Thomas Hitzlsperger "Der Überehrgeiz der Väter ist eine Gefahr"

Druck, Versagensängste, Drill – Welche Fehler seine Eltern während seiner Reifung zum Profi unterlassen haben, erklärt Nationalspieler Hitzlsperger im Kolumnengespräch.

Thomas Hitzlsperger ist in jüngster Zeit etwas ausgepumpt, doch sein Vater spricht ihm Mut zu

Thomas Hitzlsperger ist in jüngster Zeit etwas ausgepumpt, doch sein Vater spricht ihm Mut zu

ZEIT ONLINE: Herr Hitzlsperger, Sie können derzeit nicht spielen, weil sie einen Muskelfaserriss haben. Ich habe gerade eine Fußballverletzung bei meinen Eltern kuriert. Wie haben Ihre Eltern Sie in Ihrer Karriere unterstützt?

Thomas Hitzlsperger: Sehr gut, nämlich fördernd, aber maßvoll. Ich habe auch andere Beispiele erlebt: Überehrgeizige Eltern haben ihre Kinder während und nach den Spielen angeschrien. Ich war mit sieben Jahren bei Bayern München, da haben manche Väter in ihren Söhnen schon den künftigen Profi gesehen und empfindlich reagiert, wenn der Sohn nicht oder schwach gespielt hat. Das ist eine Gefahr.

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ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Hitzlsperger: Kinder werden unter Druck gesetzt, manche versagen dann. Ähnlich wie vielleicht im Tennissport, wo Väter gleichzeitig die Trainer ihrer Töchter sind und sie zu Weltstars drillen wollen. In der Mannschaftssportart Fußball ist das schwieriger, da kein Spieler auf Dauer alleine trainieren kann, und im Training und Spiel sehr schnell auffällt, wer von den Eltern unter Druck gesetzt wird. Ein guter Trainer sucht das Gespräch mit den Eltern und verbietet die Zwischenrufe während der Spiele.

Alles Außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von Katja Kraus, Corny Littmann, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Jede Woche geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Littmann, Hitzlsperger, Friedrich und Kraus wollen ihre Meinung sagen, beispielsweise zu den Herausforderungen der Bundesregierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.

ZEIT ONLINE: Verloren Sie zwischendurch mal die Lust am Fußball und am Training?

Hitzlsperger: Doch, ein wenig. So mit etwa zwölf Jahren. In dieser Zeit haben mir meine Eltern klargemacht, dass ich auf die Zähne beißen soll und es eben nicht nur in eine Richtung geht. Aber alles in allem kamen meine Motivation und mein Ehrgeiz von innen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie irgendwann mal Dummheiten vom Fußball abgehalten und abgelenkt? Haben Sie Mofas frisiert oder nachts Kühe umgestoßen?

Hitzlsperger: Nein, an Mofas habe ich nie rumgeschraubt, das konnten meine Brüder besser. Und die Kühe habe ich auch nicht angefasst. Ich musste auf dem Bauernhof meiner Eltern mithelfen, wenn mal kein Training war und die Hausaufgaben erledigt waren. Sonst habe ich sehr viel Fußball gespielt, es hat einfach Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: Haben Ihre Eltern etwas anderes von Ihnen verlangt, etwa Blockflöte zu lernen oder in den Kinderchor einzutreten.

Hitzlsperger: Nein, dafür blieb wenig Zeit und ich wollte es auch nicht. Außerdem war ich sporttalentiert und das wurde schnell deutlich. Meine Eltern und Geschwister haben sich die Zeit genommen, mich zum Training zu fahren: eine Strecke eine Dreiviertelstunde, drei bis vier Mal pro Woche, später noch öfter. Solche Unterstützung ist nicht selbstverständlich, dafür bin ich meiner Familie sehr dankbar.

ZEIT ONLINE: Wie ist das Verhältnis zu Ihren Eltern heute?

Hitzlsperger: Sehr gut. Sie sind stolz, lesen Zeitungsberichte über mich, und verfolgen die Spiele am Fernsehen. Das mag blöd klingen, aber sie sind auch einfach froh, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

Kritik setzt keine Regelkenntnis voraus.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie viele Ratschläge von Ihrem Vater?

Hitzlsperger: Na klar. Er sagt mir nach wie vor seine Meinung, und das ist mir auch wichtig. Allerdings bin ich durch meine Zeit im Ausland viel selbstständiger geworden, und ich setze nicht mehr alles in die Tat um, was mein Vater möchte.

ZEIT ONLINE: Inwiefern hat sich das Engagement Ihrer Mutter von dem Ihres Vaters unterschieden?

Hitzlsperger: Mein Vater war aktiv dabei, hat mich zum Training und zu den Spielen gebracht und alles hautnah miterlebt. Meine Mutter musste zu Hause die Arbeit erledigen und auch die Großeltern und Geschwister mussten für meinen Vater einspringen.

ZEIT ONLINE: Hier und da habe ich mal Jugendspiele gepfiffen. Dabei kam es mir so vor, dass Mütter engagierter sein können als Väter. Um genau zu sein: noch lauter schreien. Auch mit dem Abseits ahndenden Schiedsrichter.

Hitzlsperger: Kritik setzt keine Regelkenntnis voraus …

ZEIT ONLINE: … jetzt reden Sie wieder von Sportjournalisten

Hitzlsperger: … nein, darauf wollte ich wirklich nicht hinaus. Ich schaue ab und an mal bei meinen Neffen in der F- und E-Jugend vorbei. Da kann es schon mal laut werden an der Seitenlinie, wenn Trainer und Eltern den Spielern Anweisungen geben. Einen prinzipiellen Unterschied zwischen Müttern und Vätern kann ich aber nicht ausmachen.

Serie
Alle Kolumnen von Andreas Beck, Philipp Lahm, Tobias Rau und Thomas Hitzlsperger auf unserer Serienseite

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ZEIT ONLINE: Ich könnte noch fragen, was Jens Lehmanns Eltern alles … richtig gemacht haben. Doch wir wollen zum Abschluss kommen, denn es ist ja bald Weihnachten. Feiern Sie mit Ihren Eltern?

Hitzlsperger: Ja, das ist mir wichtig. Wir treffen uns über die Feiertage mit der Großfamilie, ich freue mich drauf. Ihnen ein frohes Fest und gute Besserung! Was haben Sie denn genau?

ZEIT ONLINE: Ich hab jetzt Stammzellen im Knie, die einen Knorpel ersetzen sollen. Es sind meine eigenen, vielleicht hätte ich Ihre nehmen sollen, dann würde ich künftig härter schießen.

Hitzlsperger: Aber vermutlich nicht sonderlich genau – wenn ich an die vergangenen drei Monate denke.

Die Fragen stellte Oliver Fritsch.

 
Leser-Kommentare
  1. ... an beide Herren frohe Weihnachten :o)

  2. ... kommt thomas hitzlsperger überaus sympathisch und bodenständig rüber. ich halte viel von ihm und seinen fundierten ansichten. sein engagement in ausgewählten bereichen ist vorbildlich! in diesem gespräch gefällt mir besonders seine letzte antwort mit der anspielung auf die vergangenen drei monate: humor verbunden mit selbstkritik. ich wünsche ihm frohe festtage und, dass es im neuen jahr wieder besser läuft als zuletzt!

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