Bundesliga, 13. Spieltag Ratlosigkeit in München
Louis van Gaal gerät nach einer erneut schwachen Leistung in Erklärungsnot. Der HSV trifft das Tor nicht mehr, Bremen dafür umso häufiger. Die Berichte zu allen Partien
© Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Alles Grübeln hilft Louis van Gaal derzeit nicht: Seine Bayern finden einfach nicht in die Erfolgsspur
Bayern München - Bayer Leverkusen 1:1
Den Fans reicht's: Beim Gang in die Südkurve ernteten die Bayern-Profis nur noch wütende Pfiffe der erbosten Anhänger. Nach dem Unentschieden gegen Leverkusen hinken die Münchner mit dem in noch größere Bedrängnis geratenen Trainer Louis van Gaal dem Tabellenführer weiterhin mit sechs Punkten hinterher. Ein denkbar schlechter Start in eine heiße Woche mit dem drohenden K. o. in der Champions League und der Kür von Uli Hoeneß zum Vereinspräsidenten.
"Mit Platz sieben ist keiner zufrieden, weder die Mannschaft noch der Trainer, noch die Fans, noch wir", erklärte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der zur Position des umstrittenen Holländers bemerkte: "Wir werden gemeinsam mit Louis van Gaal versuchen, jetzt hoffentlich schnell die Kurve zu kriegen." Schon am Mittwoch könnte gegen Maccabi Haifa selbst bei eigenem Heimsieg das Aus in der Champions League besiegelt werden. "Wir müssen die Dinge sachlich und rational und nicht irrational und emotional sehen", mahnte Rummenigge.
Fakt war, dass die Münchner in den 90 Minuten gegen Bayer erneut weit hinter den eigenen Ansprüchen zurückblieben. "Keiner von uns ist zufrieden, wir wollten unbedingt gewinnen", sagte Mario Gomez. Vor 69.000 Zuschauern in der Allianz Arena hatte der Nationalstürmer schon in der 8. Spielminute das 1:0 erzielt – ein Tor, das nicht die erhoffte Befreiung brachte.
Stefan Kießling glich nur sechs Minuten später mit seinem neunten Saisontor aus. "Unser Problem ist, dass wir eine Mannschaft ohne Vertrauen gesehen haben", gestand selbst van Gaal, der zur Job-Sicherung dringend Erfolge braucht: "Ich entscheide da nicht drüber. Ich muss mich mit meiner Mannschaft beschäftigen."
Bei den seit 20 Jahren in München sieglosen Leverkusenern jubelte auch niemand über den einen Zähler. "Wenn wir uns ein bisschen mehr zugetraut hätten, hätten wir auch auf Sieg spielen können", haderte Kießling. Nationaltorhüter René Adler hielt das Remis für Bayer fest, speziell mit einer spektakulären Parade nach einem Hackentrick von Gomez (85.). "René hat großartig gehalten", lobte Coach Heynckes.
Im ersten Spiel nach seiner Stadion-Flucht, Geldstrafe und anhaltenden Unstimmigkeiten mit van Gaal stand Weltmeister Luca Toni nicht im Bayern-Kader – wegen einer Leistenzerrung. Beim Aufwärmen meldete sich auch noch Hamit Altintop mit Muskelverhärtung ab. Dafür rückte Miroslav Klose als zweite Spitze neben Gomez in die Startelf. Mit zunächst positivem Effekt: Nach energischem Einsatz von Klose erzielte Gomez nach zwei Monaten Torflaute mit dem linken Außenrist seinen vierten Liga-Treffer. "Wenn er solche Tore schießt, hat er mein Vertrauen", sagte van Gaal.
Leverkusen spielte nach dem Rückstand zeitweise so, wie es die Bayern eigentlich wollen: schnell, direkt und zielstrebig. Nach seinem Ausgleichstreffer scheiterte Kießling allerdings ebenso am Ex-Leverkusener Jörg Butt wie kurz darauf Toni Kroos (30.). Der ausgeliehene U-21-Nationalspieler konnte in vielen Aktionen aufzeigen, warum die Bayern ihn zum Saisonende zurückhaben wollen.
