Fussball-Presseschau Innehalten mit Herz und Verstand
Der Tod von Robert Enke hat ein große Medienecho ausgelöst. Es reicht über das Tabuthema Depression bis zur Würdigung Enkes als großartigen Menschen.
© Martin Rose/Getty Images

Ein Fan trauert um Robert Enke
"Robert Riese" war Enkes Spitzname, er galt schon seit Langem als vorbildlicher Sportsmann, der nicht das Rampenlicht suchte, sondern menschlich und geerdet blieb. Dass er seit 2003 an Depressionen litt, erfuhr die Öffentlichkeit erst nach seinem Tod. Die Kategorien fehlen, und die Presse muss sich selbst erst wieder sortieren angesichts dieser unfassbaren Tat:
Jannik Sorgatz (Entscheidend is auf‘m Platz) hat festgestellt: "Fußball-Fans, der DFB, die Medien, alle, die sich betroffen fühlen, haben am Dienstag die Erfahrung gemacht, dass ihnen eine wichtige Schublade fehlt. Eine Schublade, in die sie den Tod von Robert Enke einordnen könnten. Eine Schublade, die ihnen konkret mitteilt, was nun richtig, falsch oder auf gewisse Weise beides ist. Denn es gibt keinen vergleichbaren Fall. Und so musste eine Fußball-Nation nun im Aktenschrank ihrer Lebenserfahrungen wühlen. Sie musste sich notdürftig einen Flickenteppich aus möglichen Verhaltensweisen zusammennähen. Die letzten Tage haben gezeigt, dass es einfach keinen goldenen Weg der Bewältigung gibt. Wir wissen, dass der Handlungsspielraum die Absage eines Länderspiels beinhaltet. Gleichzeitig endet er ein paar Meter vor dem, was beispielsweise Kerner in einer überflüssigen Sondersendung fabrizierte.“
Wegen der Absage des Länderspiels gegen Chile hat Robert Ide im Tagesspiegel eine eindeutige Auffassung: "Der DFB hat eine vorläufige, aber die einzig richtige Antwort gegeben: Die Spiele gehen nicht gleich weiter. Das Innehalten hat Herz und Verstand. Das Leben geht weiter, sagt man. Aber das heißt nicht, dass es morgen weitergehen muss, so wie man es zu kennen glaubt. Auch nicht übermorgen, auch nicht am Wochenende. Zeit muss verstreichen dürfen, wenn es sie braucht. Zeit zum Nachdenken und zum Befragen, auch sich selbst. Zeit für Tränen."
Thomas Kilchenstein (FR) rückt in seinem Kommentar die Bedeutung des Fußballsports zurecht und versucht, den Blick fürs Wesentliche zu schärfen: "Wir sehen in den Fußballspielern immer nur die Stars auf der Sonnenseite des Lebens, reich, berühmt, umjubelt. Wir sehen viel zu selten die Schattenseite dieses knallharten Gewerbes, die Furcht, dem immensen Anspruch der Branche nicht gerecht zu werden. Wir wissen nichts von der Angst vor dem Versagen, vor dem Eingeständnis persönlicher Niederlagen. Wir ahnen nur, welch unmenschlicher Druck es sein kann, Samstag für Samstag Vorbild- oder gar Kultfigur sein zu müssen fürs ganze Volk. - Depression gehört wie Homosexualität zu den Tabu-Themen der Bundesliga. Vielleicht rüttelt der Tod von Robert Enke wach: Es ist nur ein Fußballspiel - das wahre Leben ist anders."
Christian Zaschke (SZ) hat in dieser Trauer ein besonderes Muster erkannt: "So viele Menschen sind von Enkes Tod in besonderer Weise bewegt, weil sie spüren, dass Enke für Werte stand, dass er ein Mensch voller Mitgefühl war, ein fürsorglicher Mensch. Es berührt sie, manche im Innersten, dass gerade ein Mensch, der diese Werte lebte, keinen anderen Weg mehr sah als den in den Tod."
Markus Völker schließlich schreibt in der taz einen lesenswerten Nachruf, der noch einmal die Kluft zwischen Fußballplatz und Privatmensch thematisiert: "Enke war ein moderner Keeper. Er spielte mit, schlüpfte zur Not in die Rolle des Liberos. Seine Arbeit sah nicht besonders spektakulär aus. Enke verzichtete auf Aufmerksamkeit heischende Paraden. Andere leisteten sich Flugeinlagen, er schnappte sich den Ball einfach. Er war ein pragmatischer Fänger. Ein Torhüter müsse ein Rückhalt für seine Mannschaft sein, das sei das Wichtigste, sagte er, und ein Keeper müsse in der Lage seine, Fehler sofort abzuhaken. Auf dem Spielfeld gelang ihm die gedankliche Bewegung in der Gegenwart nahezu perfekt, im Leben, das neben dem Platz stattfand, war das wohl anders. Dort hing er Ereignissen oft lange nach." Die Anteilnahme sei auch deshalb so groß, weil er "einer von uns war, nicht abgehoben und entrückt. Ein Sympathieträger. Er war einer, der manchmal mit dem Regionalzug zum Training gefahren ist, einer zum Identifizieren für den Fan um die Ecke".
- Datum 16.11.2009 - 11:01 Uhr
- Serie Fußball-Presseschau
- Quelle ZEIT ONLINE
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