Fussball-Presseschau Sollten Sie Lehmann auf der Straße begegnen, bleiben Sie ruhig
Stuttgarter Torhüter Lehmann ist erneut verhaltensauffällig geworden. Er bescherte dem VfB einen doppelten Punktverlust und klaut dem neuen Trainer die Schlagzeilen.
© Thorsten Wagner/Bongarts/Getty Images

Ein pubertierender Vierzigjähriger in Aktion: Jens Lehmann, unterwegs in Mainz
Der Einstand für den neuen Stuttgarter Trainer Christian Gross hätte perfekt werden können. Nach dem 3:1-Sieg am Mittwoch gegen Urinea Urziceni in der Champions League führte der abstiegsgefährdete VfB am Sonntag kurz vor Abpfiff mit 1:0 bei den heimstarken Mainzern. Nur wenige Minuten noch, und der charismatische Schweizer hätte im Anschluss die Huldigungen der Presse als Handaufleger entgegennehmen dürfen. Doch sein vierzigjähriger Tormann raubte ihm mit einer pubertären Tat die Schlagzeilen.
Nachdem Jens Lehmann den Ball bereits gefangen hatte, trat er seinem Gegenspieler Aristide Bance, der ihn zuvor provoziert hatte, absichtlich auf den Fuß. Die Folgen: Elfmeter, Rote Karte, Ausgleich in der 90. Minute, zwei verlorene Punkte im Kampf um den Klassenerhalt. Lehmann flüchtete mit dem Taxi aus dem Stadion, zwischendurch soll er in den Katakomben einem meckernden Fan die Brille vom Kopf genommen haben.
Die Journalisten verurteilen Lehmann, zeigen aber beinahe Mitleid, die Leitartikel lesen sich wie Bulletins. stern.de diagnostiziert "unkontrollierbaren Wahnsinn, Lehmann wusste nicht mehr, was er tat", die FR erkennt einen "Menschen, der keine Ruhe findet", die Basler Zeitung will "die tiefste Krise in Lehmanns Karriere" ausmachen.
Die Frage, die sich die Fußballpresse stellt: Wirft der VfB seinen Keeper aus der Mannschaft? "War der merkwürdige Abgang", lesen wir auf faz.net, "möglicherweise der Abschied durch die Hintertür?" In den Tagen zuvor hatte sich Lehmann geweigert, die 40.000 Euro Strafe zu zahlen, die ihm der Klub wegen öffentlicher Kritik auferlegt hatte. Jens Fischer (stern.de) könnte verstehen, wenn die Stuttgarter Klubführung um Horst Heldt und Dieter Hundt die Geduld mit Lehmann verlieren würde: "Die Verantwortlichen werden sich genau überlegen müssen, ob bei Lehmann die Verhältnisse noch stimmen. Die Zahl seiner Fehltritte ist beinahe ungezählt, kaum ein Monat verging in den vergangenen anderthalb Jahren, in dem Lehmann nicht verhaltensauffällig wurde. Auch in der Mannschaft ist Lehmann schon lange nicht mehr bei allen Kollegen unumstritten."
Aufmerksam verfolgen die Schweizer Medien den Fall, mit großer Distanz zum deutschen Fußball berichtet die Neue Zürcher Zeitung. Peter B. Birrer wird allgemein: "Christian Gross hat noch einiges und nicht nur mit Lehmann zu tun, in diesem überdrehten, ausgezeichnet verpackten Mikrokosmos der Egoisten und Selbstdarsteller, in dieser posaunenden Bundesliga, in der sich vor Trainern Kameras türmen, Mikrofone bündeln – und in der dort, wo hinterher Informationen beschafft werden, Ellbogen ausgefahren werden. Willkommen, Christian Gross!" Der Hintergrund dieser radikalkritischen Aussagen: In dieser Saison sind bereits zwei Schweizer Trainer, Lucien Favre in Berlin und Marcel Koller in Bochum, entlassen worden. Beide gelten als fachlich unumstritten, aber zu durchsetzungsschwach für die Männerszene Bundesliga.
Gross reagierte gelassen auf sein verdorbenes Debüt: "Ich kenne den Fußballer Jens Lehmann ziemlich gut, aber ich kenne den Menschen Jens Lehmann noch nicht genug." Er wird wissen, dass er seinen Tormann, der auch in Mainz tadellos hielt, in der Bundesliga und im Champions-League-Achtelfinale noch gut brauchen kann. Er wird aber auch wissen, dass sein pädagogisches und psychologisches Geschick gefragt sein wird.
Wie hoch der Betreuungsaufwand für den Schwererziehbaren sein wird, ist die spannende Frage der Stuttgarter Rückrunde. Der twitternde Comedian Dieter Nuhr jedenfalls gibt Entwarnung: "Sollten Sie Jens Lehmann auf der Straße begegnen, bleiben Sie ruhig, keine hektischen Bewegungen, sein Pfleger ist in der Nähe ..."
Immer montags veröffentlichen wir auf ZEIT ONLINE unsere Fußball-Presseschau zu den wichtigsten Themen der aktuellen Fußballberichterstattung. Die Presseschauen werden von unserem Kooperationspartner indirekter-freistoss.de erstellt.
- Datum 21.12.2009 - 11:21 Uhr
- Serie Fußball-Presseschau
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









"In dieser Saison sind bereits zwei Schweizer Trainer, Lucien Favre in Berlin und Marcel Koller in Bochum, entlassen worden. Beide gelten als fachlich unumstritten, aber zu durchsetzungsschwach für die Männerszene Bundesliga."
