Trauerfeier Robert Enke
Makabere Inszenierung oder würdevoller Abschied?
Die Trauerfeier Robert Enkes wurde auf fünf Kanälen live im TV übertragen, 40.000 Menschen trauerten im Stadion. Eine Presseschau zur Frage, ob das so sein darf?
© Sean Gallup/Getty Images

Die Trauerfeier im Stadion von Hannover 96: Auf dem Mittelpunkt lag der Sarg von Robert Enke
Einen "würdevollen Abschied" nennt Wolfgang Hettfleisch in der FR die Trauerfeier: "Viele in der Arena schämen sich ihrer Tränen nicht, als sie gemeinsam das Vaterunser sprechen und als 'You'll never walk alone' gesungen wird. Es ist wohl das, was die 40.000 im Stadion vor allem zum Ausdruck bringen wollen. Draußen vor dem Stadion halten viele noch einmal inne. Sie werden ohne Robert Enke weitergehen müssen. Aber noch nicht jetzt. Jetzt noch nicht.“
Für Ralf Klassen (stern.de) gibt es keine Maßstäbe, wenn es ums Trauern geht. "Der Empörung liegen viele Irrtümer zugrunde: Es gibt eben nicht den einen, allgemein verbindlichen Kodex, wie man zu trauern hat.“ Das gelte sowohl für die Familie als auch für die Fans. "Diesen Menschen, die Enke Woche für Woche zugejubelt hatten, nun falsche Emotionen oder gar Eventmentalität vorzuhalten, ist töricht. Vielen bedeuten Robert Enke und sein Tod eben etwas Besonderes für ihr Leben. Das mag man verstehen oder nicht – aber respektieren sollte man es auf jeden Fall.“ Die besondere Biografie Enkes begründe wohl auch, dass "die Menschen mit ihrer beinahe überbordenden Anteilnahme nun beweisen wollen, dass es eine Gesellschaft geben muss, die eben diese Schwächen verzeihen kann. In diesem Sinne kann eine Trauerfeier gar nicht groß genug sein.“
Bertram Eisenhauer (FAZ) erinnert daran, wieso man sich zu solchen Anlässen überhaupt zusammenfindet: "Dass Menschen Trauer teilen wollen, ist nicht ungewöhnlich. Es erleichtert, zu sehen, dass man mit seinen Gefühlen nicht allein ist.“ Und er hat Hoffnung auf Konsens: "Der Streit über den Umgang mit Enkes Tod ist letztlich zugleich eine Verständigung darüber, wie wir als Gesellschaft trauern wollen.“
In der deutschen Presse gibt es jedoch auch Kritiker dieser gigantischen Trauerfeier, für die keine Vorbilder existierten:
Lars Wallrodt (Welt) denkt an jenen, den all das würdigen sollte: "Und Robert Enke? Ihm wäre diese Art von Heldenverehrung vermutlich ein Graus gewesen. Man hätte dem hochsensiblen und bescheidenen Spieler einen etwas weniger grellen Abgang gewünscht.“ Dass später "You'll never walk alone" angestimmt wird, findet Wallrodt "deplatziert. Robert Enke hatte keine Hoffnung mehr. Er ging allein dem Zug entgegen."
"Der Trauerfuror, der über das Land hereinbrach und den die Medien durch immer ausführlichere Berichte anheizten, ist abstoßend", schreibt Richard Wagner (FAZ) und nennt das ganze ein "Spektakel", "unangemessen“ und "maßlos". Er bemüht Vergleiche zu Kirchentags-Gemeinschaftsempfindungen oder den Gefühlen pubertierender Mädchen nach der Auflösung einer Boy-Group, um die Reaktionen auf Enkes Tod zu beschreiben. Zudem nennt er dessen Entscheidung, trotz des Wissens um seine Erkrankung ein Kind zu adoptieren, verantwortungslos.
