Kind und Peters über 50 plus 1 "Der böse Investor ist eine kindliche Version"

Hannovers Präsident und Schalkes Finanzvorstand kämpfen für Chancengleichheit im Fußball. Vor der heutigen DFL-Versammlung streiten sie jedoch über die Rolle der Investoren.

Hannovers Präsident Martin Kind möchte die Bundesliga für Investoren öffnen. Wenn sein Antrag von der DFL abgelehnt wird, will er gegen 50 plus 1 klagen

Hannovers Präsident Martin Kind möchte die Bundesliga für Investoren öffnen. Wenn sein Antrag von der DFL abgelehnt wird, will er gegen 50 plus 1 klagen

Frage: Herr Kind, gegen Ihre Hörgeräte-Unternehmenskette gab es kürzlich einen Graffitianschlag. Vermutlich waren es Gegner Ihres Vorhabens, die Bundesligaklubs für Investoren zu öffnen. Fühlen Sie sich als schwarzes Schaf des deutschen Fußballs?

Martin Kind: Nein. Veränderungen sind immer schwer, vor allem in Deutschland. Ich sehe mich aber weder als schwarzes Schaf noch als Buhmann.

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50-plus-1-Regel

Die 50-plus-1-Regel ist eine deutsche Besonderheit. Sie verhindert, dass ein Investor die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erhält. So soll die Macht von Kapitalgebern beschränkt und sportliche Ziele vor wirtschaftlichen geschützt werden.

DFB und DFL legen in ihren Satzungen fest, dass ein Verein nur eine Lizenz erhalten kann, wenn "50 Prozent zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner" der "Mutterverein" behält.

Lex Leverkusen

Die Regel ließ bisher Ausnahmen zu, Kritikern zufolge ist das Wettbewerbsverzerrung. In der DFL-Satzung heißt es: "Über Ausnahmen in solchen Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als zwanzig Jahren vor 1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Verbandes."
Derzeit profitieren zwei Bundesligavereine von dieser Ausnahmeregel: Bayer Leverkusen, eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG, und der VfL Wolfsburg, eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG.

Lockerung

Am Dienstag gab das Ständige Schiedsgericht einer Klage von Hannover 96 gegen die Stichtagsregelung statt und weichte damit die 50+1-Regel auf. Nun darf ein Investor die Mehrheit bei einem Bundesligaclub übernehmen, wenn er ihn mehr als 20 Jahre gefördert hat. Die zeitliche Einschränkung "vor dem 1.1.1999", die Lex Leverkusen also, fiel weg.

Umgehungen

Der TSG Hoffenheim wird vorgeworfen, sie umgehe die 50+1-Regel. Dietmar Hopp, der den Verein seit 1989 unterstützt, hält nahezu das komplette Vereinskapital, sein Stimmrecht ist auf dem Papier jedoch auf 49 Prozent beschränkt. Der Fünftligist RB Leipzig steht unter Beobachtung des DFB, seitdem dort im Sommer 2009 Red Bull eingestiegen ist.

Kultureller Hintergrund

Die 50+1-Regel gilt vielen Fußballfans und -romantikern als heilig, weil sie den deutschen Fußball vor zu viel fremdem und vor allem zu viel ökonomischem Einfluss schütze. Als warnendes Beispiel gilt England, dessen Klubfußball sich Globalisierung und Kommerzialisierung verschrieben hat. Populäre Vereine wie Manchester United, FC Liverpool, FC Chelsea, Aston Villa oder Manchester City sind in der Hand von russischen, amerikanischen, isländischen und inzwischen auch arabischen Milliardären.

Die Begleiterscheinungen sind an manchen Orten höhere Ticketpreise, Fan-Proteste, Entfremdung. Aber auch Erfolg in internationalen Wettbewerben. Nicht zuletzt dies ruft deutsche Kritiker der 50-plus-1-Regel auf den Plan.

