Fussball-Wettskandal

Zocker-Bande soll eigene Spieler eingeschleust haben

Der Wettskandal nimmt immer bizarrere Formen an: Offenbar haben die Wettpaten nicht nur eigene Spieler in die Vereine geschleust, sondern auch selbst Spiele organisiert.

Mit perfiden Methoden zum Gewinn: Die Wettmafia operierte in ganz Europa

Mit perfiden Methoden zum Gewinn: Die Wettmafia operierte in ganz Europa

Der europäische Fußball erlebt seinen größten Wettskandal: Eine Bande von Zockern hat rund 200 Spiele – von der Regionalliga bis zur Champions League – so manipuliert, dass die Ergebnisse ihnen Gewinne bescheren würden. Dabei waren ihre Methoden weitaus perfider als bisher bekannt.

Anzeige

Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung unter Berufung auf Ermittlungsakten der Bochumer Staatsanwaltschaft sollen die Wettpaten sogar eigene Spieler in Vereine eingeschleust haben, um so für die passenden Ergebnisse zu sorgen. Zudem soll die Bande eigene Testspiele organisiert haben, um auch durch diese Manipulationen hohe Gewinne zu erzielen.

Nach Informationen des Blatts soll der bosnische Club NK Travnik betroffen sein. Ein in Nürnberg wohnender Kroate, der Teil einer sechsköpfigen Bande sei, soll dem Fußballclub zwei Kicker als Gastspieler für zwei Freundschaftsspiele Mitte 2009 in der Schweiz besorgt haben. Die Reise ins Alpenland sei ebenfalls von der Bande organisiert und finanziert worden. Auch die Mannschaft selbst sei für diesen Einsatz von den Zockern bezahlt worden.

Laut SZ habe NK Travnik, wie von der Bande gewünscht, beide Spiele verloren: zum einen mit drei Toren Unterschied (1:4) gegen den FC Sion, zum anderen mit 2:3 Toren gegen Xamax Neuchatel. Die Wettgewinne hätten demnach 152.400 Euro betragen.

Diese neue Dimension des Wettskandals wird sicherlich auch die Uefa bei ihrem Krisentreffen am Mittwoch beschäftigen. Dann will die europäische Fußball-Union mit den neun Nationalverbänden, die in den Wettskandal verwickelt sind, über den Stand der Ermittlungen diskutieren. Auch Deutschland nimmt an dem Krisentreffen in Nyon teil. Auf der Liste der Staatsanwaltschaft Bochum stehen außerdem Belgien, die Schweiz, Kroatien, Slowenien, Bosnien, die Türkei, Österreich und Ungarn.

Nach Angaben des Präsidenten des ungarischen Verbandes, Istvan Kisteleki, hatte die Uefa bereits seit Monaten Kenntnis vom internationalen Wettbetrug. "Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Luftballon platzen würde", erklärte der Verbandschef im ungarischen Sport-Portal nemzetisport.hu. "Auch ich wusste von der Existenz illegaler Wetten." DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach sagte dagegen, er sei bei jener Tagung der Generalsekretäre der europäischen Verbände lediglich "abstrakt" über ein sich abzeichnendes Problem bei den Sportwetten informiert worden.

Umso massiver will der deutsche Fußball nun gegen betrügerische Zocker vorgehen. Hierzulande stehen laut Staatsanwaltschaft insgesamt 32 Spiele ab der 2. Bundesliga abwärts unter Manipulationsverdacht. Der Deutsche Fußball-Bund hat eine Task Force unter der Leitung ihres Chefjustiziars Jörg Englisch gegründet und sicherte den Ermittlern jegliche Hilfe zu. "Es wird die Wahrheit auf den Tisch kommen", versprach DFB-Präsident Theo Zwanziger. Er machte aber auch deutlich, dass die Sportgerichtsbarkeit allein nichts gegen eine Wettmafia ausrichten kann: "Ein Sportverband ist absolut überfordert, organisierte Kriminalität, auch noch mit internationalem Charakter, allein zu bewältigen".