Das Münchner Offensivspiel war ohne Kreativkräfte wie Franck Ribéry und Arjen Robben dagegen einmal mehr einfallslos. Holger Badstuber prüfte Adler mit einem Freistoß (40.), und auch Anatoli Timoschtschuk konnte den Nationaltorhüter nicht bezwingen (44.). Das Bemühen war dem Rekordmeister bis zum Ende nicht abzusprechen, aber eine spektakuläre Großchance von Gomez nach der Pause war zu wenig für den hochkarätigen Kader, der keine Einheit ist. Van Gaal bleibt weiter nur die Hoffnung, endlich "eine Serie zu machen". Aber er gab auch zu: "Vielleicht ist es lächerlich, das heute zu sagen."
Hamburger SV - VfL Bochum 0:1
Die Hanseaten verlieren nach einer weiteren Heim-Blamage im Titelrennen immer mehr an Boden. Gegen den Tabellen-Vorletzten kassierten die Hamburger trotz eines klaren Chancenplus' eine unglückliche Niederlage und rutschten auf den fünften Tabellenplatz ab. Der eingewechselte Dennis Grote (77. Minute) sorgte vor 53.838 Zuschauern mit seinem Treffer dafür, dass die Bochumer unter Neu-Trainer Heiko Herrlich im dritten Spiel den ersten Sieg feierten und im Kampf um den Klassenerhalt neuen Mut schöpften.
Der HSV dagegen blieb im fünften Pflichtspiel in Serie ohne Erfolg und wurde von den eigenen Fans mit Pfiffen verabschiedet. Nach einem Fehler von Hamburgs Abwehrchef Joris Mathijsen, der sich in einem Laufduell von Stanislav Sestak wie ein Anfänger düpieren ließ, musste Grote nur noch einschieben. Bereits das letzte Heimspiel Ende Oktober gegen Borussia Mönchengladbach hatte der HSV mit 2:3 verloren.
Mit den letzten "elf Aufrechten" (HSV-Chef Bernd Hoffmann) fehlte den Gastgebern trotz optischer Überlegenheit die Kreativität, um die Spielweise der lange Zeit biederen und harmlosen Bochumer zu bestrafen. In der ersten Viertelstunde vergaben Eljero Elia (6.), Piotr Trochowski (9.) und Marcell Jansen (15.) gute Torchancen.
Auch bei einem Trochowski-Freistoß (23.) war Bochums Torhüter Philipp Heerwagen auf dem Posten. Auf der Liste der prominenten Ausfälle beim HSV standen Zé Roberto (Bänderanriss), Jerome Boateng (Grippe), Jonathan Pitroipa (Muskelfaserriss), Mladen Petric (Reha), Paolo Guerrero, Alex Silva, Collin Benjamin (alle Kreuzbandriss) sowie Romeo Castelen (Knieoperation) und Bastian Reinhardt (Fußbruch).
Vor allem im Angriff machte sich das Fehlen von Petric und Guerrero bemerkbar. Der 19-jährige Tolgay Arslan mühte sich, war bei seinen Aktionen in der Offensive aber oft zu umständlich. Dennoch jubelten die heimischen Fans in der 32. Minute, als Joris Mathijsen per Kopf ins Bochumer Tor traf. Doch Schiedsrichter Günter Perl verweigerte dem Treffer die Anerkennung, weil Elia bei einem Trochowski-Freistoß Bochums Keeper Heerwagen behindert haben soll. Der HSV diktierte das Tempo und dominierte das Spielgeschehen – ohne ihren Spielmacher Zé Roberto fehlten aber Leichtigkeit und pfiffige Ideen gegen den Tabellen-Vorletzten.
