Jörg Scholz ist Diplom-Psychologe und Management-Berater. Seit mehreren Jahren betreut er Spieler aus der Fußball- und der Basketballbundesliga psychologisch.

ZEIT ONLINE: Der deutsche Fußballbund und die Liga betonen, man müsse aus dem tragischen Tod Robert Enkes lernen. Was kann konkret unternommen werden?

Jörg Scholz: Der DFB und die DFL sollten darauf drängen, dass die psychologische Betreuung in den Vereinen endlich professioneller wird. Ein Ansatz wäre, diese Forderung massiv anzustoßen, indem man sie in das Lizenzierungsverfahren mit aufnimmt. Die Vereine müssten also den Nachweis erbringen, dass sie einen Psychologen fest integriert haben. Das sollte reichen. Und ich plädiere dafür, dass der DFB sich der Vertraulichkeit halber so weit wie möglich aus inhaltlichen Details der psychologischen Beratung in den Vereinen heraushält.

ZEIT ONLINE: Welche Vereine in der Bundesliga bieten ihren Angestellten eine gute Beratung an?

Scholz: Das Modell Bayern München und Hoffenheim mit den Sportpsychologen Philipp Laux und Hans-Dieter Hermann ist eine gute Option, weil beide fest verankert sind im Verein. Insgesamt verfügen schätzungsweise nur ein Drittel der Vereine aus der ersten und zweiten Bundesliga über einen Psychologen, der stetig und eng am Team dran ist. Ich glaube, die Branche unterschätzt die Möglichkeiten, die eine professionelle psychologische Behandlung bietet.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das? 

Scholz: Viele Vereine sagen: Wir haben keinen Bedarf für tief greifende Psychologie. Oft muss der Trainer diese Aufgabe mit übernehmen. Er ist ein Fußballfachmann, verfügt aber nicht oder nur selten über die Fähigkeiten und erfolgreichen Erfahrungen des psychosozialen Coachens.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass sich diese Denkweise nach dem Fall Enke ändern wird?

Scholz: Da bin ich sehr skeptisch. Die Vereine blicken hauptsächlich auf den sportlichen Erfolg. Wenn der gegeben ist, sehen sie keinen Grund, etwas zu ändern. Dabei kann es sich heutzutage selbst ein mittelständisches Unternehmen kaum mehr leisten, ohne eine der Psychologie offen zugewandte Personalentwicklung auszukommen. In der Bundesliga werden Millionen Euro bewegt. Im Vergleich dazu führt das psychologische Coaching ein Schattendasein oder ist sogar tabu! Dabei ist ein Psychologe eine günstige Investition, da er unter anderem durch Prävention oder Leistungsstabilisierung deutlich zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen kann.

ZEIT ONLINE: Wie sollte eine angemessene Betreuung in den Klubs aussehen?

Scholz: Ein ganz wichtiger Aspekt ist: Der Psychologe muss auf die Spieler zugehen. Er darf nicht nur reagieren, sondern muss proaktiv handeln. Er muss für die individuellen Bedürfnisse der Spieler nützliche Angebote parat haben. Wenn ein Spieler nach einer längeren Verletzungspause wieder ins Team drängt, kann es vorkommen, dass er nicht nur physisch sondern auch mental geschwächt ist. Der Psychologe kann zur Selbstsicherheit und Eigenmotivation beitragen. Er sollte auch beratend zur Stelle sein, wenn ein Spieler Probleme mit seiner Partnerin oder dem Trainer hat.

ZEIT ONLINE: Robert Enke war kein Einzelfall. Wie viele Spieler leiden in der Bundesliga an psychischen Krankheiten?

Scholz: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Doch ich gehe davon aus, dass es zwischen 10 und 20 Fälle von Depressionen oder Vorstufen zu dieser Erkrankung, wie etwa verdeckte Stimmungsschwankungen bis hin zu Burnout-Syndrom in den beiden Topligen gibt.

ZEIT ONLINE: Was sind die hauptsächlichen Auslöser für psychische Leiden in der Bundesliga?

Scholz: Spieler unterscheiden sich da nicht zwingend von Managern: hohe Verantwortung, permanenter Leistungsdruck, oft ein zu hoher, irrationaler Leistungsanspruch an sich selbst, der sich dann auch in zwischenmenschlichen Problemen zeigt, weil die Balance zwischen Beruf und Privatem nicht mehr gegeben ist. Der Fußball ist schnell geworden und damit energiezehrend. Das schafft auf Dauer nicht jeder Körper. Auch mental werden Barrieren deutlich: Stichwort Überbelastung! Einige Spieler bilden sich neben dem täglichen Training weiter. Freie Zeit wird zum Lernen im Fernstudium genutzt. Da kann es zu Konflikten kommen, alles unter einen Hut zu bekommen. Das schlaucht – manchmal bis zur massiven Erschöpfung.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit dem Leistungsdruck und dem Konkurrenzkampf aus?

In einem Hochleistungssport wie Fußball ist das Alltag. Nicht nur bei Bayern München mit einer kompletten Mannschaft zum Auswechseln. Diesem Druck hat sich jeder Spieler auch weiter zu stellen: Das ist Teil des Spiels. Die Lösung in der Beratung liegt darin, Wege aufzuzeigen, wie ich mit dem Druck besser leben kann – statt Leistung zu negieren oder diesem Anspruch auszuweichen.

ZEIT ONLINE: Wollen die Spieler, dass es geheim bleibt, wenn Sie zu Ihnen zur Beratung kommen?

Scholz: Es soll im unmittelbaren fußballerischen Bereich meist geheim bleiben. Ich erlebe aber, dass der Spielerberater mit eingeweiht ist, wenn er ein intaktes Vertrauensverhältnis zum Spieler hat.

ZEIT ONLINE: Was muss geschehen, dass ein Thema wie Depressionen im Leistungssport nicht mehr tabuisiert wird?

Scholz: Ich halte die visionäre Kraft und die erste Idee von DFB-Präsident Theo Zwanziger für gut, eine Stiftung ins Leben zu rufen. Doch das allein reicht nicht. Beim Thema Wettskandal gab es im Handumdrehen eine Task Force. Ich würde einen solchen Impuls im DFB für das Thema Depression begrüßen. Wichtiger noch erscheint mir heute, dass die Vereine sich nach dem tragischen Tod von Robert Enke endlich veranlasst sehen, den Psychologen intern als ergänzenden Betreuer in Kooperation mit dem Cheftrainer fest zu verankern.

Die Fragen stellte Matthias Bossaller