Fussball-Presseschau Van Gaals Vergleich mit Klinsmann fällt erstmals negativ aus
Der Bayern-Trainer hat seine großen Versprechen bisher nicht gehalten, seine Schonfrist geht zu Ende. Die Bundesligisten sind zu Hause Riesen und auswärts Zwerge.
© Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Fehlt nur noch, dass er zu schwäbeln beginnt
Einen Vergleich, der eher dem VfL Wolfsburg angemessen wäre, zieht Sebastian Gierke (Berliner Zeitung) für das Wirken des Bayern-Trainers, der mit seiner Mannschaft 1:2 in Bordeaux verlor: "Van Gaal wirkt plötzlich wie einer, der sich ein bisschen wie Gott fühlt, weil er ein neues Auto hat. Doch das hält nicht, was es versprach: Der Motor stottert, die Kiste zieht nicht richtig und die besten Komponenten gehen kaputt. Und auf der Autobahn, auf welcher der Fahrer eigentlich zeigen will, was er kann, bleibt es sogar ganz stehen. Van Gaal öffnet die Motorhaube – und weiß nicht, was er tun soll. Totalschaden, danach hat das Spiel des FC Bayern in der ersten Hälfte ausgesehen. Das macht die Bayern-Bosse offenbar nervös."
Christian Eichler (FAZ) errechnet schockiert ein Minuszeichen in van Gaals Bilanz: "Die erste Halbzeit war ein Desaster, ein spielerischer Offenbarungseid. Nach knapp drei Saisonmonaten naht das Ende der Schonzeit. Mit fast jedem Spiel tun sich neue Problemzonen auf, ohne dass die alten behoben wären. Der Abend in Bordeaux wurde ein ganzes Schlachtengemälde voller Schwächen." Van Gaal beginne, in einem für ihn gefährlichen Wettbewerb zu stehen: "dem Vergleich mit seinem Vorgänger. Nach der Niederlage in Bordeaux fällt er erstmals negativ aus."
Bitte nach Ihnen, liebe Spanier, Türken und Franzosen!
Nach den schlechten Ergebnissen deutscher Klubs in der bisherigen Champions-League-Runde blickt Klaus Hoeltzenbein (Süddeutsche Zeitung) aufs große Ganze: "Die gute deutsche Bundesliga bringt niemanden durcheinander. Sie steht stabil und verlässlich in ihrer internationalen Anspruchslosigkeit. Organisatorisch hat sich die Bundesliga längst zum Vorbild gemausert, Wochenende auf Wochenende wundert sich der Rest von Europa über dieses bunte, meist friedliche Familienfest in rappelvollen, wunderschönen Stadien. Dieser Rest von Europa ist dann aber auch froh, dass die Welle der Begeisterung spätestens an den Landesgrenzen abebbt. Geht die Liga auf Reisen, empfängt sie ihre Gäste, so bleibt sie galant in ihrer Rolle: Bitte nach Ihnen, liebe Spanier, Engländer, Italiener, Türken und Franzosen! Wir sind genügsam, wir feiern uns doch schon am Samstag wieder selbst."
Frustrierter ohne Rückhalt
Einen "König von der traurigen Gestalt" nennt Lars Wallrodt (Welt) den vom Platz verwiesenen torlosen Wolfsburger Grafite: "Die Tätlichkeit war nur der Endpunkt einer langen Entwicklung. Grafites Frust verhält sich proportional zu seinen Leistungen: Je schlechter er spielt, desto größer die Wut. Und weil das Drama vor dem Hintergrund der vergangenen Saison spielt, in der Grafite in 25 Bundesligaspielen 28 Treffer schoss und Torschützenkönig wurde, hebt es sich besonders klar ab. Jetzt quält sich der einst brillante Angreifer als Schatten seiner selbst über den Rasen, ist stets den Schritt zu spät, den er früher Vorsprung hatte. Das frustriert den sensiblen Angreifer zunehmend, zumal er beim neuen Trainer mittlerweile nicht den Rückhalt spürt, den Meistermacher Felix Magath ihm gab."
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Sammlung Auslaufmodelle
Den ersten Sieg des AC Mailand in Madrid (3:2) in der Geschichte rechnet Ralf Itzel (Berliner Zeitung) den Madrilenen tief an: "Das aktuelle Milan ist eine vergilbte Kopie seiner selbst. Der Klub hatte nur drei Akteure unter 30 in der Startelf, darunter den 29-jährigen Ronaldinho, der bis zu zwei Antritten kurz vor Schluss den Eindruck vermittelte, nicht mal einen Stuhl ausdribbeln zu können. Allein sein junger Landsmann Pato ist ein Sportler mit Zukunft in dieser Sammlung der Auslaufmodelle. Real war zu überheblich, zu faul oder schlicht zu dumm. Die Madrilenen ließen sich ins Mailänder Spinnennetz einweben, bis es zur Befreiung zu spät war. Real hat einige tolle Fußballer, lebt aber ausschließlich von deren Laune und Inspiration, nicht von der Kollektivleistung, von einer Spielidee. Und das genügt noch nicht mal gegen dieses schlaue Mailänder Altenheim. Lieblingsfeind Barcelona würde diesen Gegner überrollen. Die Katalanen spielen immer gleich, egal wer aufläuft, sind gefestigt in ihrem Stil. Ihre jüngste Niederlage gegen Rubin Kazan war ein Betriebsunfall, die Reals gegen Milan folgerichtig."
- Datum 23.10.2009 - 18:04 Uhr
- Serie Fußball-Presseschau
- Quelle ZEIT ONLINE
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