Die ebenfalls stark geschwächten Gäste, bei denen die Angreifer Diego Klimowicz und Zlatko Dedic von Beginn an fehlten und die während der Partie zudem die Ausfälle von Mimoun Azaouagh und Joel Epallé hinnehmen mussten, hatten in den ersten 45 Minuten nur eine nennenswerte Offensiv-Aktion. Stanislav Sestak schoss in der 38. Minute jedoch weit über das Tor des weitgehend beschäftigungslosen Frank Rost.
Nach dem Wechsel bot sich zunächst ein ähnliches Bild: Der HSV drückte, Bochum verteidigte. Zu seinem Bundesliga-Debüt kam nach der Verletzung von Epallé U 23-Akteur Roman Prokoph, der gleich zwei gute Chancen hatte (59./61.). Der zweite "Joker" Grote, der Azaouagh ersetzte, avancierte schließlich zum überraschenden Matchwinner.
Borussia Dortmund - Mainz 05 0:0
Beim ersten Wiedersehen seit seinem tränenreichen Abschied im Sommer 2008 musste sich der Borussen-Trainer mit einem Punkt begnügen. Vor 74.600 Zuschauern boten beide Teams eine über weite Strecken unansehnliche Vorstellung. Mit der gerechten Punkteteilung blieb der BVB zwar zum sechsten Mal in Serie ohne Niederlage, konnte aber als Neunter keinen Boden in der Tabelle gutmachen. Dagegen liegt der Aufsteiger als Sechster vor Meister VfL Wolfsburg in Reichweite der Europapokal-Plätze.
"Das war kein Superspiel von uns. Wir hätten unsere Chancen nutzen müssen. Ich hatte alleine mehr Chancen als die Mainzer", sagte BVB-Verteidiger Mats Hummels. Sein Schlussmann Roman Weidenfeller pflichtete bei: "Wir haben zu viele Chancen vergeben. Wir hätten einen reinschieben müssen." Sein Mainzer Torwart-Kollege Heinz Müller zeigte sich mit dem Punkt zufrieden. "Das Spiel stand auf der Kippe. Ich denke, dass 0:0 ist ein faires Resultat."
Die vom Verletzungspech gebeutelte Borussia, die auf insgesamt sieben Profis verzichten musste, tat sich von Beginn an schwer. Gegen die von Trainer Thomas Tuchel glänzend eingestellten Mainzer gelang zunächst wenig. Angesichts des behäbigen Spielaufbaus im Mittelfeld blieben Dortmunder Torchancen Mangelware.
Auch der in den vergangenen fünf Partien jeweils einmal erfolgreiche Lucas Barrios konnte das fade Angriffsspiel seines Teams nicht beleben. Einzige Lichtblicke der ersten Halbzeit waren ein Freistoß von Nuri Sahin aus 20 Metern, den FSV-Keeper Müller sicher parierte, und ein ebenfalls gehaltener Volleyschuss von U-21-Nationalspieler Hummels (40.).
Der harmlose Auftritt des BVB ermutigte die Gäste: Mit zunehmender Spielzeit fanden sie besser ins Spiel. Doch ähnlich wie dem Gegner mangelte es ihnen an Durchschlagskraft: Lediglich Aristide Bancé (31.) ließ bei einem Konter, den er mit einem Schuss über das BVB-Gehäuse abschloss, Torgefahr erkennen. Die niveauarme Partie quittierten einige Zuschauer bereits in der Halbzeit mit Pfiffen.
Grund zur Zufriedenheit hatte BVB-Coach Klopp, der zuvor insgesamt 18 Jahre in Diensten des FSV gestanden hatte, auch nach Wiederanpfiff nicht. Wie schon in den ersten 45 Minuten gingen seine Profis zu ideenlos zu Werke. Das spielerische Übergewicht der Borussia schlug sich nicht in einem Plus an Torchancen nieder. Im Gegenteil: Bei Möglichkeiten von Tim Hoogland (62.) und Bancé (65.) war Mainz der Führung näher als Dortmund. Beim BVB hatte nur Barrios (72.) das 1:0 auf dem Fuß, fand aber in Müller seinen Meister. Auch in der dann doch turbulenten Schlussphase gelang beiden Teams kein Treffer.