Die Entlassung dieser beiden Trainer werden vermutlich beide Vereine noch bereuen, wenn sie es nicht jetzt schon tun.
Unter Favre hatte Hertha noch bis kurz vor Ende der letzten Saison Chancen auf den Titel und wusste mit durchaus attraktivem Fußball zu überzeugen. Letzlich sprang Rang 4 raus, das beste Ergebnis seit Jahren. Nach der Saison wurden mit Pantelic, Voronin und Simunic die drei besten Spieler abgebeben ohne auch nur ansatzweise adäquaten Ersatz zu besorgen. Dass Hertha gegen den Abstieg spielt ist der mangelnden Klasse des Kaders zuzuschreiben und nicht Lucien Favre. Beweis: Unter Trainer Funkel läuft es kein Stück besser, nur der gezeigte Fußball ist auch noch unattraktiv.
Unter Marcel Koller hat Bochum länger am Stück in der Bundesliga gespielt als je zuvor seit dem ersten Abstieg 1993. Trotzdem wurde er gefeurt, die Bilanz seines Nachfolgers ist keinesfalls besser.
Das Problem liegt m.E. nicht in der "weicheren" Art der Schweizer sondern an völlig überzogenen Erwartungen der Vorstände und auch der Fans, die oft nicht die Stärke des eigenen Kaders einzuschätzen wissen sondern das glauben, was Ihnen die teils schöngefärbten Ausschnitte der Fernsehzusammenfassungen bieten.
Selbstverständlich ist das Verhalten von Jens Lehmann unerhört, völlig zurecht stellt sich die Frage nach seiner weiteren Berücksichtigung im Verein und dennoch sollten sich die Wogen, die durch die Medienlandschaft ziehen, nicht zu hoch auftürmen, wurden diese doch einmal mehr auf allzu durchschaubare Art und Weise erzeugt.
Gedankenspiel: Angenommen Lehmann hätte sich nach dem unumgänglichen Gang in die Kabine genauso spornstreichs und ohne Kontakt zu ihm Unbekannten und Belästigenden den Weg aus der Kabine direkt in den Bus gefunden, angenommen den aufgetürmten Kameras, den gebündelten Mikrofonen und den geiernden Reportern wäre ihr Aas entgangen und es hätte diese Episode mit der S-Bahn-Fahrt vor vielen Jahren nicht gegeben - wäre Lehmann vom Sonntag mehr als eine Randnotiz wert?
Zugegeben, da hat sich Einiges angehäuft in Lehmanns VfB-Akte und sein Verhalten war keineswegs richtig oder gar vorbildlich, aber dennoch menschlich. Und genau wie Teamkollege Hleb vor einigen Wochen hatte Lehmann das Pech im falschen Moment vor die Kamera zu geraten. Damit muss ein Bundesliga-Profi heutzutage rechnen, das ist richtig, und genauso muss er wissen, dass jegliches Aus-dem-Rahmen-fallen, jegliches Abweichen vom PR-Kodex, jede emotionale Äußerung, deren Impulsivität die keuchende Journaille verschreckt, schon Sekunden später für feixendes Grinsen, jubelnde Empörung und hämische Kommentare Sorgen wird.
Zurückhaltung ist daher geboten. Lasst ihn doch einfach Torwart sein.
Also ich neige auch nicht zur Übertreibung. Aber wenn ich mir das Video mit Fan und der geklauten Brille ansehe, dann muss man sich wirklich ernsthaft Gedanken um Lehmanns psychischen Zustand machen. Sein Verhalten ist tatsächlich alles andere als normal.
Er entwickelt sich noch der Klaus Kinski des deutschen Fußballs. Schon in England nannten sie in Mad Jens aber wenn er so weiter macht, benötigt er tatsächlich irgendwann Hilfe. Ich meine hätte der Fan ihn richtig provoziert oder wäre generell nicht so ruhig geblieben, wer weiß was passiert wäre.
Die Analogie zu Kinski ist naheliegend, schenkt man Wikipedia glauben wurde einst Folgendes über ihn gesagt: "Kinski war eigentlich pflegeleicht, aber wenn er spielte, war er unkontrollierbar." Das muss nicht weiter kommentiert werden.
Würde man vernachlässigen, dass es dabei um einen Menschen wie jeden anderen geht, dem man letztlich das gleiche Maß an Privatheit gewähren sollte, wie jedem der 80 millionen anderen hier im Lande auch, könnte man ihn auch zur Kunstfigur stilisieren. Sein Verhalten hat literarisches Format - waren Uli Stein und Oliver Kahn in allem was sie taten jemals derart undurchschaubar cholerisch, derart ihren Instinkten unterlegen und so von sich selbst gebannt? Im internationalen Vergleich befindet er sich inzwischen zweifelsohne auf Augenhöhe mit einem Altinternationalen wie Vinnie Jones und Eric Cantona. Filmreif ist die ganze Sache jedenfalls jetzt schon.
und der Sport-Boulevard rastet völlig aus.
Der Jens mag en bisschen cholerisch sein, so emotional labil wie die Medien, ist er aber noch lange nicht...
Klaus Kinski des Fußballs - Volltreffer, FBS!
"[...] waren Uli Stein und Oliver Kahn in allem was sie taten jemals derart undurchschaubar cholerisch, derart ihren Instinkten unterlegen und so von sich selbst gebannt?"
Schauen Sie doch mal rein:
http://www.youtube.com/wa...
Ich bin sicher, Sie können Ihre Frage dann ohne Probleme selbst beantworten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren