Wettbetrug im Fussball "Viele sind beeinflussbar“

Wettbetrug und andere Manipulationen sind dem deutschen Fußball nicht mehr fremd. Korruptionsbekämpferin Sylvia Schenk spricht über die Kultur des Wegsehens im Sport.

Sylvia Schenk, Vorsitzende der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International

Sylvia Schenk, Vorsitzende der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International

Frau Schenk, hat Sie das Ausmaß des Wettskandals überrascht?

Nein, zumal ich gerade das Buch "Sichere Siege“ von Declan Hill lese, der Manipulationen im Fußball beschreibt. Es war mir klar, dass das Problem einen riesigen Umfang und eine hohe Dunkelziffer hat.

Müssen wir feststellen, dass wir es mit einem unlösbaren Problem zu tun haben und im Grunde nur Schadensbegrenzung betreiben können?


Unlösbar nicht und Schadensbegrenzung wäre auch zu wenig. Sie können Wettbetrug zwar genauso wenig auf null bringen wie Doping oder Bankeinbrüche. Aber man kann strukturelle Defizite abbauen, die Hemmschwellen erhöhen und damit das Problem eingrenzen. Spielmanipulation darf kein Kavaliersdelikt sein.

Was wäre zum Beispiel zu tun?
 

Der Deutsche Fußball-Bund setzt Schiedsrichter nur noch kurzfristig an, der europäische Fußballverband Uefa hat ein Frühwarnsystem gemeinsam mit Wettanbietern aufgebaut. Das reicht aber nicht – neben einem verstärkten Ermittlungsdruck der Behörden muss grundlegend präventiv gearbeitet werden. Aber selbst mit einem perfekten System in Deutschland bekommen wir das Problem nicht in den Griff. In Osteuropa etwa sieht es ganz anders aus.

Dass der Fußball international spielt, ist Teil des Problems.

Die Uefa macht schon einiges, da ist das Problembewusstsein viel ausgeprägter als in anderen Sportarten. Aber auch die Uefa kann nicht in die Nationalverbände und Vereine hineinregieren, sie kann nur bestimmte Standards setzen.

Was bleibt also den Verbänden an Spielraum?

Eine Verfeinerung der Systeme, eine groß angelegte Aktion für null Toleranz bei Manipulation, Schulungsmaßnahmen für Schiedsrichter und Funktionäre und Bewusstseinsbildung bis in die unteren Ligen. Deutschland muss in Sachen Transparenz und Integrität voranmarschieren. Aber ich bezweifle bereits, dass alle Transfergeschäfte deutscher Vereine sauber sind.

Würden gesetzliche Regelungen etwas bringen?

Ich habe allgemeine Rufe nach einem Gesetz gehört ohne zu erfahren, wo ein Straftatbestand fehlt. Hoyzer und seine Komplizen sind doch verknackt worden.

Vieles läuft bei der Manipulation auf der persönlichen Ebene, ist dem überhaupt beizukommen?

Einzelfälle kann man nicht ausschließen. Es geht jedoch nicht um ein paar schwarze Schafe. Es sind viele beeinflussbar und dass dies ausgenutzt wird, hat auch etwas mit einer Kultur des Wegschauens zu tun und mit bestimmten eingeübten Verhaltensweisen im Fußball. Schwarzgeld wird oft bis in untere Ebenen gezahlt. Mal hier 50 Euro für den Torwart, mal da ein Handgeld. Wer so aufwächst, der ist empfänglicher.

Warum ist der Sport so anfällig?

Es ist die Überidentifikation mit dem Sport, dass Leute für ihren Verein Sachen machen, die sie im Geschäftsleben nie machen würden. Im Sport ist es oft so: Wer die größte Show macht, wird gewählt, egal, ob die Qualifikationen stimmen.

Sylvia Schenk, 57, ist Vorsitzende der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International. Von 2001 bis 2004 war sie Präsidentin des Bunds Deutscher Radfahrer.

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Die Fragen stellte Friedhard Teuffel.

Der Text erschien im Tagesspiegel.

 
Leser-Kommentare
    • Midway
    • 22.11.2009 um 16:16 Uhr
    1. ^^

    Wer hätte es den gedacht^^

    Solange Geld & Gier in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle spielt, solange wird jedes Spiel ein potenzielles Geschmiertes sein!

  1. Schenk hat Recht: Nationale Verbände und Vereine sollen "strukturelle Defizite abbauen". Selbst wenn dies geschähe, bliebe das Restrisiko hoch. Denn eine Gesellschaft, in der der Ehrliche der Dumme ist und die jene schätzt, die mit Kaltschnäuzigkeit und Regelverstößen ihr Schnäppchen machen, produziert genügend Mitmacher für den kleinen Wettbetrug. Das ist nicht schön, aber nur für den eine Katastrophe, der immer noch an die Fairness der Welt und ihrer schönsten Nebensache geglaubt hat.

  2. Hallo Frau Schenk, ich finde es erfreulich, endlich einmal jemanden zu finden, der das Buch von Declan Hill liesst. Ich war wahrscheinlich eine der ersten und wurde von den meisten Leuten, denen ich empfohlen habe es zu lesen , ausgelacht oder nicht für voll genommen. Ich habe nur auf den Zeitpunkt gewartet, dass endlich die Bombe platzt. Dass es so kommen würde, daran habe ich nie gezweifelt. Hoffentlich nimmt man Declan jetzt endlich mal ernst und alle die mit Fussball zu tun haben (oder auch nicht) sollten das Buch lesen, um zu verstehen, warum und wie so etwas überhaupt passieren kann.

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