SC Freiburg - Werder Bremen 0:6
Die Hanseaten zeigten Meisterform und übernahmen zumindest für eine Nacht die Tabellenführung. Durch den höchsten Saisonsieg baute Werder seine imposante Serie auf 20 Pflichtspiele ohne Niederlage aus. Die Bremer ließen sich dabei auch vom Verletzungspech nicht stoppen. Anstelle von Kapitän Torsten Frings (Muskelfaserriss) spielte Daniel Jensen zum ersten Mal seit acht Monaten wieder von Beginn an. Und anstelle von Stürmerstar Claudio Pizarro (Sprunggelenk-Verletzung) übernahmen Hugo Almeida (33./57. Minute), Marko Marin (55.), Mesut Özil (67.), Naldo (73. per Foulelfmeter) und Markus Rosenberg (80.) das Toreschießen.
Vor der Partie gedachte das Publikum mit einer aufwendigen Choreographie aus schwarzen, roten und weißen Pappen des vor drei Wochen verstorbenen SC-Präsidenten Achim Stocker. Danach lieferten sich beide Teams ein intensives Duell mit viel Tempo und vielen Torchancen. Freiburg begann stark und hätte durch Mohamadou Idrissou (2.) oder den ehemaligen Bremer Ivica Banovic (8.) früh in Führung gehen können. Doch mit zunehmender Dauer wurden die Bremer immer dominanter.
Werder kombinierte schnell und sicher und gestattete dem Aufsteiger kaum noch Offensivaktionen. Almeidas Kopfballtor nach einer Flanke von Mesut Özil waren bereits mehrere gute Chancen durch Per Mertesacker (11.), Jensen (15.), Aaron Hunt (27.) und Özil (28.) vorausgegangen. Die Bremer steckten ihre namhaften Ausfälle gut weg.
Der junge Philipp Bargfrede (20) spielte im defensiven Mittelfeld, als sei er bereits seit Jahren in der Bundesliga dabei. Jensen merkte man die lange Pause nach seiner Achillessehnen-Operation kaum an. Und Werders Offensive zählt auch ohne Pizarro zum Besten, was die Liga in diesem Bereich zu bieten hat. Özil, Hunt und Marin tauschen ständig ihre Positionen und sind vom Gegner so nur schwer in den Griff zu bekommen.
Freiburg hängte sich zu Beginn der zweiten Halbzeit noch einmal rein und besaß durch Stefan Reisinger auch eine gute Möglichkeit zum Ausgleich (54.). Der Doppelschlag durch Marins Freistoß (55.) und Almeidas Gewaltschuss (57.) entschied die Partie dann aber. Werder war nicht mehr zu stoppen, der SC demoralisiert. Er konnte am Ende nicht einmal eine Wiederholung des 0:6 vom letzten Heimspiel gegen Werder in der Saison 2004/2005 verhindern. Nach dem sechsten Treffer sangen die Bremer Fans: "Deutscher Meister wird nur der SVW."
Schalke 04 - Hannover 96 2:0
Elf Tage nach dem tragischen Tod von Robert Enke schafften die Hannoveraner trotz der knappen Niederlage einen Schritt zurück in die Normalität. Die Niedersachsen zeigten einen engagierten und disziplinierten Auftritt. Vor 61.505 Zuschauern in der Gelsenkirchener Arena markierte Jefferson Farfan in der 69. Spielminute die 1:0-Führung. Dem kurz zuvor eingewechselten Jan Moravek gelang in der Nachspielzeit der 2:0-Endstand. Damit setzte sich die Mannschaft von Trainer Felix Magath mit dem ersten Erfolg nach drei Unentschieden in der Spitzengruppe fest, Hannover konnte sich über eine vielversprechende Rückkehr in den Bundesliga-Alltag freuen.