Matti Lieske (Berliner Zeitung) ist ebenfalls nicht einverstanden mit dem Ablauf in Hannover. Schließlich ginge es beim Abschied von einem Menschen um eine gänzlich andere Form des Verlusts als bei einer Niederlage in einem Spiel, wie sie sonst auf Fußballplätzen betrauert würde. "Für existenzielle Trauer, für Einkehr und Besinnung, ist das Stadion ein ungeeigneter Ort, wie sich schnell erweist, sobald man das Innere betritt. Der Sarg Robert Enkes wirkt winzig auf dem weiten Rasengeviert. Die Szenerie wirkt gespenstisch, die Atmosphäre beklemmend, die Menschen im Stadion wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, also klatschen sie. Wohl noch nie gab es bei einer Trauerfeier derart viel Beifall.“ Die Absage des eigentlich für den vergangenen Samstag geplanten Chile-Spiels empfindet Lieske als unglücklich. "Angemessener als die makaber anmutende Inszenierung in Hannover wäre es wohl gewesen, einen leidenschaftlichen Fußballspieler mit einem Fußballspiel zu ehren.“
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- Datum 16.11.2009 - 18:41 Uhr
- Serie Fußball-Presseschau
- Quelle ZEIT ONLINE
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Ulrich Scharfenorth, Ratingen
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über die trauerfeier kann man sich sicher streiten. aber wenn man liest, was in Studivz Gruppen geschrieben wird, die mittlerweile 88.ooo mitglieder haben, kann einem schon übel werden.
Da werden Bilder gezeigt, die herrn enke mit seiner verstorbenen Tochter zeigen gepostet in schwarzweiss und der unterschrift: "endlich wieder vereint" etc.
dazu gibt es gruppen, die sich teresa enke widmen, mit dem Titel: "Teresa Enke, was für eine starke Frau". Das ist völlig pietätslos und zeigt letztlich nur die sensationsgier der fans. Warum meint jeder der 20.ooo, die bisher ihre meinung in dieser gruppe kund getan haben, eine meinung haben zu können zu etwas, was letztlich für jeden ausenstehenden unbegreiflich bleibt.
das selbe gilt natürlich auch für jeden B promi, der sich jetzt auf rtl exklusiv zu dem thema äussert, nach dem Motto: die 10 besten kommentare zu Enkes Tod.
Dieser Trubel verrät nichts über die Motive von Hernn enke, aber viel über die dummheit des (Fußball) volkes und der Medien/ Konsumenten...
Völlig zu Recht kritisieren Sie den Medien-/Massentrubel, der um den Suizid eines Menschen gemacht wird, der den Anforderungen der falschen Werte dieser Leistungsgesellschaft offensichtlich nicht mehr gewachsen war.
Aber wie können Sie sich erdreisten zu behaupten, niemand verstünde wie es ist, einen geliebten Menschen durch einen Suizid zu verlieren? Für wen halten Sie sich?
das problem auch ihres kommentars ist, das sie so tun, als könnten sie wissen, aus welchen gründen herr enke suizid beging, von wegen leistungsdruck etc. aber woher wissen sie das?
natürlich gibt es menschen, die Erfahrungen mit dem thema haben. sich deswegen allerdings einen kommentar zum tod dieses Prominenten oder seinen angehörigen erlauben zu dürfen finde ich anmaßend.
Es ist doch letztendlich die Presse (sieht man auch hier, ebenso wie in der Bildzeitung oder sonstwo) die sich sensationslüstern auf solche Themen stürzt, um die Seiten mit völlig unnützen Artikeln zu füllen und das Thema 25x durchzuquirlen.
Für inhaltlich anspruchsvollere Artikel zu anderen Themen reicht es offensichtlich bei vielen Reportern nicht mehr. Da kommen Michael Jackson oder Robert Enke gerade recht. Hauptsache die Seite wird voll. Und wenn es dem etwas anspruchsvolleren Leser zu den Ohren wieder rauskommt...
zu seinen ehren, das wäre angemessen gewesen.
... Sendungen über Suizid, "Experten"runden über Suizid, das Gleiche gilt für das Thema Depressionen. Die Beerdigung war unglaublich aber man muss natürlich der Ehefrau bzw. Witwe und Familie überlassen, was sie sich für die Beerdigung wünschen. Auch der Vater von R. Enke gibt Details über die Psyche seines Sohnes auf Spiegel.de bekannt. Es scheint ein tiefer Wunsch nach Seelenstriptease (und ähem Geld) zu bestehen, anders kann man sich dieses Spektakel nicht erklären.
