Fußball-Romanautor Wegener "Wir Schalker sind vom 19. Mai 2001 traumatisiert"Seite 3/3

ZEIT ONLINE: Sie sind nachtragend.

Wegener: Herr Merk erlag drei Irrtümern: Zum ersten haben die Bayern beim Stand von 0:0 das Spiel immer wieder verzögert und sind am Ende dafür auch noch mit vier Minuten Nachspielzeit belohnt worden. Zweitens war es kein Rückpass auf HSV-Torwart Mathias Schober. Das hat auch der DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Eugen Strigel später bestätigt. Und drittens foulte Bayern-Verteidiger Willy Sagnol Schober beim Andersson-Freistoß. Ich habe immer wieder versucht, mich in Merk hineinzuversetzen, um seine Entscheidung zu verstehen.

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ZEIT ONLINE: Mit welchem Ergebnis?

Wegener: Ihn beschlich die Angst vor der Autorität des FC Bayern München. Er hatte beim Stand von 0:0 ein Tor von Carsten Jancker nicht gegeben, da stand es 0:0, was den Bayern zur Meisterschaft gereicht hätte. Aber nach dem 1:0 für Hamburg wurde alles über den Haufen geworfen. Sein Unterbewusstsein stellte sich wohl die Frage: Verscherze ich es mir mit dem großen FC Bayern – oder doch lieber mit den herzensguten, kleineren Schalkern?

ZEIT ONLINE: Niko fragt sich zu Beginn der Geschichte, was sich wohl in seinem Leben ändern würde, sollte Schalke endlich wieder Meister werden. Was würde ein solcher Erfolg für Ihr Dasein bedeuten?

Wegener: Es ist manchmal erschreckend, wie sehr man sich über Fußball definiert. Aber so ist es nun mal. Das Rasenfieber ist ein sehr wichtiger Part meines Lebens, und deshalb wäre die Erfüllung schon ein Traum. Aber vielleicht ist es ja viel schöner, wenn das große Ziel noch vor einem liegt.

 

ZEIT ONLINE: Man mag momentan nicht so recht dran glauben, aber steht der FC Bayern am Ende der Saison wieder einmal ganz oben?

Wegener: Ich tippe eher auf Leverkusen. Was Bayern in dieser Saison liefert, ist blamabel, auch in der Champions League. Sie haben Timoschtschuk, Olic, Robben und Gomez geholt, für 70 Millionen. Dazu diese beiden Mitläufer aus Hollands Liga. Der Ertrag ist mau, kein Wunder, dass Hoeneß einen Riesenhals hat. Schalke hingegen spielt mit Moritz, Schmitz und Zambrano in der Stammelf und hat zwei Punkte mehr auf dem Konto. Die drei sind 20 und 21, sie hatten vor der Saison allesamt null Bundesligaspiele in ihrer Vita.

ZEIT ONLINE: Aber Bayern hat immerhin einen Welttrainer auf der Bank.

Wegener: Sicher ist Louis van Gaal ein gewiefter Taktiker. Aber er ist neu in der Bundesliga, er hat noch nie in Deutschland gearbeitet. Das merkt man. Außerdem ist sein Ego zu groß. Van Gaal ist zu wenig Psychologe und zu viel Star. Ein eigenes Familienwappen, diese protzige Buchvorstellung, sein Imperatorgehabe – das kann er vielleicht in Barcelona machen, aber nicht in München. Das geht schief.

Das Gespräch führte Roland Wiedemann.

 
Leser-Kommentare
  1. Da ist sie wieder - die seltsame Kombination von trotzigem Selbstbewusstsein und unendlicher Larmoyanz.

    Zwei meiner Bekannten sind ebenfalls Hardcore-Schalkefans und erzählen einem auch immer die gleichen Klamotten, zum Beispiel den hier ebenfalls zitierten Gedankengang Merks bei der falschen Anwendung der Rückpassregel. Das spricht aus meiner Sicht Bände!

    Manchmal denkt man, dass das tragische Scheitern den Fans mehr Lust und Identität verschafft als ein toller Sieg.

    By the way: Ich finde Schalke auch gut, sehe gewisse Sachen allerdings distanzierter. Diese unendliche Haderei mit den Dingen erschließt sich mir nicht. Das Schöne ist aber doch, dass Bayern gerade dabei ist, sich sehr viel kaputt zu machen.

    Grüße John
    MSV-Sympathisant

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