Nach einer Schweigeminute für den verstorbenen 96er Keeper gingen die beiden Teams engagiert in die Partie. Florian Fromlowitz war die Last der Nachfolge von Enke nicht anzumerken. Der junge Torhüter konnte sich bereits nach sieben Minuten bei einem Distanzschuss von Christoph Moritz mit einer Glanzparade auszeichnen. Fast im Gegenzug prüfte Hannovers Stürmer Didier ya Konan Schalke-Schlussmann Manuel Neuer, der ebenso auf dem Posten war. Danach verflachte die Partie, bis auf eine "halbe" Chance von Kevin Kuranyi (11.) sprang lange Zeit nichts mehr heraus.
Beide Teams spielten zwar gefällig bis zum gegnerischen Strafraum, doch dann kam der letzte Pass oft zu ungenau. Sieben Minuten vor der Pause hatte Schalkes Jefferson Farfan nach einem feinen Zuspiel von Moritz eine gute Möglichkeit zur Führung. Doch Fromlowitz war rechtzeitig aus seinem Tor geeilt.
Nach dem Wechsel verstärkte Schalke den Druck, Hannover aber hielt mit großer Moral und Einsatzwillen dagegen. Nachdem Kuranyi (53.) erneut am aufmerksamen Fromlowitz gescheitert war, hatte der wiedergenesene 96-Regisseur Arnold Bruggink sogar die Chance zur Führung (61.). Doch Neuer rettete reaktionsschnell mit einer Hand.
Gut 20 Minuten vor dem Ende mussten die Niedersachsen dann doch den Rückstand einstecken. Nach einer maßgerecht getretenen Ecke von Rafinha war Farfan mit einem wuchtigen Kopfball zur Stelle und überwand den machtlosen Hannoveraner Keeper. Kuranyi (71.) und der eingewechselte Ivan Rakitic (73.) hatten weitere klare Möglichkeiten. Der Sekunden zuvor eingewechselte Moravek erhöhte in der Nachspielzeit mit seinem ersten Bundesligator auf 2:0.
VfL Wolfsburg - 1. FC Nürnberg 2:3
Der kurze Aufschwung des amtierenden Meisters ist beendet. Der VfL kassierte gegen den "Club" nach sieben ungeschlagenen Pflichtspielen wieder eine Niederlage. Wolfsburg kam vier Tage vor der Champions-League-Begegnung bei ZSKA Moskau zu Toren durch Ashkan Dejagah (59. Minute) und Grafite (79./Foulelfmeter), zeigte jedoch eine schwache Leistung in der Verteidigung.
Die Nürnberger durften hingegen vor 28.736 Zuschauern in der Wolfsburger Arena jubeln und holten nach vier verlorenen Auswärtsspielen wieder drei Punkte im fremden Stadion. Nach vielen vergebenen Torchancen in der ersten Halbzeit erzielte Albert Bunjaku (56./64.) und Peer Kluge (90.+3) die Treffer.
Bei der Generalprobe für die Partie in der russischen Hauptstadt zeigte der VfL Wolfsburg eine erschreckende Vorstellung in der Defensive. Mit dem zuletzt angeschlagenen Zvjezdan Misimovic in der Startelf spielte der Meister von Beginn an zwar in Bestbesetzung, doch besonders das Abwehrverhalten im Mittelfeld war äußerst schwach. Immer wieder konnten sich die forschen Nürnberger in Szene setzen, eine Torchance nach der anderen herausspielen.
Kaum zu glauben: Allein bis zur 22. Minuten besaßen die Gäste ein halbes Dutzend bester Einschussmöglichkeiten. Torhüter Diego Benaglio rettete den VfL in dieser Phase, parierte prächtig, ließ vor allem den später erfolgreichen Bunjaku und Christian Eigler verzweifeln. Der Schweizer Nationalkeeper stand immer wieder im Blickpunkt, weil seine Vorderleute zu pomadig und behäbig agierten, nicht aggressiv genug attackierten. Besonders Kapitän Josué, der sonst zuverlässige Abräumer vor der Abwehr, erwischte einen schwachen Tag und muss nach der fünften Gelben Karte nächste Woche eine Zwangspause einlegen.
