Philipp Lahms Bayern-Kritik
Mutig, berechnend, aber nicht gegen Hoeneß
Uli Hoeneß bestraft Philipp Lahm, weil er den FC Bayern kritisiert hat. Dabei hat Lahm nur ausgesprochen, was in München offensichtlich ist. Steffen Dobbert kommentiert
© Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Philipp Lahm: Im Prinzip hat er ausgesprochen, was viele, die den FC Bayern beobachten, denken
Philipp Lahm ist ein ruhiger, bescheidener, kluger junger Mann. Dank dieser Eigenschaften und seines Talentes hat er es als Fußballer weit gebracht. Wenn Michael Ballack nach der WM im kommenden Sommer seine Nationalmannschaftskarriere beendet, wird Lahm der wertvollste Spieler des deutschen Teams sein.
Lahms Berater heißt Roman Grill. Und der weiß natürlich um Lahms Perspektive. Um die Rolle Grills zu verstehen, muss man wissen, dass Fußballer heutzutage nicht mehr nur Fußballer sind. Aktuelle Nationalspieler gründen Stiftungen, schreiben öffentliche Tagebücher, engagieren Psychologen, Webmaster, Journalisten, TV-Trainer und einen Oberberater, der all die anderen Berater auswählt. Grill ist Lahms Oberberater. Ihm vertraut Lahm, er soll sein Image schärfen.
Beide kennen sich viele Jahre. Grill ist ein Freund der Familie Lahm. Als Philipp in der A-Jugend des FC Bayern spielte, war Grill Lahms Trainer. Als Lahm für die Profis spielte, war Grill Pressesprecher des FC Bayern. Heute ist Lahm Führungsspieler des FC Bayern – und Grill plant seine Karriere wie seine Interviews.
Am Wochenende vor dem wichtigen Spiel gegen Schalke erschien in der Süddeutschen Zeitung ein imageschärfendes Interview von Lahm. Er analysierte die kritische Lage seines Arbeitgebers. Einfach mal so. Der Noch-Manager und Bald-Präsident Uli Hoeneß wusste nichts davon, der Vorstandsvorsitzende Karl Heinz Rummenigge auch nicht und der Noch-Präsident Franz Beckenbauer sowieso nicht. Nicht, wie es eine Meinungsverhinder-Regel des Klubs besagt, der Verein, sondern Roman Grill hatte das Interview autorisiert.
Im Prinzip hat das Duo Lahm/Grill ausgesprochen, was viele, die den Verein beobachten, denken: erstens: Der FC Bayern hat keine Spielphilosophie. Zweitens: Hinter den Spieler-Verpflichtungen ist kein System zu erkennen. Drittens: Die häufigen Trainer-Wechsel verunsichern die Mannschaft. Lahms Worte lesen sich klug, selbstbewusst. Sie könnten einen Anstoß geben, um die Probleme des Vereins aufzuarbeiten. Doch Uli Hoeneß reagierte wie Uli Hoeneß.
- Alles Außer Fußball
Alles außer Fußball ist die Kolumne von Andreas Beck, Philipp Lahm, Thomas Hitzlsperger und Tobias Rau. Jede Woche geben wir während der Bundesliga-Saison immer mittwochs einem der Fußballer das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Beck, Lahm, Hitzlsperger und Rau wollen ihre Meinung sagen, zu den Herausforderungen der schwarz-gelben Regierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.
"Es war nicht so klug, so ein Interview vor so einem wichtigen Spiel zu geben. Sie können davon ausgehen, dass er dieses Interview noch bedauern wird", drohte der Manager nach dem wenig erfreulichen 1:1 gegen Schalke. Hoeneß sagte, er sehe "natürlich auch die Handschrift von Roman Grill in diesem Interview, der möglicherweise gerne bei uns arbeiten würde, nachdem sie ihn in Hamburg nicht genommen haben." (Grill war lange als Nachfolger von Dietmar Beiersdorfer als Manager des Hamburger SV im Gespräch.) Seine Maßregelung beendete Hoeneß mit den Worten, das beiden, Lahm und Grill, dieses Interview "nicht so gut bekommen" werde. Dann folgte eine Geldstrafe. Lahm habe mit seinem Interview in "eklatanter und unverzeihlicher Art und Weise gegen interne Regeln verstoßen", teilte der Verein mit. Er erhalte die höchste bislang verhängte Geldstrafe beim FC Bayern. Sie müsste über 50.000 Euro liegen.
Natürlich darf ein Arbeitgeber seinen Angestellten bestrafen, wenn dieser das Unternehmen öffentlich schädigt. Aber: Muss man Philipp Lahms Aussagen so verstehen?
Sicher verfolgen Lahm und Grill eigene Interessen. Mit diesem Interview festigt sich Lahms Image als Führungsspieler in Bayern und in der Nationalelf; einem möglichen Wechsel nach der WM zu einem tatsächlichen europäischen Spitzenklub haben die Worte nicht geschadet. Doch bis auf das Medientheater, was in Krisenzeiten beim FC Bayern sowieso obligatorisch ist, hat der Verein durch Lahms Interview keinen Schaden erlitten.
Hoeneß wäre gut beraten, wenn er sich inhaltlich mit Lahms Kritik auseinandersetzt. Der FC Bayern könnte es auch zu seinem Vorteil nutzen, wenn ein ruhiger, bescheidener, kluger junger Mitarbeiter die Krise analysiert.
