Fußball-Romanautor Wegener "Wir Schalker sind vom 19. Mai 2001 traumatisiert"

Bayern gegen Schalke, eine emotionsgeladene Partie: Erik Wegener, Autor eines Schalke-Romans, spricht über Bayern-Fans, blau-weiße Leiden und den Protz Louis van Gaals.

19. Mai 2001 - der Moment, in dem der Fußballgott Schalke verließ

19. Mai 2001 - der Moment, in dem der Fußballgott Schalke verließ

Die Bayern sind angeschlagen: in der Champions League vor dem Aus, in der Liga auf Platz 6. Schalke 04 schickt sich unter Ex-Bayern-Coach Felix Magath an, die Tabellenspitze anzugreifen. Allerdings macht dem Verein die eigene Finanzpolitik vergangener Tage zu schaffen. Samstag um 15.30 Uhr spielt Bayern gegen Schalke. Wir haben mit Erik Wegener gesprochen. Er ist Autor, Schalke-Fan, lebt in München – und hat einen Schalke-Roman geschrieben. Darin rächt sich ein Schalke-Fan für den 19. Mai 2001, den Tag, an dem sich Schalke für viereinhalb Minuten als Meister fühlte, bevor Bayern München auf wundersame Weise durch ein Tor vorbeizog. Ein weiteres Vorzeichen des Spiels am Samstag, das Louis van Gaal hoffentlich kein Omen ist: Jürgen Klinsmann wurde im April nach einer Niederlage gegen Schalke entlassen.

ZEIT ONLINE: Herr Wegener, Niko Malente, der Protagonist Ihres Schalke-Romans 11 Feinde, lässt an den Bayern-Fans kein gutes Haar. Sind die wirklich so schlimm?

Erik Wegener: Ich habe viele getroffen, die sich dafür entschuldigt haben. Das ist bezeichnend. Die Bayern-Fans sind ein bisschen uninspiriert, unoriginell und oft auch peinlich. Die haben keine Fan-Rituale wie beispielsweise die Sechziger. Da wackelt der ganze U-Bahnwaggon, und alle singen: "Wer nicht hüpft, der ist ein Roter". So etwas habe ich von Bayern-Fans in zehn Jahren noch nicht erlebt. Viele von denen tragen Trikots, die nicht einmal mit der Rückennummer und dem Namen ihres Lieblingsspielers beflockt sind. Wer eine Mannschaft unterstützt, die meist gewinnt, braucht sie nicht anzufeuern, muss nicht leiden, muss nie zittern. Er braucht keine Schlachtrufe und keine Glücksbringer.

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ZEIT ONLINE: Schalke-Fans dagegen sind leidgeprüft: Skandale, selbstherrliche Präsidenten und Finanzchaos. Sehnt man sich nicht manchmal nach ein bisschen Normalität oder ist dieses Wort auf Schalke verpönt?

Wegener: Ich wünsche mir eine produktive Ruhe. Schalke wäre noch immer spannend genug. Ich gebe ja zu, dass der FC Bayern ein vorbildlich geführter Klub ist, ein Finanzstreber. Da haben Leute das Sagen, die vernünftige Entscheidungen treffen. Bei Schalke war das in der Vergangenheit leider nicht immer so. Da verlor Herr Schnusenberg den Überblick über die Finanzen. Ex-Manager Andreas Müller ließ das Schalker Juwel Mesut Özil nach Bremen ziehen – und warf das Geld Albert Streit hinterher.

ZEIT ONLINE: Zurzeit sorgt Schalke wegen gewaltiger Schuldenlöcher für Aufsehen.

Wegener: Na und? Ich sehe das gelassen. Dank der Finanzspritze der Gesellschaft für Energie und Wirtschaft ist die laufende Saison gerettet. Der Verein besitzt zudem Werte wie das Stadion und das Vereinsgelände. Laut einer Wirtschaftsanalyse von 2007 ist die Marke Schalke 436 Millionen Euro wert. Da muss man angesichts von 150 Millionen Schulden nicht die Flatter kriegen.

Inhalt

Niko Malente ist Schalker, wohnt aber in München. Ein knallhartes Leben. Niko will nur eins: die Schale. Doch Meister werden fast immer die Duselbayern. Diese verhassten Seppls müssen endlich weg, denkt er. Niko hat einen Plan: Gemeinsam mit dem Löwenfan Anton entführt er den Mannschaftsbus der Bayern samt allen Spielern.

Erik Wegener: 11 Feinde, Schalke-Roman, Kunst- und Textwerk Verlag, 208 Seiten, Taschenbuch, 9,80 Euro, www.elffeinde.de

Autor

Erik Wegener

Erik Wegener

Erik Wegener, Jahrgang 1967, aufgewachsen in Münster/Westfalen, lebt in München. Er arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien. 11 Feinde ist sein erster Roman.

ZEIT ONLINE: Wird Schalke wegen der städtischen Unterstützung nicht zum Finanzdoper?

Wegener: Man kann sich natürlich immer daran stoßen, wenn Geld von außen kommt. Aber wir leben nun mal in einer Welt der Mäzene und Megasponsoren. Wir haben in Hoffenheim einen superreichen Herrn Hopp, der VfL Wolfsburg wird von Volkswagen unterstützt, und der FC Bayern hat Audi und Adidas.

ZEIT ONLINE: Schafft es Felix Magath, aus dem FC Schalke einen normalen Bundesliga-Verein zu machen?

Wegener: Schalke wird nie ein normaler Verein. Der Stolz der Schalker auf den Schalker Kreisel, Szepan und Kuzorra, Libuda, Abi und Fischer, der uralte Knappen-Mythos, die Vereinshymne, das Königsblau, diese Inbrunst, diese uneingeschränkte Liebe der Fans – das ist einmalig. Aber in der Führung muss S04 deutlich professioneller und cleverer werden. Felix Magath ist der ideale Mann.

Leser-Kommentare
  1. Da ist sie wieder - die seltsame Kombination von trotzigem Selbstbewusstsein und unendlicher Larmoyanz.

    Zwei meiner Bekannten sind ebenfalls Hardcore-Schalkefans und erzählen einem auch immer die gleichen Klamotten, zum Beispiel den hier ebenfalls zitierten Gedankengang Merks bei der falschen Anwendung der Rückpassregel. Das spricht aus meiner Sicht Bände!

    Manchmal denkt man, dass das tragische Scheitern den Fans mehr Lust und Identität verschafft als ein toller Sieg.

    By the way: Ich finde Schalke auch gut, sehe gewisse Sachen allerdings distanzierter. Diese unendliche Haderei mit den Dingen erschließt sich mir nicht. Das Schöne ist aber doch, dass Bayern gerade dabei ist, sich sehr viel kaputt zu machen.

    Grüße John
    MSV-Sympathisant

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