Auf der Gegenseite sah es nicht viel besser aus. Die Nürnberger Hintermannschaft erwies sich ebenfalls als nicht sattelfest. Misimovic, der wegen einer Innenbanddehnung nicht mit dem bosnischen Nationalteam in der WM-Qualifikation gegen Portugal gespielt hatte, versuchte, Linie ins Spiel zu bekommen und trieb sein Team nach vorne.
Nachdem der Sturm des "Club" die guten Chancen vergeben hatte, ließ die Abwehr des Aufsteigers den Gastgebern zu viel Raum. Der VfL übernahm das Kommando. Allein Edin Dzeko hat drei gute Möglichkeiten, die beste davon nach einer halben Stunde, als er aus knapp einem Meter über das Tor schoss. Zur Halbzeit hätte es auch 5:5 statt 0:0 stehen können.
Doch die Tore fielen erst in der zweiten Halbzeit. Zunächst ließ Bunjaku sich nach Pass von Peer Kluge auf dem Weg zum 1:0 von Ricardo Costa nicht aufhalten und schob den Ball an Benaglio vorbei ins Netz. Und nachdem der gerade erst eingewechselte Dejagah nach Vorlage von Dzeko den Ausgleich erzielt hatte, traf erneut der Schweizer Bunjaku. Anschließend rettete Torwart Raphael Schäfer einige Male bei VfL-Chancen, ehe ihm Grafite beim Strafstoß keine Chance ließ.
1. FC Köln - 1899 Hoffenheim 0:4
Nach einer desaströsen Leistung und der fünften Heimniederlage dieser Saison taumeln die Kölner der Abstiegszone entgegen. Gegen Hoffenheim präsentierten sich die Rheinländer mut- und kraftlos und hatten Glück, nicht noch höher verloren zu haben. Die spielstarken Gäste setzten sich durch die Treffer von Carlos Eduardo (5. Minute), Chinedu Obasi (11.) Demba Ba (46.) und Vedad Ibisevic (90./Foulelfmeter) in der Spitzengruppe fest. Vor 45.000 Zuschauern zeigte die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick beim vierten Auswärtserfolg angeführt vom überragenden Eduardo sehenswerten Kombinationsfußball.
Trotz seiner öffentlichen Kritik durfte Milivoje Novakovic im FC-Sturm starten. "Wenig Respekt" hatte der Kapitän seinem Verein vorgeworfen, nachdem die Kölner ihn und Miso Brecko vorzeitig von den Feierlichkeiten der slowenischen Nationalmannschaft per Privatjet abgeholt hatten. Kein Pardon kannte FC-Trainer Zvonimir Soldo auch im Spiel: Brecko wurde nach einigen Stellungsfehlern bereits nach 29 Minuten ausgewechselt. Für den wirkungslosen Novakovic war die Partie nach der ersten Halbzeit beendet.
In der Anfangsphase hatte sich allerdings das gesamte Kölner Team wie benebelt präsentiert und den Gegner viel zu spät angegriffen. So durfte Innenverteidiger Josip Simunic tief in der gegnerischen Hälfte den ersten gefährlichen Angriff einleiten. Nach einem Pass von Maicosuel schoss Eduardo unbedrängt den Ball aus 25 Metern mit einem tückischen Aufsetzer an Faryd Mondragon vorbei ins Tor. Auch danach hatten die Kraichgauer reichlich Platz für ihr schnelles und sicheres Passspiel. Nach einer Flanke von Christian Eichner köpfte Obasi, der in der ersten Halbzeit statt Ibisevic stürmte, den Ball zum 2:0 ein. Brecko hatte das Duell in der Luft verloren.
Schon nach 20 Minuten pfiffen die FC-Anhänger ihre Mannschaft gnadenlos aus und attackierten den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp wie auch bei den vorherigen Aufeinandertreffen mit wüsten Sprechchören. Unbeirrt davon setzten die Gäste ihren Sturmlauf fort, erneut begünstigt durch Unaufmerksamkeiten der Kölner. Nach einem Patzer von Pedro Geromel schoss Carlos Eduardo in der 26. Minute nur knapp am Tor vorbei. Einzig die Rettungstat von Fabrice Ehret auf der eigenen Torlinie nach einem Simunic-Kopfball (32.) verhinderte zunächst einen höheren Rückstand.
