Jens Lehmann Ein nicht zu verstehender Unverstandener
Der Stuttgarter Tormann Jens Lehmann ist mit 40 Jahren ein Kindskopf geblieben. Wogegen sich seine Wut richtet, ist ein Rätsel.
© Christoph Köpsel/Bongarts/Getty Images

In klassischer Pose des Unverstandenen: Jens Lehmann
Den bislang letzten Platzverweis für Jens Lehmann verzeichnete die Bundesliga, als er noch der Herausforderer Oliver Kahns war. Damals, am Anfang des Jahrzehnts, kam dies häufiger vor. Es hieß, Lehmann hole sich die Roten Karten ab, die sein Rivale Kahn verdient gehabt hätte. Den deutschen Schiedsrichtern fehlte offenbar der Mut, dessen Hand- und Mundgreiflichkeiten zu ahnden. Doch diese Zeiten sind vorbei. Kahn spielt nicht mehr, Lehmann hat seinen Frieden mit ihm gemacht, die Schiedsrichter beurteilen inzwischen Lehmann mit derselben Milde, die sie zuvor Kahn zuteil werden ließen.
Mit sich selbst ist Lehmann aber nicht im Reinen. Mal wirft er den Schuh eines Gegenspielers auf das Tordach, dann reißt er seinem Mitspieler das Stirnband vom Kopf. Oft kritisiert er Feind oder Freund in der Öffentlichkeit wie vorige Woche vor einem wichtigen Champions-League-Spiel. Und fast in jedem Spiel tritt, schubst oder haut er den gegnerischen Stürmer, der es wagt, auf sein Tor zu schießen.
Die Gegenspieler wissen längst, dass Lehman leicht zu provozieren ist; Und wer es nicht weiß, wird vermutlich von seinem Trainer auf die Impulsivität des Kahn-Nachfolgers hingewiesen. Den VfB-Torhüter auf die Palme zu bringen ist ein taktisches Mittel. Gestern ist es Aristide Bance gelungen, einen Elfmeter "rauszuholen", wie er von seinen Mitspielern gelobt wurde. Lehmann, noch immer einer der besten und modernsten Tormänner Deutschlands, hat den VfB zwei Punkte gekostet. Dabei hätte er sie seinem Verein noch kurz zuvor sichern können, wäre er besonnen geblieben.
Früher konnte man Lehmanns Grundpegel an Ärger ja nachempfinden. Damals fühlte er sich als Benachteiligter der mächtigen Kahn-Lobby. Aber die WM 2006 in Deutschland durfte er spielen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann stellte die Mannschaft nach Leistung, nicht nach Namen auf – und Leistung hatte Lehmann zuvor erbracht und eine herausragende Saison für Arsenal gespielt. Das ist lange her. Jetzt fragt man sich: Gegen wen und wofür kämpft Lehmann heute, gegen wen richtet sich seine Wut?
Gelassenheit hat Lehmann aus der Genugtuung von 2006 nicht ziehen können. Er ist auch mit 40 Jahren ein Unverstandener, ein Nichtzuverstehender, ein Kindskopf, ein Spätpubertierender. Das Wohlwollendste, was man zu dieser Malaise sagen kann, wäre: Der Fußball hat ihn jung gehalten.
- Datum 14.12.2009 - 14:48 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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