionrasen" nennen. Man erinnere nur mal an die Spiele von Stuttgart und Bayern in Russland!

  3. 4.

    Die Russen haben schöner gespielt, in der Tat. Die Deutschen waren taktisch besser, zweikampfstärker, effizienter und mental stabiler. "Durchschlagskraft" hat das der russische Trainer Guus Hiddink genannt. Schön spielen gewinnt keinen Blumentopf - abgesehen davon waren auch einige Spielzüge der Deutschen "schön". Dass zum Siegen immer auch etwas Glück gehört sollte jedem der zumindest ein bisschen von Fussball versteht klar sein.

    Antwort auf "Verdient?"
  4. Vielleicht hat es ja Löw geschafft, trotz dem guten Spiel seiner Mannschaft noch cooler als diese zu sein. Das Wetter in Moskau und sein Bewegungsmangel werden ihm dabei geholfen haben...

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