Darin stimmt die deutsche Politik mit dem Fußball-Funktionär überein. So wird auch der Sportausschuss des Bundestages am Mittwoch die Gefahr von Spielmanipulationen diskutieren. Im Gespräch ist auch ein Gesetz gegen Betrug im Sport.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. "lediglich abstrakt informiert"
    Diese Fomulierung ist ja eine rethorische Nebelkerze bei es einem graut! Wie soll der denn sonst informiert werden? Soll man ihn in einen illegalen Wettschuppen reinsetzen, damit es ein bisschen Konkreter wird?

    Anscheinend war es bekannt, daß es ein Problem gibt und man hat sich nicht rangetraut oder es unterschätzt. Das kann man doch sagen.

    "Ich war informiert!" ist der Inhalt von "auf einer Konferenz lediglich abstrat informiert worden".

    Kopfschüttelnde Grüße,

    Sphinxfutter.

    • 23.11.2009 um 20:38 Uhr
    • setter

    Fussball interessiert mich nicht besonders und ich habe deshalb auch noch nie auf Spielausgänge gewettet. Gewundert hat mich nur, dass man durch richtige Voraussagen von Spielergebnisen der dritten Liga mehrere zig-tausend Euro verdienen kann, es muss also doch viele Leute geben, die auf diese Spielausgänge höhere Beträge setzen. Ein Aspekt bei dieser Angelegenheit scheint mir aber interssant:

    Wenn man mit einer richtigen Voraussage viel Geld verdienen kann, dann wird nach Wegen gesucht, die richtige Prognose nicht nur mit Kenntnis und dem richtigen Riecher zu treffen. Manipulationen und Betrügerein, so denn möglich, sind wohl vorprogrammiert. Bei der Wettervorhersage gibt es keine diesbezüglichen lohnenden Wetten und die Wetterbeeinflussung ist auch sehr aufwendig. Bei Börsenkursen bringen richtige Voraussagen wesentlich mehr Gewinn als bei Fußballwetten, die Gewinne lassen sich durch die richtigen Instrumente (Derivate) auch vervielfachen. Sollte da noch keiner (keine Bande) erfolgreich versucht haben, nicht alles dem lieben Gott oder dem Schicksal, sprich dem Markt, zu überlassen ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe mal gehört, dass diese organisierten Banden in der Finanzwirtschaft Investment Banken genannt werden. Aber es kann sich hier auch um einen Irrtum handeln.

    Weiters war ich als Österreicher schon seit den 70er Jahren überzeugt, dass die Spiele unserer Mannschaften manipuliert sein müssen. Anders kann ich mir diese Leistungen nicht erklären.

    • 23.11.2009 um 21:47 Uhr
    • Pyr

    Bei anderen vermeintlichen Problemen wie Killerspielen schreien die Politiker doch immer so schön "verbieten". Warum nicht hier auch?

    Es würde tatsächlich Sinn machen. Wie können wir uns als zivilisiert betrachten, wenn wir noch immer wie in der Antike dem Glücksspiel frönen?

    Man kann sich entscheiden: will man guten Sport? Dann muss man den Anreiz von Manipulation wegnehmen. Sprich: Sportwetten verbieten!
    Oder es geht mal wieder nur ums liebe Geld. Dann sollte man aber gleich aufhören, sich über Manipulation aufzuregen. Glücksspiel bleibt immer ein Foulspiel.

