Auch Wochen nach dem Drama von Kairo wird Karim Matmour noch ganz aufgeregt, wenn er an die jüngsten Spiele zwischen Algerien und Ägypten denkt. Der Stürmer von Borussia Mönchengladbach saß mit seinen algerischen Nationalmannschaftskollegen in dem Bus, der im November auf dem Weg vom Flughaften zum Hotel in Ägyptens Hauptstadt mit Steinen beworfen wurde. Es habe sich um "eine Falle" gehandelt, erzählt er empört. Einige algerische Spieler bluteten aus Platzwunden, Matmour ist sicher, dass er in einen von den ägyptischen Behörden geplanten Hinterhalt geraten ist.

"Das war alles organisiert, der Busfahrer hat nicht den direkten Weg zum Hotel genommen, an bestimmten Stellen ist er langsam gefahren, die Polizei war plötzlich weg, und dann sind die Steine geflogen", erzählt Matmour. Nach Hin-, Rück- und Entscheidungsspiel qualifizierte sich schließlich Algerien für die WM. Am Donnerstag treffen die Erzrivalen in der Runde der letzten Vier des Afrika-Cups erneut aufeinander, im zweiten Halbfinale begegnen sich die Nachbarn Nigeria und Ghana, die sich ebenfalls nicht leiden können.

Dass die Ägypter die Bösen und die Algerier die Guten sind, lässt sich aus Matmours Schilderungen aber nicht ableiten. In der Nacht vor dem ersten der drei Qualifikationsduelle wurden die ägyptischen Spieler mit Hupkonzerten vor ihrem Hotel in Algier um ihren Schlaf gebracht, und nun heizen sie die Stimmung mit martialischen Aussagen an. Der Dortmunder Stürmer Mohamed Zidan spricht von "Krieg" und meint, es gehe "um Leben und Tod", längst hat diese Fußballauseinandersetzung eine politische Dimension.

Die algerische Regierung bemüht sich um nur schwer erhältliche Visa für 1000 Fans, die mit vom Staat gecharterten Maschinen nach Angola eingeflogen werden sollen, Diplomaten beider Länder beraten sich in Hinterzimmern und erheben öffentlich Vorwürfe, und in Frankreichs Großstädten dürfte es nach der Partie wieder Straßenschlachten zwischen algerischen und ägyptischen Zuwanderern geben. Kaum ist die Bestürzung nach dem Anschlag auf Togos Nationalmannschaft etwas verklungen, wird der Afrika-Cup erneut von der hässlichen Seite des Sports überschattet.

Angesichts dieser Auswüchse wäre es schön für Afrikas Fußball, wenn das Kontinentalturnier seinen vielen Negativschlagzeilen zumindest sportlich etwas Positives entgegen zu setzen hätte. Doch wenn nicht noch Sensationelles geschieht, wird dieser Afrika-Cup auch fußballerisch als Veranstaltung der Tristesse in die Geschichte eingehen. Die WM-Teilnehmer Nigeria, Kamerun, Ghana und Algerien und die Elfenbeinküste galten zu Beginn des Jahres als gefährliche Konkurrenz für die europäischen und südamerikanischen Anwärter auf den Weltmeistertitel, in Angola haben sie sämtlich enttäuscht.

"Es scheint mir so zu sein, dass hier einige Mannschaften nach der langen Qualifikation und vor der Weltmeisterschaft nicht die geistige Frische für so ein großes Turnier haben", sagt Urs Siegenthaler, der im Auftrag von Bundestrainer Joachim Löw in Angola weilte. "Der Afrika-Cup hat seine Unbekümmertheit verloren", meint der Scout.

Mit Ausnahme von Ägypten überzeugten allenfalls kleine Nationen wie Gabun, Benin oder Sambia, Afrikas WM-Teilnehmer spielten hingegen grausam. "Aber ich warne davor", sagt Nigerias Trainer Shaibu Amodu, "die Leistungen der Mannschaften bei diesem Turnier zu nehmen, um Schlüsse auf die Qualität der Afrikaner bei der WM zu ziehen, der Afrika-Cup hat seine eigenen Gesetze." Auch Siegenthaler glaubt nicht, in Angola "das große Ghana der WM" gesehen zu haben, der Afrika-Cup des Jahres 2010 leidet unter dem schwierigen Termin inmitten der Klubsaison, unter dem Anschlag auf die Togoer, unter dem feucht-heißen Klima und unter enormen organisatorischen Schwierigkeiten.

Und das scheint besonders die großen Teams mit ihren vielen in Europa angestellten Spieler zu treffen. Die Elfenbeinküste ist die am stärksten besetzte afrikanische Mannschaft, die es jemals gab. Doch sie hat regelmäßig erstaunliche Probleme mit diesem Turnier. In den ersten 23 Partien nach der Amtsübernahme von Trainer Vahid Halilhodzic 2008 blieben die Ivorer unbesiegt, seit Jahren wird diese Mannschaft mit Lob überschüttet, doch sobald der Afrika-Cup beginnt, bleibt das Potenzial ungenutzt. "Ein physisches Problem kann es nicht sein, wenn man eine Minute vor dem Ende führt und noch verliert", sagte Halilhodzic nach der schmerzhaften Niederlage gegen Algerien, "große Mannschaften lassen sich so etwas nicht mehr aus der Hand nehmen". Nun hoffen die Ivorer, dass die Umstände einer Weltmeisterschaft den Fluch dieses Turniers, das irgendwie nicht zum fröhlichen Fußballfest werden wollte, vertreiben werden.