Wettskandal in Osnabrück Reichenberger beteuert seine Unschuld

VfL-Kapitän Reichenberger und sein Verein sehen sich in dem Skandal um manipulierte Spiele als Opfer, nicht als Täter. Und feiern demonstrativ ihre "Lila-Weiße Nacht".

VfL-Kapitän Thomas Reichenberger dementiert eine Beteiligung an dem Wettskandal

VfL-Kapitän Thomas Reichenberger dementiert eine Beteiligung an dem Wettskandal

Am Ende eines aufreibenden Tages schunkelt Thomas Reichenberger mit seiner Mannschaft auf einer Bühne in einer Osnabrücker Disco vor einigen hundert Fans. Es ist Samstagabend, 23 Uhr – Anhänger und Spieler feiern ausgerechnet in diesen turbulenten Zeiten die "Lila-Weiße Nacht", eine Band spielt die Hymne des VfL: "Nur für diesen Verein wollen wir kämpfen und schreien. Wir sind alle ein Stück VfL Osnabrück." Publikum und Fußballer singen gemeinsam.

Der Saal ist in lilafarbenes Licht getaucht. Fahnen des VfL hängen von den Emporen herab und Kapitän Reichenberger wirkt ausgelassen, strahlt wie ein Lausbub über das ganze Gesicht, so wie er es auch auf einigen Autogrammkarten tut. Drei Mitspieler umgarnen ihn, schließen ihn ein in einen Tanzkreis. In ihrer Mitte hält einer ein Mikrofon und auch Reichenberger singt einige Silben der Hymne. Ein Bekenntnis und zugleich sein dritter demonstrativer Auftritt an diesem Spieltag. Alle Zweifel soll das ausräumen, er habe Geld für Manipulationen von Spielen genommen, an denen der VfL Osnabrück beteiligt war.

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Noch 24 Stunden zuvor schien der Routinier und Publikumsliebling des Drittligisten der große Buhmann des Wettskandals zu sein, zumindest hier in Osnabrück. Haftbefehl gegen ihn und zwei weitere Ex-Spieler lägen vor, hieß es am Freitagabend. Eine Falschmeldung wie sich zeigen sollte. Im Raum blieb allerdings der Betrugsverdacht, den Reichenberger nun aus der Welt zu schaffen versucht.

Samstag. Eine Dreiviertelstunde vor dem Spiel gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund, das der VfL zur Genugtuung seiner Fans mit 4:1 gewinnen wird, steht Reichenberger auf dem Rasen im Stadion an der Bremer Brücke und beteuert seine Unschuld. Er sagt, dass viel auf ihn eingeprasselt sei. Er habe aber nichts mit diesem Wettskandal zu tun. Das könne er versichern. Er sucht den Schulterschluss mit den Fans: "Ich bin sicher, dass wir heute alle zusammen halten, das Spiel gewinnen und dann heute Abend bei der Lila-Weißen Nacht zusammen feiern."

Reichenberger geht in die Offensive. Er fordert Aufklärung. Und die Fans nehmen ihm seine Worte ab. Nach dem Sieg gegen Dortmund klettert Reichenberger noch im Aufwärmleibchen auf den Zaun, der Spielfeld von Ostkurve trennt, und stimmt einen Schlachtruf an. In der Kurve steht die 17-jährige Marina, die ebenso wie ihre Freundin Verena ein lila-weißes Trikot mit der Nummer 9 und dem Schriftzug "Reichenberger" trägt. "Er ist doch das Aushängeschild des Vereins und kann unmöglich etwas mit dem Wettskandal zu tun haben", sagt Marina und spricht aus, was alle hier denken und hoffen. Sie mag die offene Art von Reichenberger, der auch nach dem Spiel vor vielen Kamerateams mehrmals und selbstbewusst jegliche Beteiligung am Wettskandal dementiert.

Während der Stürmer des VfL das Heil in der Offensive sucht, fährt der Präsident an diesem Tag eine andere Strategie, eine merkwürdig defensive und zugleich verschwörerische. In einer Fankneipe in unmittelbarer Nähe zum Stadion feiern nach dem Spiel einige Anhänger den Erfolg ihrer Mannschaft. Gut eine Stunde nach dem Abpfiff blicken sie gebannt auf einen Fernseher. Die NDR-Sendung "Sportclub Aktuell" beginnt mit einem Beitrag über den Wettskandal und seine Spuren nach Osnabrück. Reichenberger wird als Verdächtiger genannt. "Nie im Leben", rufen einige Fans in der Kneipe erbost.

Irgendwann kommt Präsident Dirk Rasch in dem Beitrag zu Wort: "Wir haben einen Wettskandal, aber wir haben auch einen Medienskandal", sagt er. Applaus in der Kneipe. Rasch eröffnet eine neue Front, die zwar verzerrt ist, doch zumindest die Fans mit dem Verein vereinen soll: Der VfL Osnabrück gegen die Medien.

Leser-Kommentare
  1. wenn sie von Fußballspielen handeln.

    Diese Pressekonferitis und Eventitis braucht kein Mensch.
    Sie bringt rein gar nichts.
    Wenn der Staat, also wir, einschreiten soll dann nur auf eine Art und Weise: Keine Subventionen mehr für den Spielbetrieb!
    -Will sagen kein Geld für die Nationalmannschaft,
    der DFB ist reich genug
    -Kein Geld und kein Land für Stadionbauten
    Länder und Kommunen brauchen ihre Finanzen für Wichteres.
    -Kein Geld für Polizeieinsätze rund um das Geschehen.
    Es kann nicht angehen, dass für die eigentliche Kriminalität
    kein Geld mehr da ist weil alles für den Fußballgott geopfert wird.

  2. 2.

    Die jetzt 'offensichtliche Falschmeldung' über drei ausgestellte Haftbefehle (unter anderen gegen Thomas Reichenberger), wurde übrigens von niemand anderem als ZEIT ONLINE veröffentlicht - schade, dass es in diesem Bericht nicht erwähnt wird.
    Stattdessen wird weiter versucht, den zuvor Verdächtigten zumindest eine merkwürdige Reaktion auf den Wettskandal vorzuwerfen. Und jetzt nicht nur den selbst von ZEIT ONLINE in die Öffentlichkeit gebrachten Personen, sondern gleich den damaligen Arbeitgeben (VfL Osnabrück) mit dazu - es hat tatsächlich den Anschein, dass nach dem Motto verfahren wird: Irgendeiner wird schon etwas gewußt haben.

    Geradezu süß ist da schon die angedeutete Empörung von aufgebauten Fronten zwischen den vermeintlichen Skandalbeteiligten und der freien Presse. Natürlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, Meldungen zu glauben oder zu mißtrauen, egal ob im Internet oder in den klassischen Medien. Den Schaden von Falschmeldungen hat in jeden Fall immer nur die genannte Person - niemals der Veröffentlicher. Schade.

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