Philipp Lahm zum Welt-Aids-Tag "Ist es schlecht, wenn ich helfen will?"

Wer prominent ist und gut verdient, den umwerben die Hilfswerke. Als Bayern-Spieler Philipp Lahm aus Südafrika zurückkam, war für ihn klar, dass er dort helfen wollte.

Verbindet Prominenz mit Engagement: Philipp Lahm

Verbindet Prominenz mit Engagement: Philipp Lahm

ZEIT ONLINE: Herr Lahm, vor einigen Tagen erschien ein folgenreiches Interview von Ihnen, gegen das sich Ihr Bundesligaverein wehrte, weil er nicht gut dabei wegkam. Geben Sie noch gern Interviews?

Philipp Lahm: Ich gebe immer gern Auskunft. Da wird sich nichts dran ändern.

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ZEIT ONLINE: Nächstes Jahr werden Sie hoffentlich als Fußballer zur Weltmeisterschaft in Südafrika erfolgreich sein. Sie waren vor einiger Zeit schon einmal dort. Wie kam es dazu?

Lahm: Ich wollte einen Kontinent kennen lernen, den ich noch nie gesehen hatte und war auch neugierig auf den Austragungsort der WM.

ZEIT ONLINE: Wen habe sie dort getroffen?

Lahm: Ich habe mit Einheimischen gesprochen, aber auch mit Deutschen, die dort leben. Ich habe Townships gesehen, ein Aidshilfe-Projekt besucht. Ich habe sozusagen alle gesellschaftlichen Schichten kennen gelernt. In Swasiland, wo praktisch eine ganze Generation an Aids gestorben ist, traf ich ein 13-jähriges Mädchen, das seine Geschwister allein großzog. Es ist Wahnsinn, so etwas zu sehen.

ZEIT ONLINE: Wie ging es Ihnen nach diesen Erlebnissen?

Lahm: Man braucht Wochen, um das zu verarbeiten. Zwischen Reichtum und extremer Armut liegt in Südafrika manchmal nur eine Straße. Auch in Deutschland gibt es Armut. Aber in Afrika ist dies alles viel extremer.

ZEIT ONLINE: Was fehlt den Menschen dort am meisten?

Lahm: Unterstützung und Aufklärung über die Gefahr von Aids. In Afrika leben die meisten HIV-Infizierten weltweit. Aids ist dort noch lange nicht unter Kontrolle.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es, dass Sie sich gegen Aids engagieren?

Lahm: Das war eher Zufall. Die Anfrage kam schon vor meiner Südafrika-Reise. Danach war ich umso überzeugter, dass ich was tun muss. Ich hatte auf meiner Reise auch ein Zentrum besucht, wo Kinder spielerisch lernen, was Aids ist und wie man sich schützen kann. Aids ist ein Problem, das nicht vergessen werden darf.

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Alle Kolumnen von Andreas Beck, Philipp Lahm, Tobias Rau und Thomas Hitzlsperger auf unserer Serienseite

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ZEIT ONLINE: Was können Sie denn konkret tun?

Lahm: Ich selbst kann vor Ort wenig tun. Über meine Stiftung erreiche ich aber einiges: Wir haben etwa in der Nähe von Johannesburg einen Sportplatz gebaut, um die Kinder von der Straße zu holen. Und über das Sporttraining hinaus werden da Wege aufgezeigt, damit die Jugendlichen im Leben weiterkommen. Dazu gehören unter anderem auch Gesundheitsprogramme und Aids-Prävention.

ZEIT ONLINE: Wir in Europa leben doch in einer aufgeklärten und gesundheitlich versorgten Gesellschaft. Ist Aids überhaupt unser Problem?

Lahm: Eines unserer Probleme ist, dass sich keiner mehr mit der Krankheit beschäftigt. Jetzt steigen die Infiziertenzahlen wieder. Es wird vergessen, dass die Krankheit unheilbar ist und dass es keine Impfung dagegen gibt, dass Erkrankte abhängig sind von Medikamenten, dass man Schmerzen hat.

ZEIT ONLINE: Was ist dagegen zu tun?

Lahm: Ich werbe in der Öffentlichkeit, um diese Probleme publik zu machen. Der internationale Welt-Aids-Tag ist eine gute Gelegenheit, Solidarität mit Betroffenen zu zeigen, aber auch zu sensibilisieren.

ZEIT ONLINE: Welche Begegnungen sind Ihnen von dieser Arbeit in besonderer Erinnerung?

Lahm: Ich war einmal im Café Regenbogen, einem Aids-Hilfezentrum in München – das war hochinteressant für mich. Anfangs hatte ich Berührungsängste mit den HIV-Infizierten, ich glaube, das ist normal. Doch die Offenheit, mit der diese Menschen über ihre Lage sprechen, hat mir meine Angst schnell genommen.

ZEIT ONLINE: Also eine Win-Win-Situation für Sie: Philipp Lahm lernt selbst dazu und hilft zugleich.

Lahm: Klar, mich interessiert das Thema sehr. Als öffentliche Person verschaffe ich den Betroffenen Aufmerksamkeit. Ich weiß aber auch nicht über alles gleich gut Bescheid.

ZEIT ONLINE: Wen haben Sie schon konkret zum Mitmachen bewegen können?

Lahm: Auf der Webseite vom Welt-Aids-Tag kann man sich als Botschafter eintragen lassen. Jeder, der dort mitmacht, ist eine Bestätigung und ein kleiner
Erfolg für mich.