Doch es dauerte nur 21 Sekunden nach der Pause bis Köln mit drei Toren zurücklag. Ba tanzte Kevin Pezzoni und Geromel aus und zirkelte den Ball von der Strafraumgrenze in die linke Ecke. Nachdem Luiz Gustavo nur den Pfosten getroffen hatte (55.), spielte sich der FC die erste Chance heraus. Petit scheiterte jedoch an Torwart Timo Hildebrand (70.)
VfB Stuttgart - Hertha BSC Berlin 1:1
Der VfB kann nicht mehr gewinnen. Selbst gegen das Tabellen-Schlusslicht kamen die Schwaben nicht über ein Unentschieden hinaus und geraten immer tiefer in den Abstiegskampf. Die Führung für die Gäste erzielte vor 39.000 Zuschauern in der Stuttgarter Arena der Kolumbianer Adrian Ramos (49. Minute) mit seinem ersten Saisontreffer, den späten Ausgleich besorgte Zdravko Kuzmanovic (82.), der drei Minuten später wegen wiederholten Foulspiels vom Platz gestellt wurde. Während in Stuttgart nach sechs Meisterschaftsspielen ohne Sieg die Diskussionen um Trainer Markus Babbel wieder aufleben dürften, wartet die Hertha weiter auf den ersten Sieg seit dem Saisonauftakt.
Die Gastgeber bemühten sich vom Anpfiff weg, Babbels Forderung nach einer klaren Rollenverteilung gegen das Schlusslicht umzusetzen. Mit deutlichem Übergewicht im Mittelfeld suchte der VfB seine Doppelspitze aus Cacau und Ciprian Marica, der etwas überraschend den Vorzug vor Pogrebnjak erhalten hatte. Die erste klare Chance hatte dann auch Cacau (11.), doch beim Schuss des von einem Muskelfaserriss genesenen Nationalspielers war Hertha-Keeper Drobny zur Stelle.
In der Folge brachte der Champions-League-Teilnehmer trotz beinahe erdrückender Feldüberlegenheit die tief stehenden Gäste nur selten in echte Verlegenheit. Am nächsten kam dem Tor noch ein Schuss des erneut nicht überzeugenden Alexander Hleb (19.). Die Versuche des blassen Kapitäns Thomas Hitzlsperger und von Sebastian Rudy (beide 25.) strichen schon wieder deutlicher über das Tor.
Danach hatten die Hauptstädter, bei denen Cicero und Bigalke für den verletzten Stein und den gesperrten Raffael in die Mannschaft gerückt waren, die viel zu umständlichen Angriffsbemühungen der Stuttgarter sicher im Griff.
Zwar blieb der VfB am Drücker, gefährliche Schüsse aufs Gästetor kamen bei den Bemühungen aber nicht heraus. Berlin konnte sich nun zwar etwas häufiger aus der eigenen Hälfte befreien, doch ohne den erkrankten Patrick Ebert und Gojko Kacar als Antreiber blieb das torärmste Team der Liga harmlos.
Nach der Pause, aus der die VfB-Spieler mit einigen Pfiffen der eigenen Fans empfangen wurden, gelang den Hauptstädtern gleich mit der ersten Chance der Paukenschlag: Die Stuttgarter Abseitsfalle funktionierte nicht und der für Domowtschijski eingewechselte Ramos konnte in aller Ruhe VfB-Keeper Jens Lehmann ausspielen, bevor er zum 1:0 einschob. Für das Funkel-Team war es der erste Treffer nach 490 torlosen Bundesliga-Minuten.