- Datum 8.11.2009 - 21:37 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 44
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"einem möglichen Wechsel nach der WM zu einem tatsächlichen europäischen Spitzenklub haben die Worte nicht geschadet"
Das bezweifle ich sehr. Kritik an Mitspielern und am Trainer in der Öffentlichkeit werden auch in anderen Clubs ungern gesehen. Was aber überhaupt nicht geht ist Kritik am Management. Welcher Manager will sich so einen Mann ins Haus holen, wenn es Alternativen gibt?
Sehe ich genauso. So recht Philip Lahm auch hat und so gut ich es finde, dass die hohen Herren des FC Bayern mal deutlich gesagt bekommen, wie viele gravierende Fehler sie machen, so glaube ich dennoch, dass solche Kritik intern ausgesprochen werden muss.
Sehe ich genauso. So recht Philip Lahm auch hat und so gut ich es finde, dass die hohen Herren des FC Bayern mal deutlich gesagt bekommen, wie viele gravierende Fehler sie machen, so glaube ich dennoch, dass solche Kritik intern ausgesprochen werden muss.
"Über die Ansichten von Philipp Lahm werden wir gründlich nachdenken und im Voestand eine offene Diskussion füHren!"
Das wäre die richtige Reaktion gewesen. Schade Uli, Du hast in all den Jahren nichts dazu gelernt! Wer Dich kritisiert ist Staatsfeind des FCB und wird abgestraft. Mach nur so weiter, und die Bayern Fans werden Dich vor Deinem Abschied in Deinem eigenen Stadion auspfeifen!
Und Du Philipp, geh zu einem Verein der Champions-Leage spielt und nicht erleidet!
Die Kritik an der Vereinsführung war längst überfällig. Und wie in anderen Unternehmen auch wird wohl beim FC Bayern intern geäußerte Kritik nicht ernst genommen. Erst wenn eine Außenwirkung angesteuert wird hört man die Kritik. Nur sind all zu oft die höneßchen Reaktionen zu vermerken: Ignoranz, Arroganz und Selbstsucht.
Wenn einer kein Präsident beim FC Bayern werden sollte, dann ist dies Herr Höneß. Er sollte sich in seinen wohlverdienten Ruhestand verabschieden und Jüngeren die Verantwortung über die zukünftige Spielpolitik und -strategie überlassen.
Vielleicht wird dann auch etwas verantwortungsvoller mit dem dem FC Bayern zur Verfügung stehenden Budget umgegangen.
Kann man so unterschreiben.
Es gehört Einiges dazu, das Management des Vereins, in dem man gross geworden ist und für den man aktuell noch spielt, öffentlich und trotz bekannter Regeln zu kritisieren. Das macht m.E. zwei Dinge klar: Zum Einen, wie sehr der FC Bayern Philipp Lahm am Herzen liegt und zum Anderen wie prekär die momentane Stimmung zwischen Spieler / Trainer / Management derzeit ist. Die Fans sollten ihm jetzt ihre Rückendeckung geben.
Wahrheiten sind oft bitter - und noch öfter bitter notwendig. Wäre Uli Hoeneß (noch) so souverän wie in vergangenen, besseren Zeiten, er würde anders und nicht so dünnhäutig reagieren. So aber werden seine Anmerkungen zum Interview Philipp Lahms unweigerlich auf ihn und eine zunehmend ratlose Vereinsführung zurückfallen. Es scheint, als gäbe es innerhalb des FC Bayern keine Instanz, die sich ernsthaft mit den Fehlentwicklungen der letzten Jahre kritisch auseinandersetzt. Wenn nun ein Spieler wie Philipp Lahm diesen Wag wählt, dann spricht das für sich.
bevor man als Spieler sich über die Qualität anderer Mannschaftsteile äußert, sollte man erst selber die Leistung bringen, die einen dazu rechtfertigt. So mittelmäßig, wie er selber derzeit spielt, sollte er den Mund halten, wie er es auch mit seiner Vertragsunterschrift vereinbart hat.
Wenn Leistungsträger bei Bayern den anderen in den Hintern treten, gibt es auch keinen Maulkorb. Einen Aufstand der Mittelmäßigen kann kein Verein gebrauchen.
bevor man als Spieler sich über die Qualität anderer Mannschaftsteile äußert, sollte man erst selber die Leistung bringen, die einen dazu rechtfertigt./em>
So wie ich das Interview verstanden habe, hat Lahm vor allem die Konzeptionslosigkeit und den Aktionismus von Trainer und Vereinsführung kritisiert (kein System, planlose Spielerkäufe, häufige Trainerwechsel...) - und nicht seine Mannschaftskollegen.
"Wenn Leistungsträger bei Bayern den anderen in den Hintern treten, gibt es auch keinen Maulkorb."
Tja, dann müsste zurzeit wohl Totenstille beim FCB sein. "Leistungsträger" im Wortsinne sind dort IMHO gerade Mangelware. Im Übrigen muss bei einem Spieler, der physisch gerade seiner Bestform hinterherläuft, ja nicht unbedingt auch geistige Funkstille herrschen...
Wirklich "netter" Beitag, vieleicht sollte mal der Autor noch angeben bei welchem "Spitzenverein" in Europa so ein unabgestimmtes Interview ohne Folgen geblieben wäre. (bin sehr gespannt)
Und um mal noch so ein Klischee aufzugreifen, man vergleiche doch mal die Schulabschlüsse des ach so klugen Hr. Lahm mit dem von Hr. Podolski, der ja bekanntlicher Weise ein ganz anderes Image hat.
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