Frage: Am heutigen Dienstag findet in Frankfurt am Main die Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit den 36 Erst- und Zweitligisten statt. Sie haben wie Herr Peters einen Antrag vorgelegt: Hannover will die 50 plus 1-Regel modifizieren, nach der der Verein immer die Mehrheit der eigenen Anteile behalten muss. Schalke fordert, dass die Klubs künftig höchstens 70 Prozent des Umsatzes in Gehälter investieren dürfen. Versuchen Sie beide, die Chancengleichheit in einem Kastensystem zu erhöhen, in dem immer die gleichen Vereine oben spielen?

Peter Peters: Worum es mir geht, sind die Auswüchse. Es gibt eine Grenze, wo das freie Spiel der Kräfte zu negativen Ergebnissen führt, die man noch gar nicht richtig absehen kann. Unser Vorstoß ist der, dass man auch mal darüber nachdenkt, wie die Mittel verwendet werden. Wir sehen da schon einen gewissen Regelungsbedarf. Das Kastensystem sehe ich aber nicht so intensiv. Es sind in der Vergangenheit nur ganz wenige Klubs permanent in der gleichen Position gewesen – Bayern München mal ausgenommen.

Kind: Das sehe ich anders. Die Analyse der letzten Jahre zeigt, dass im Wesentlichen immer die gleichen Vereine um die Meisterschaft und die internationalen Plätze spielen. Das gönne ich denen ja auch, aber ich will zumindest auch die Möglichkeit dazu haben. Wenn man die wirtschaftlichen Kenndaten in den Kontext stellt, wird man feststellen, das sind die Vereine, die Umsätze zwischen 100 und 280 Millionen haben. Oder die, deren Eigenkapitalseite gut ist, das sind die drei Präzedenzfälle Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim.

Frage: Diese Klubs arbeiten de facto mit Investoren, weshalb die DFL zumindest für Wolfsburg und Leverkusen Ausnahmeregelungen geschaffen hat. Ist Fußball kein sportlicher Wettbewerb mehr, sondern vor allem ein wirtschaftlicher?

Kind: Ich respektiere Bayern München, wo über Jahrzehnte sehr erfolgreich gearbeitet wurde. Nur: Das System ist inzwischen soweit zementiert, dass Vereine wie Hannover 96 unter den derzeitigen Rahmenbedingungen keine Chance haben, auch eine solche Entwicklung durchführen zu können. Wir sind festgeschrieben auf die untere Hälfte der Tabelle.

Frage: Warum?

Kind: Unsere Controller haben errechnet, dass Sie in der Bundesliga einen Umsatz von etwa 70 Millionen Euro erzielen müssen, um angemessene Gewinne zu erwirtschaften. Durch das Erreichen internationaler Plätze kann ein Umsatz von rund 100 Millionen erreicht werden. Mit einem Umsatz von 50 Millionen haben wir keine reale Chance, angemessene Gewinne zu erwirtschaften und uns aus dem unteren Drittel der Bundesliga zu entwickeln. Deshalb ist es notwendig, dass wir unser Eigenkapital stärken.

Frage: Schalke hat deswegen unter anderem einen Teil seiner Zuschauereinnahmen auf 24 Jahre verpfändet, Anteile seines Stadions verkauft, sich Geld von Sponsoren schon im Vorgriff auszahlen lassen und jetzt trotzdem mehr als 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten…

Peters: Aber Schalke hat eines erhalten: seine Unabhängigkeit. Schalke 04 wird niemals auf einer Mitgliederversammlung jubelnd beschließen, wir wandeln uns um in eine Kapitalgesellschaft und gehen an einen Investor. Das war ein ehrgeiziges Finanzierungsprojekt, über Jahre hinweg Verbindlichkeiten aufzunehmen und parallel in Mannschaft und Stadion zu investieren, trotz nicht vorhandener Eigenkapitaldecke. Diese Entscheidung kann man als zu hohes Risiko kritisieren, aber die hat der Verein getroffen, um eben – wie es auch Herr Kind will – aus einem bestimmten Prozess herauszukommen. Wir wussten: Wenn wir da nichts verändern, kann der Verein den Schritt nach oben nicht machen.

