Jürgen Marbach über 50 plus 1 "Diese Regel ist nicht zeitgemäß"

Soll sich die Bundesliga künftig für finanzstarke Investoren öffnen? Wolfsburgs Geschäftsführer über die Gelder von VW, Wettbewerbsvorteile und den Audi-Einstieg beim FC Bayern.

ZEIT ONLINE: Herr Marbach, was halten Sie von der 50-plus-1-Regel?

Jürgen Marbach: Sie hat einen guten Dienst für den deutschen Fußball geleistet. Aber sie ist nicht mehr zeitgemäß. Der Profifußball lebt nicht mehr vom Ehrenamt.

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ZEIT ONLINE: Sie werden also dem Antrag Martin Kinds auf Abschaffung zustimmen?

Marbach: Wir können in unserer speziellen Situation nicht dagegen stimmen.

50-plus-1-Regel

Die 50-plus-1-Regel ist eine deutsche Besonderheit. Sie verhindert, dass ein Investor die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erhält. So soll die Macht von Kapitalgebern beschränkt und sportliche Ziele vor wirtschaftlichen geschützt werden.

DFB und DFL legen in ihren Satzungen fest, dass ein Verein nur eine Lizenz erhalten kann, wenn "50 Prozent zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner" der "Mutterverein" behält.

Lex Leverkusen

Die Regel ließ bisher Ausnahmen zu, Kritikern zufolge ist das Wettbewerbsverzerrung. In der DFL-Satzung heißt es: "Über Ausnahmen in solchen Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als zwanzig Jahren vor 1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Verbandes."
Derzeit profitieren zwei Bundesligavereine von dieser Ausnahmeregel: Bayer Leverkusen, eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG, und der VfL Wolfsburg, eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG.

Lockerung

Am Dienstag gab das Ständige Schiedsgericht einer Klage von Hannover 96 gegen die Stichtagsregelung statt und weichte damit die 50+1-Regel auf. Nun darf ein Investor die Mehrheit bei einem Bundesligaclub übernehmen, wenn er ihn mehr als 20 Jahre gefördert hat. Die zeitliche Einschränkung "vor dem 1.1.1999", die Lex Leverkusen also, fiel weg.

Umgehungen

Der TSG Hoffenheim wird vorgeworfen, sie umgehe die 50+1-Regel. Dietmar Hopp, der den Verein seit 1989 unterstützt, hält nahezu das komplette Vereinskapital, sein Stimmrecht ist auf dem Papier jedoch auf 49 Prozent beschränkt. Der Fünftligist RB Leipzig steht unter Beobachtung des DFB, seitdem dort im Sommer 2009 Red Bull eingestiegen ist.

Kultureller Hintergrund

Die 50+1-Regel gilt vielen Fußballfans und -romantikern als heilig, weil sie den deutschen Fußball vor zu viel fremdem und vor allem zu viel ökonomischem Einfluss schütze. Als warnendes Beispiel gilt England, dessen Klubfußball sich Globalisierung und Kommerzialisierung verschrieben hat. Populäre Vereine wie Manchester United, FC Liverpool, FC Chelsea, Aston Villa oder Manchester City sind in der Hand von russischen, amerikanischen, isländischen und inzwischen auch arabischen Milliardären.

Die Begleiterscheinungen sind an manchen Orten höhere Ticketpreise, Fan-Proteste, Entfremdung. Aber auch Erfolg in internationalen Wettbewerben. Nicht zuletzt dies ruft deutsche Kritiker der 50-plus-1-Regel auf den Plan.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf die Sonderregel der Liga für den VfL Wolfsburg an.

Marbach: Ja. Wir wollen uns ja nicht dem Vorwurf aussetzen, einen angeblichen Wettbewerbsvorteil für uns festzuzurren. Wir werden die Diskussion am Dienstag abwarten, wahrscheinlich werden wir uns enthalten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie denn einen Wettbewerbsvorteil?

Marbach: Nein, in der Etat-Tabelle der Liga stehen wir zwischen Platz 5 und 8.

ZEIT ONLINE: Wie hoch denn genau?

Marbach: Das sagen wir nicht. Aber dass wir Meister geworden sind, hat nichts mit einem finanziellen Vorteil gegenüber Bayern, Schalke, Hamburg oder Dortmund zu tun. Den haben wir nämlich nicht.

