Mehrheit für 50-plus-1
Moderner Sport braucht moderne Regeln
Der Antrag von Martin Kind, die 50-plus-1-Regel zu kippen, wurde zu Recht abgelehnt. Er hat keine Akzeptanz in der Liga. Doch der kommerzielle Fußball braucht neue Gesetze.
© Alex Grimm/Getty Images

Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), verkündet: die 50-plus-1-Regel bleibt
Die 50-plus-1-Regel bleibt bestehen, das ist gut. Sie hat große Akzeptanz. Nicht nur in den Vereinen, die am Dienstag fast einstimmig gegen die Abschaffung votiert haben. Auch die meisten Fans fürchteten eine weitere Entfremdung vom Fußball, für sie ist die Regel heilig. Akzeptanz ist aber notwendig, wenn man einen so wegweisenden Schritt gehen will.
- 50-plus-1-Regel
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Die 50-plus-1-Regel ist eine deutsche Besonderheit. Sie verhindert, dass ein Investor die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erhält. So soll die Macht von Kapitalgebern beschränkt und sportliche Ziele vor wirtschaftlichen geschützt werden.
DFB und DFL legen in ihren Satzungen fest, dass ein Verein nur eine Lizenz erhalten kann, wenn "50 Prozent zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner" der "Mutterverein" behält.
- Gegenantrag
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Zwei Vereine hatten einen Antrag gestellt, die 50-plus-1-Regel zu kippen: Bundesligist Hannover 96, unter Federführung des Präsidenten Martin Kind, und Zweitligist FSV Frankfurt. Der Antrag des FSV gilt nach Auskunft der DFL als der wesentlich moderatere.
Der Antrag wurde am 10. November von den 36 Vertretern aus Erster und Zweiter Liga eindeutig abgelehnt. Nur Martin Kind gab seine Ja-Stimme, sonst zählte man drei Enthaltungen.
- Ausnahmen
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Die Regel lässt Ausnahmen zu, Kritikern zufolge ist das Wettbewerbsverzerrung. In der DFL-Satzung heißt es: "Über Ausnahmen in solchen Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als zwanzig Jahren vor 1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Verbandes."
Derzeit profitieren zwei Bundesligavereine von dieser Ausnahmeregel: Bayer Leverkusen, eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG, und der Deutsche Meister VfL Wolfsburg, eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG.Der TSG Hoffenheim wird vorgeworfen, sie umgehe die 50+1-Regel. Dietmar Hopp, der den Verein seit 1989 unterstützt, hält nahezu das komplette Vereinskapital, sein Stimmrecht ist auf dem Papier jedoch auf 49 Prozent beschränkt. Der Fünftligist RB Leipzig steht unter Beobachtung des DFB, seitdem dort im Sommer 2009 Red Bull eingestiegen ist.
- Kultureller Hintergrund
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Die 50+1-Regel gilt vielen Fußballfans und -romantikern als heilig, weil sie den deutschen Fußball vor zu viel fremdem und vor allem zu viel ökonomischem Einfluss schütze. Als warnendes Beispiel gilt England, dessen Klubfußball sich Globalisierung und Kommerzialisierung verschrieben hat. Populäre Vereine wie Manchester United, FC Liverpool, FC Chelsea, Aston Villa oder Manchester City sind in der Hand von russischen, amerikanischen, isländischen und inzwischen auch arabischen Milliardären.
Die Begleiterscheinungen sind an manchen Orten höhere Ticketpreise, Fan-Proteste, Entfremdung. Aber auch Erfolg in internationalen Wettbewerben. Nicht zuletzt dies ruft deutsche Kritiker der 50-plus-1-Regel auf den Plan.
Doch die 50-plus-1-Regel muss angepasst werden, denn sie lässt Ausnahmen zu: Bayer Leverkusen, der aktuelle Tabellenführer, und der Deutsche Meister VfL Wolfsburg profitieren davon. Zudem umgeht die TSG Hoffenheim, Herbstmeister der vorigen Saison, offenbar die Klausel. Alle drei Vereine beleben den deutschen Fußball. Doch im Sport muss gelten: gleiche Regeln für alle.
Außerdem verstößt die Regel nach Meinung vieler Juristen gegen andere Gesetze, etwa gegen das europäische Kartellrecht, wie Professor Peter Heermann von der Universität Bayreuth sagt. "Vor der europäischen Wettbewerbsbehörde", ergänzt er, "wird sie wahrscheinlich keinen Bestand haben." Martin Kind hat mehrfach angedeutet, nach einer Niederlage die Gerichte anzurufen.
Die Debatte um Investoren trifft oft den falschen Ton, wenn von Scheichs und reichen Russen die Rede ist, trägt das stereotype Züge. So schürt man Angst vor fremdem Geld. Dabei werden Fehler und Missstände in Finanzfragen der Bundesliga überdeckt: Dortmund wirtschaftete unseriös, Schalke scheint nicht daraus gelernt zu haben. Zudem steckt viel öffentliches Geld im deutschen Profifußball, etwa die Quasi-Steuern der GEZ, Subventionen für den Stadionbau durch Stadt, Land und Bund, Sponsorgeld von teilstaatlichen Unternehmen wie Volkswagen, HSH Nordbank, Deutsche Bahn oder Telekom.
Und hat man eigentlich vergessen, welche unrühmliche Rolle die Telekom im Radsport gespielt hat? Ihr Verdienst für den sauberen Sport hält sich in Grenzen.
Allerdings kann man die 50-plus-1-Regel nicht isoliert sehen. Nicht nur der deutsche Fußball, sondern der globalisierte, kommerzialisierte, moderne Profisport hat einige Fragen zu beantworten: Soll man Gehälter und Ticketpreise deckeln? Inwieweit ist der Sport juristisch mit der Wirtschaft gleichzusetzen, wo darf er autonom handeln? Auf welche Weise soll er Doping und Korruption bekämpfen und vorbeugen? Wie ist das Verhältnis zwischen Verein und Verband zu gestalten? Wie sind Mehrheitsbeteiligungen, etwa der Einstieg der Volkswagen-Tochter Audi, in München zu regeln? Und eben: Welche Macht darf ein Verein Kapitalgebern einräumen, und wie gewährleistet man Fans und Mitgliedern Mitbestimmung?
Es bedarf eines neuen Regelwerks. Die Beteiligten dieser Gesetzgebung sollten vielen Segmenten entstammen, auch der Politik. Sie müssen ihr Vorhaben mit Ruhe und Weitsicht angehen. Martin Kinds Vorschlag war ein ausgearbeiteter Kompromiss, der Vorwurf Turbokapitalismus trifft auf ihn nicht zu. Doch stand er im Verdacht, er habe seinen Antrag auf seine Bedürfnisse in Hannover zugeschnitten.
Er habe keinen Lobbyismus betrieben, sagt Kind. Aber auch eben keine Politik. Wenn er sich vom traurigen Tod seines Tormanns erholt hat, sollte er den Versuch nachholen, sich Mehrheiten zu beschaffen.
- Datum 12.11.2009 - 18:25 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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