Kind: Ich will die Zahlen von Schalke gar nicht kommentieren. Aber inwieweit man bei einer gewissen Größe von Verbindlichkeiten tatsächlich noch frei in seinen Entscheidungen ist, darüber könnte man sicher diskutieren.

Frage: Wäre man denn bei einem Verkauf an einen Investor noch frei?

Kind: Das ist ja nur eine Option. Den Vereinen, die sich in ihrer Entwicklung behindert sehen, muss es zumindest freigestellt sein, zu entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. 50 plus 1 ist eine verbandsrechtliche Regelung, die es nur in Deutschland gibt. Ich sehe in der Modifikation kein wirkliches Risiko.

Frage: Zumindest die Fans, das zeigt der Graffitianschlag, sehen aber Risiken: Da kommt irgendjemand und kauft unsere Vereine auf. Meinen Sie nicht, dass ein Investor als erstes den Herrn Kind rauswirft und seinen eigenen Mann auf Ihren Stuhl setzt?

Kind: Damit muss ich leben, das Leben ist ja kein Wunschkonzert (lacht). Aber die öffentliche Wahrnehmung, dass da ein böser Investor vom Himmel fällt und einen Verein übernimmt, ist natürlich eine kindliche Vision. Damit kann man populistisch Stimmung bei den Fans machen – die Wirklichkeit ist eine andere. In Hannover werden wir nur Personen und Unternehmen aus der Region als Gesellschafter aufnehmen. Wenn ich eine Heuschrecke nicht haben will, darf ich eben nicht an eine Heuschrecke verkaufen. Das gehört zur Verantwortung auch dazu.

Leser-Kommentare
  1. Es fällt mir ohnhin immer schwerer die ganze Kommerzialisierung im Profi-Fußball noch zu ertragen. Wenn sich Kind durchsetzt, dann ist das für mich ein Grund definitiv kein Geld mehr als Fan (Zuschauer, Pay-TV-Abonnent) auszugeben und mich vom Profi-Fußball ganz abzuwenden. Das ist dann einfach nicht mehr meine Welt, und ich weiß, dass viele Fußballfreunde ähnlich denken.

    • Manu84
    • 10.11.2009 um 13:06 Uhr

    Hehe, kindliche Vision... das ist ihm aber was sehr doppeldeutiges rausgerutscht.

    Und mal zum Beispiel England: Ich glaube, die englischen Fussballfans würden ihre eigene Liga liebend gerne eintauschen gegen unsere Bundesliga. Wo man auch als Student sich einfach mal ein Spiel anschauen kann wenn man Lust dazu hat und nicht ein halbes Jahr drauf sparen muss.

    Dass viele Vereinsobere ohne jeglichen Widerstand den windigsten Investoren hinterherrennen würden zeigt schon der Fall Eckel (http://www.spiegel.de/spo...). Der Fussball gehört im Endeffekt denen, die dafür bezahlen, und das sind letztendlich nicht die Sponsoren und nicht die Investoren, sondern die Fans!

  2. @zeit-leser:
    So traurig es klingt:
    da die Mehrheit der Fußballzuschauer heute keine Fußballfans-, sondern modegesteuerte "Event-Hopper" (oder wie man sagen soll) sind (das wurde spätestens beim 2006-Sommer-Theater überdeutlich),
    juckt es niemanden, wenn die Fußballfans sich vom Profifußball abwenden.

    @Manu84:
    leider nicht unbedingt!
    (bezogen auf ihren Schlußsatz: das Kicken im Park gehört vermutlich den fans, aber der Profifußball nicht - das wäre nämlich ähnlich unwahr, als ob jemand behauptete, die Banken gehören denen, die dort ihr Geld deponieren)

    • Manu84
    • 11.11.2009 um 17:55 Uhr

    Wenn man davon ausgeht, dass die Fussballfans der Grund sind, dass das Spektakel überhaupt in diesem Rahmen stattfinden kann (nämlich als Werbeempfänger etc.), muss man schon sagen, dass es ihr Fussball ist. Und dass die ganzen Stars ohne die Fans uch nur im Park kicken würden.

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