ZEIT ONLINE: Aber gegenüber Hannover 96 und Eintracht Braunschweig.

Marbach: Unbestritten. Wir haben sicher mehr Mittel zur Verfügung als Hannover. Als Braunschweig sowieso. Daher kann ich Martin Kind sehr gut verstehen. Es müssen gleiche Regeln für alle gelten, ich bin für ein freies Spiel der Kräfte. Ich glaube aber nicht, dass sein Antrag durchkommen wird. Die Angst vor englischen Verhältnissen ist groß.

ZEIT ONLINE: Was sind denn englische Verhältnisse?

Marbach: Hohe Schuldenstände, Insolvenzgefahr, kein Investment in Eigenkapital, Dominanz der Renditeorientierung der Kapitalgeber. Das ist ein gefährliches Spiel. Noch geht es alles in allem gut, siehe den internationalen Erfolg. Aber ich würde nicht drauf wetten, dass es nicht doch mal einen von den Großen erwischen könnte.

ZEIT ONLINE: Skeptiker wenden ein, ohne die 50-plus-1-Regel würden dem deutschen Fußball dieselben Probleme ins Haus stehen.

Marbach: Nicht, wenn man die Restriktionen durchsetzt, die Herr Kind für einen Investor vorsieht: Mindesthaltedauer der Investition von zehn, Mindestvorlauf von sechs Jahren, umfangreiches Prüf- und Genehmigungsrecht für den Verband und vieles andere. Wir müssen verhindern, dass Spekulanten und Kurzzeitliebhaber auf unseren Sport zugreifen.

So schüchtern kann man die Meisterschale präsentieren: Jürgen Marbach im Mai 2009

So schüchtern kann man die Meisterschale präsentieren: Jürgen Marbach im Mai 2009

ZEIT ONLINE: Wenn die 50-plus-1-Regel abgeschafft wird, sinkt vielleicht die Bereitschaft, den Fußball zu subventionieren.

Marbach: Öffentliche Gelder haben im Profisport auf Dauer nichts verloren. Einen Kredit zur Überbrückung akzeptiere ich. Aber Steuergeld darf man dazu nicht verschwenden.

ZEIT ONLINE: Aber an der Volkswagen AG ist das Land Niedersachsen beteiligt.

Marbach: Das ist keine Subvention, sondern ein Investment des Staats.

ZEIT ONLINE: Der VfL Wolfsburg – ein Beispiel dafür, dass es auch ohne 50-plus-1-Regel geht?

Marbach: So kann man das sehen. Für den Meistertitel und die Siege in der Champions League erhalten der Verein und Volkswagen Beachtung in der ganzen Welt. Aber auch Bayer Leverkusen ...

ZEIT ONLINE: ... auch mit Sondergenehmigung ausgestattet ...

Marbach: ... und die TSG Hoffenheim tun der Liga gut.

ZEIT ONLINE: Noch ein Klub, der die Regel umgeht, wie Experten sagen.

Marbach: Zumindest der Beleg dafür, dass sie eine Papierregel ist. Dietmar Hopp mag 49,9 Prozent tragen und hat maximalen Einfluss. Aber bei ihm ist das alles in besten Händen.

ZEIT ONLINE: Sie haben also nichts gegen Mehrheitsbeteiligung. Auch nichts gegen Mehrfachbeteiligung, wie das jetzt mit dem Audi-Einstieg in München folgen könnte?

Marbach: Volkswagen und Audi sind zwei verschiedene juristische Personen.

ZEIT ONLINE: Aber Audi gehört zum Volkswagen-Konzern.

Marbach: Volkswagen betreibt so viel Sponsoring an unterschiedlichen Stellen: Werder Bremen, Schalke 04, Kickers Emden ...

ZEIT ONLINE: Sponsoring ist aber nicht Teilhaberschaft. Es gibt Juristen, die darin eine Missbrauchsgefahr sehen. Die Uefa könnte einschreiten.

Marbach: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Problem ist. Eine Beeinflussung des Wettbewerbs sehe ich nicht. Gehen Sie mal davon aus, dass der Deal geprüft worden ist.

Die Fragen stellte Oliver Fritsch.

 
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