Hertha-Mitgliederversammlung "Hertha ist eine Erfolgsstory"
Fans und Mitglieder beschäftigt nichts so sehr wie Herthas Abstieg. Aufsichtsratschef Schiphorst weiß um die Fehler der Vergangenheit. Abstiegsängste hat er aber keine.
© Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Hertha – eine Erfolgsstory? Nicht alle Hertha-Fans haben das in letzter Zeit so gesehen
Frage: Herr Schiphorst, Sie waren maßgeblich an der neuen Satzung von Hertha beteiligt. Wie viele Kreuze machen Sie, dass Sie eine Sperrminorität von 75 Prozent für die Abwahl eines Präsidiums festgelegt haben?
Bernd Schiphorst: Ach, das habe ich gar nicht festgelegt. Das war Konsens – als Gegengewicht zur Direktwahl von Präsidium und Aufsichtsrat durch die Mitgliederversammlung.
Frage: Im Bundestag reicht eine einfache Mehrheit für die Abwahl der Kanzlerin.
Schiphorst: Das können Sie im Ernst nicht vergleichen. Im Bundestag geht es um die Fragen der Nation, die haben faktisch Fraktionszwang, gelegentliche Abweichler mal außen vor. Bei Hertha wird direkt gewählt – jeder für sich, Gott für uns alle, wie es so schön heißt.
Frage: Geht Ihre Fantasie so weit, dass sich auf der Mitgliederversammlung eine Mehrheit von 75 Prozent für eine Abwahl des Präsidiums finden lässt?
Schiphorst: Ich vertraue sehr auf den Souverän, auf die Mitgliederversammlung. Sie hat bisher sehr gut unterscheiden können, wer was aus welchen Motiven macht und wie der Verein davon profitiert hat.
Frage: Vielen gilt Präsident Werner Gegenbauer als der starke Mann im Verein, und nicht allen gefällt das.
Schiphorst: Das mag Ihr Eindruck sein. Ich sehe das anders. Er füllt seine Rolle aktiv aus. Im Übrigen haben wir durchgängig ein Vier-Augen-Prinzip zwischen Geschäftsführung, Präsidium und Aufsichtsrat. Die Geschäftsführer müssen sagen, was sie wollen, das Präsidium genehmigt oder nicht. Und wenn das Präsidium etwas will, muss der Aufsichtsrat das genehmigen. Die Struktur ist an die einer Aktiengesellschaft angelehnt, mit dem Profibetrieb in einer Tochtergesellschaft.
Frage: Hat das Präsidium zu viel Macht?
Schiphorst: Es hat viel Macht, aber nicht zu viel. Genauso war das bei der Satzungsreform gewollt, übrigens von allen Gremien im Verein. Wir haben jetzt klare Entscheidungswege und viel Demokratie. Der Fußball wollte doch wegkommen von diesen explosiven Mitgliederversammlungen früherer Jahre, die um Mitternacht aus den Fugen gerieten.
Frage: Bei Hertha ging es oft zu wie im Irrenhaus.
Schiphorst: Das ist lange vorbei, Gott sei Dank, denn wir brauchen Sicherheit und Kontinuität für den Verein. Hertha ist ein mittelständisches Unternehmen, das ein paar hundert Arbeitsplätze sichert. Ich erwarte mir von der Versammlung, dass sie den Fans eine Orientierung geben kann dafür, wohin der Weg mit Hertha geht. Wir dürfen trotz der prekären sportlichen Lage nicht vergessen, dass Hertha seit Mitte der Neunzigerjahre eine Erfolgsstory ist.
Frage: In der Gegenwart steht Hertha ganz unten. In der Mitgliederschaft gibt es Existenzängste. Sie werden Antworten auf unangenehme Fragen geben müssen.
Schiphorst: Wir haben in den letzten Wochen das getan, was wir tun mussten. Wir haben uns von Trainer Lucien Favre getrennt, als wir merkten, dass es nicht mehr geht. Wir haben Friedhelm Funkel geholt, einen gestandenen, deutschen Bundesligatrainer, das war eine schnelle und gute Lösung. Als Nächstes müssen wir uns für die Winterpause eine finanzielle Manövriermasse schaffen, mit der wir die Mannschaft verstärken können.

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Frage: Wie viel Geld muss Hertha anfassen?
Schiphorst: Wir haben keinen großen Spielraum, deswegen sind wir ja mit einem so sparsamen Etat in diese Saison gegangen. Wenn wir jetzt im Winter noch einmal investieren, reden wir hier von einer Größenordnung im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Aber auch dieses Geld liegt nicht auf der Straße. Bei so einem Tabellenstand ist auch keiner da, der bei uns an der Tür klopft und sagt: Ich habe hier jetzt zehn Millionen Euro übrig, die würde ich so gern bei euch abliefern.
Frage: Welche finanziellen Belastungen bringt der aktuelle Misserfolg mit sich?
Schiphorst: Das geht in den siebenstelligen Bereich.
Frage: Und Sie müssen noch einen neuen Trainer bezahlen.
Schiphorst: Ja gut, auf der anderen Seite ist der alte nicht mehr da.
Frage: Aber der muss auch noch bezahlt werden.
Schiphorst: Das ist noch offen. Wir haben Lucien Favre fristlos gekündigt. Jetzt warten wir den Termin vor Gericht ab. Dem möchte und werde ich nicht vorgreifen.
Frage: Herr Favre hat es als größten Fehler bezeichnet, dass die Mannschaft nicht entscheidend verstärkt wurde. Stattdessen ist Hertha in die Saison gegangen mit der Maßgabe, einen Transferüberschuss zu erzielen. War das wirklich klug?
Schiphorst: Wir mussten gewaltig aufpassen, nicht noch einmal in eine extreme wirtschaftliche Schräglage zu kommen, wie wir sie vor einigen Jahren hatten. Das ist die Kunst im Fußball, die Balance hinzukriegen zwischen wirtschaftlich solidem Gebaren und sportlichem Erfolg. In der letzten Saison haben wir zum zweiten Male nach 2004/05 knapp die Champions League verpasst. Das hat schon ein bisschen was von Casino: Du investierst, du merkst, es könnte reichen, und verspielst es doch am letzten oder vorletzten Spieltag. Auf der einen Seite liegen 15 bis 20 Millionen Euro. Auf der anderen Seite lauert die Gefahr, dass alle Investitionen, mit denen Sie diese Millionen erspielen wollen, auf dem Schuldenberg landen.
- Datum 30.11.2009 - 13:30 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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