Nach diesem Schock wollte der VfB wenigstens noch einen Punkt. Doch zunächst verfehlte ein Kopfball von Innenverteidiger Matthieu Delpierre knapp das Tor und Cacau (64.) und Georg Niedermeier (65.) schossen zu ungenau. Doch Stuttgart ließ nicht locker und durfte dank Kuzmanovic wenigstens noch einmal jubeln. Nach der gelb-roten Karte für den Torschützen hatte Schieber (87.) noch den Sieg auf dem Fuß, konnte den Ball aber nicht im Tor unterbringen.
Eintracht Frankfurt - Borussia Mönchengladbach 1:2
Mit dem zweiten Auswärtssieg in Serie schafften die Borussen den Sprung ins gesicherte Mittelfeld und leiteten bei den Frankfurtern zugleich einen ungemütlichen Herbst ein. Das Team von Trainer Michael Frontzeck ist nun bereits seit vier Spielen ungeschlagen.
Die Hessen kassierten hingegen die zweite Niederlage nacheinander und müssen nach einer erneut schwachen Vorstellung den Blick in der Tabelle nach unten richten. Vor 50.000 Zuschauern in der Commerzbank-Arena gingen die Gäste in der 54. Minute durch ein Eigentor von Marco Russ in Führung. Danach traf Roel Brouwers für die Elf vom Niederrhein (65.). Pirmin Schwegler verkürzte per Handelfmeter für die Gastgeber (86.).
In einem insgesamt schwachen Spiel zeigten die Gladbacher die reifere Spielanlage und erspielten sich zunächst leichte Feldvorteile. In der siebten Minute hatte Juan Arango die große Chance zur Gästeführung, vergab nach Zuspiel von Marco Reus aber leichtfertig. Insgesamt fehlte es den Borussen im Spiel nach vorne an der nötigen Konsequenz.
Von den Gastgebern war im ersten Durchgang hingegen fast überhaupt nichts zu sehen. Nach dem 0:4-Debakel bei Bayer Leverkusen zwei Wochen zuvor hatte Eintracht-Coach Michael Skibbe seine Elf gleich auf fünf Positionen verändert. Durch die Ausfälle von Ioannis Amanatidis, Martin Fenin und Nikos Liberopoulos hatte Skibbe keinen gelernten Angreifer mehr im Kader.
Die Variante mit Mittelfeldspieler Alexander Meier als Stoßstürmer und Markus Steinhöfer, Caio sowie Ümit Korkmaz im Mittelfeld dahinter erwies sich als wenig durchschlagskräftig. Lediglich Schwegler sorgte einmal für Gefahr (26.). Erst gegen Ende der ersten Halbzeit wurden die Hessen etwas mutiger und erspielten sich vier Ecken in Serie. Gladbachs Linksverteidiger Jean-Sebastien Jaurès klärte einen Kopfball von Meier aber auf der Linie, so dass es ohne Treffer in die Kabinen ging.
Nach dem Seitenwechsel erlahmte der Schwung der Frankfurter. Stattdessen bekamen die Gladbacher die Partie wieder besser in den Griff und gingen in der 54. Minute in Führung. Nach einer schönen Kombination über Karim Matmour und Tobias Levels beförderten die Hausherren den Ball selbst über die Torlinie. Russ schoss nach Levels' Hereingabe Torhüter Oka Nikolov an den Kopf, von wo der Ball ins Eintracht-Tor prallte.
Elf Minuten später sorgte Brouwers für die Vorentscheidung. Nachdem zunächst Rob Friend im gut reagierenden Nikolov seinen Meister gefunden hatte, war der Niederländer kurz darauf nach einer Hereingabe von Reus per Kopf erfolgreich. Für den Verteidiger war es bereits der dritte Saisontreffer. Die Eintracht kämpfte sich nach diesem Schock zurück ins Spiel. Meier traf per Kopf den Innenpfosten des Gladbacher Tores (75.). Zudem klärte Brouwers einen Kopfball von Benjamin Köhler (77.). Der Treffer von Schwegler durch Handelfmeter zum 1:2 kam jedoch zu spät (86.).
- Datum 23.11.2009 - 15:45 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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