    • 24.11.2009 um 0:32 Uhr
    • ztc77

    Der "Sportsgeist" bei einem Fußballfan besteht darin, nicht selbst Fußball zu spielen, sondern Fußballspiele anzuschauen. Wobei das Anschauen noch das Sekundäre ist gegenüber dem primären Wunsch, das Gesehene besserwisserisch zu kommentieren, wenn nicht sogar in Prügelei umzusetzen. Ein himmelschreiender Idealismus, aber - er bringt Geld!
    .
    Es geht also um nichts anderes als um die Geldbeutel dieser Pseudo-Idealisten, das ist die Wahrheit! Aber sie darf nicht angesprochen werden. Auch ZEIT-Artikel halten sich an diese Regel. Am "ehrlichsten" gerieren sich da die Generalsekretäre und Präsidenten: ""Es wird die Wahrheit auf den Tisch kommen", versprach DFB-Präsident Theo Zwanziger."
    .
    In Ewigkeit. Amen.

    • 24.11.2009 um 9:22 Uhr
    • hidde

    Solange es tatsächlich so dumme Leute gibt, die viel Geld gegen die Betrüger wetten, wird sich das Problem auch nicht legen. Wer tut bloss sowas? Wenn ich 10.000 Euro auf meine Mannschaft wette, erhöhe ich doch das Interesse anderer Leute, alles dafür zu tun, dass meine Mannschaft verliert...

    Aber Logik ist leider vielen Leuten zu schwierig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ist es nicht bis jetzt immer so gewesen, dass verbieten den "Gegenstand" in den Untergrund absinken läßt.

    Ist es dann nicht nahezu unmöglich dort Kontrolle auszuüben?

    Ich bin mir sicher, die alten Herrn von der UEFA sind genau die Richtigen um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

    Es geht diesen Herren ja vor allem um Fairness, nicht um Einschaltquoten, Macht oder gar Geld.

    Weiter möchte ich an dieser Stelle den Iren zu Ihrer Qualifikation gratulieren, entschuldigung natürlich den Franzosen! Wie dumm von mir!

  2. Ich habe mal gehört, dass diese organisierten Banden in der Finanzwirtschaft Investment Banken genannt werden. Aber es kann sich hier auch um einen Irrtum handeln.

    Weiters war ich als Österreicher schon seit den 70er Jahren überzeugt, dass die Spiele unserer Mannschaften manipuliert sein müssen. Anders kann ich mir diese Leistungen nicht erklären.

    • 24.11.2009 um 12:36 Uhr
    • CM

    Gastspieler gibt's auch außerhalb des Fussballs.

    Man nennt sie „Externe Mitarbeiter“, und sie wurden und werden in unseren Ministerien beschäftigt, genauer gesagt: sie dürfen an Gesetzen mitschreiben, wenn sie nicht gleich, wie bei Ex-Wirtschaftsminister Guttenberg, gleich per Anwaltskanzlei beauftragt werden.

    Auch diese Spieler haben kein Interesse daran, daß der Ehrliche gewinnt.

    Wenn wir also von einem Verbot von Sportwetten ausgehen sollten wir auch ein Verbot der unfairen Einflußahme auf politische Entscheidungen bekommen. Mit dieser lobbykratisch legitimierten Reerung könnte das schwer werden, ohne ihre großen Spender und Unterstützer gäbe es sie gar nicht.

    Im Sport gibt es da größere Chancen auf ein Verbot. Ohne dieses wird es nicht gehen: zu viele Leute sehen ihren Sport als zu wichtig an, setzen absurde Beträge und laden damit zur Manipulation ein.

  3. Ist es nicht bis jetzt immer so gewesen, dass verbieten den "Gegenstand" in den Untergrund absinken läßt.

    Ist es dann nicht nahezu unmöglich dort Kontrolle auszuüben?

    Ich bin mir sicher, die alten Herrn von der UEFA sind genau die Richtigen um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

    Es geht diesen Herren ja vor allem um Fairness, nicht um Einschaltquoten, Macht oder gar Geld.

    Weiter möchte ich an dieser Stelle den Iren zu Ihrer Qualifikation gratulieren, entschuldigung natürlich den Franzosen! Wie dumm von mir!

    Antwort auf "Wer wettet dagegen?"
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Datum 23.11.2009 - 19:52 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 8
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Fußball | Wettbetrug
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service