ZEIT ONLINE: Als Fußballprofi ist man prominent und verdient überdurchschnittlich. Ist es dann nicht folgerichtig, dass man auch eine Stiftung gründet?

Lahm: Keinesfalls. Nur wenige Fußballer haben gestiftet. Für mich gehört es dazu, weil ich im Leben sehr viel Glück hatte. Ich hatte eine schöne Kindheit, ich wurde als Sportler gefördert. Da ist es für mich eine Verpflichtung, davon auch etwas weiterzugeben.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, das Engagement sei nur eine Art Ablasshandel: Ich engagiere mich, weil ich so wohlhabend und prominent bin, um meinen Lebensstandard rechtfertigen zu können?

Lahm: Solche Kritiker haben auch recht: Ich verdiene gut, mir geht es gut. Doch ist es schlecht, wenn ich helfen will? Wenn es jeder tun würde, dem es gut geht im Leben, dann würde es vielen Menschen besser gehen. Mit dem Vorwurf kann ich leben. Der Spaß, den etwa Kinder in meinem Sommercamp haben, spricht für mein Engagement.

ZEIT ONLINE: Wann kam Ihnen erstmals der Gedanke, eine Stiftung zu gründen?

Lahm: Am Anfang standen Anfragen, etwa von karitativen Einrichtungen und Kinderhilfswerken. Dann kam der Welt-Aids-Tag, dann meine Reise nach Südafrika. All diese Organisationen zu unterstützen, schließe ich ja nicht aus, wenn ich eine eigene Stiftung gründe. Aber ich wollte auch selbst entscheiden können, wo ich helfe, mich in meinem eigenen Werk wieder finden. Das hat auch mit meinem Elternhaus zu tun.

ZEIT ONLINE: Wie sind sie denn erzogen worden; woher kommt diese helfende Haltung?

Lahm: Ich habe immer Liebe und Zuneigung erhalten. Ich war schon mit fünf Jahren beim Verein. Man lernt dadurch so viel im Umgang mit Menschen; mit Lehrern, Trainern und Mitspielern. Am wichtigsten ist das zu Hause, das muss stimmen. Und bei vielen stimmt das nicht.

ZEIT ONLINE: Hat man Ihnen die Hilfsbereitschaft anerzogen?

Alles Außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von Katja Kraus, Corny Littmann, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Alle zwei Wochen geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Littmann, Hitzlsperger, Friedrich und Kraus wollen ihre Meinung sagen, beispielsweise zu den Herausforderungen der Bundesregierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.

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Die Gespräche mit Philipp Lahm, Thomas Hitzlsperger, Andreas Beck und Corny Littmann stehen Ihnen auch als E-Book nach dem Download jederzeit und überall zur Verfügung.

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Lahm: Durchaus. Ich hatte Vorbilder. Meine Mutter arbeitet seit Jahren ehrenamtlich als Jugendleiterin bei einem Verein in München, wo auch Waisenkinder spielen. Wenn man solches Engagement mitbekommt, prägt das.

ZEIT ONLINE: Sprechen Sie unter den Fußballkollegen auch über so etwas?

Lahm: Wenn es in den Medien Thema ist, reden wir auch über soziales Engagement der Fußballer. Teilweise mit ganz positiver Wirkung: Luca Toni hat mir sogar einmal ein paar signierte Fußballschuhe gegeben, damit ich sie für die Stiftung versteigern lassen kann. Auf diese Weise steckt man vielleicht auch andere an, sich selbst stärker zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Sind sie ein Vorbild für andere Fußballprofis?

Lahm: So weit würde ich nicht gehen. Ich hoffe, ein Vorbild zu sein für viele Kinder und Jugendliche.

ZEIT ONLINE: Einige Fans sehen ihr Werben für die Bild-Zeitung kritisch, wie bei Facebook zu lesen ist. Wie ist diese Kampagne für eine Zeitung, die es mit Persönlichkeitsrechten oder der Korrektheit mitunter nicht so genau nimmt, mit ihrem sozialen Engagement in Einklang zu bringen?

Lahm: Diese Zeitung lesen viele Menschen. Bild berichtet auch über den Welt-Aids-Tag. Es kommt mir darauf an, so viel Menschen wie möglich zu erreichen, darunter die Bild-Leser und die ZEIT-ONLINE-Leser.

Mit Philipp Lahm sprach Tilman Steffen

 
Leser-Kommentare
    • Manu84
    • 01.12.2009 um 9:46 Uhr
    1. Bild

    Danke, dass das Wirken der Prominenten für die Bild-Zeitung mal angesprochen wird in einem Interview. Leider scheinen die Hemmungen, sich [ entfernt: Bitte verzichten Sie auf polemisierende Bezeichnungen. Danke. Die Redaktion/m.e. ], bei Politikern und Prominenten in den letzten Jahren gesunken zu sein. Und leider finden sich von Seiten der Mittäter, in diesem Fall Phillip Lahm, auch immer wieder Entschuldigungen, die die Zusammenarbeit mit Bild rechtfertigen. Jeder sollte sich klar darüber sein: wenn er mit Springer zusammenarbeitet, wenn er in den Zeitungen Werbung schaltet oder auch nur ein Interview gibt, ist er mitschuldig an der nächsten Sau, die durchs Dorf getrieben wird, an der nächsten Schmierkampagne gegen irgendjemanden, an der nächsten als Information getarnten Werbekampagne für Versicherer oder Stromerzeuger.

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