Ganz offen muss ich zugeben, das ich diese Trauerverarbeitung der Menschen, besonders in Hannover nachvollziehen kann. Aber außerdem findet hier wieder eine geschmacklose Heroisierung statt. Um mal wieder die übliche Floskel aufzugreifen die aber nicht an Wirkung verliert. Ich glaube wohl kaum das ein Robert Enke solch einen Abschied haben wollte. Auch das emporheben der Person Enke als Spieler halte ich für Augenwischerei. Er war "noch" kein Ausnahmetorwart. Vielmehr war es gerade, so glaube ich, für viele das besondere an Enke, dass er ein Durchschnittstyp blieb trotz seiner Schickssalsschläge. Ein Mann der "kleinen Leute" eben.
Ganz offen muss ich zugeben, das ich diese Trauerverarbeitung der Menschen, besonders in Hannover nachvollziehen kann. Aber außerdem findet hier wieder eine geschmacklose Heroisierung statt. Um mal wieder die übliche Floskel aufzugreifen die aber nicht an Wirkung verliert. Ich glaube wohl kaum das ein Robert Enke solch einen Abschied haben wollte. Auch das emporheben der Person Enke als Spieler halte ich für Augenwischerei. Er war "noch" kein Ausnahmetorwart. Vielmehr war es gerade, so glaube ich, für viele das besondere an Enke, dass er ein Durchschnittstyp blieb trotz seiner Schickssalsschläge. Ein Mann der "kleinen Leute" eben.
...und dann so ein Brimborium! Man führe sich Enkes letzte Jahre und seinen allerletzten Gang zum Bahngleis vor Augen. Sehr wohl ging er sehr ALLEIN.
Welch' zynische Inszenierung, und Deutschland einig' Fußball-Land schwelgt in einheitlichem Trauern.
Das war gestern, heute geht's weiter, und Herr Hoeneß und seine Mitstreiter dürfen weiter Maulkörbe verteilen und Versuche von Spielern, einen eigenen Gedanken zu formulieren, im Keim ersticken. Wie sollen denn in so einer mächtigen und schrägen (Parallel-)Gesellschaft die Tabus von Schwäche jeglicher Art und Homosexualität enttabuisiert werden,
wo doch gerade Härte und Erfolg um jeden Preis hochgehalten werden?
Dem Zusammenhang zwischen Robert Enke und Homosexualität kann ich jetzt nicht ganz folgen. Aber wäre ja mal ein schönes Gerücht für den nächsten Artikel...
Ich fand die Trauerfeier in Ordnung. Meines Wissens wurde für Achim Stocker auch eine Trauerfeier im Freiburger Stadion abgehalten, auch da schien es meinem Eindruck nach den Empfindungen der Fans zu entsprechen. Vielleicht kann und muss da nicht jeder mitfühlen, ich konnte es sehr gut. Wer die Pressekonferenz erlebt hat, wer selbst mit dem Verlust eines Menschen durch Suizid konfrontiert war, dem stellt sich die Frage nicht, ob ein Fußballspiel (zu diesem frühen Zeitpunkt) angemessen war. Positiv finde ich, dass das Thema Suizid enttabuisiert wurde. Ich fand das auch für mich persönlich heilsam. Mir wurde erst heute morgen klar, dass dies damit zusammenhängt, dass vor einigen Jahren ein naher Angehöriger versucht hatte sich das Leben zu nehmen (und glücklicherweise überlebt hat). Es ist gut, das nicht "wegzupacken". Ich fand auch die Beschreibungen der schreibenden Presse oft sehr einfühlsam, manchmal auch unsicher oder knapp am Thema vorbei (für mein Gefühl eben). Und jetzt finde ich sollte das Ganze einfach wirken können. Das Berichten über das Berichten des Berichteten empfinde ich nicht mehr als hilfreich.
das trifft es nach meinem Empfinden am Besten.
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