WM-Stadioneröffnung Eine Diva teilt Kapstadt

Südafrikas Metropole feiert ihr neues Fußballstadion, doch nicht alle tanzen mit. Sozialrechtler kritisieren die hohen Kosten, während die Armen auf der Strecke bleiben.

Das WM-Stadion "Diva von Kapstadt"

Das WM-Stadion "Diva von Kapstadt"

Am Samstag wird im neuen WM-Stadion in Kapstadt erstmals der Ball rollen. Zum Eröffnungs-Festival treffen die beiden Erstligisten der Stadt, Ajax und Santos FC, aufeinander. Ob diese Vereine das 500 Millionen Euro teure Stadion, das 70.000 Menschen Platz bietet, auch nach der Fußball-Weltmeisterschaft noch füllen können, gilt allerdings als äußerst unwahrscheinlich. Von den fußballfanatischen Menschen in Kapstadts Townships ist die "Diva von Kapstadt", wie die Architekten das teuerste Gebäude der Stadt nennen, zu weit entfernt.

Direkt am Ozean gelegen sei das neue WM-Stadion erbaut "vor der eindrucksvollen Kulisse der Kapstädter Berge", schwärmt die deutsche Website des Weltfußballverbandes Fifa. Auch Restaurants, Hotels, Strände und Bars finden sich reichlich in unmittelbarer Umgebung. Die Anwohner indes bildeten Initiativen, die gegen den Stadionbau auf einer öffentlichen Grünfläche im wohlhabenden Green Point gerichtlich vorgingen. Erfolglos. 

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Kapstadts Bürgermeister Dan Plato von der DA-Partei, die in dem ehemals Weißen vorbehaltenen Stadtteil hauptsächlich gewählt wird, gab sich viel Mühe diese Bedenken zu zerstreuen. Er sieht das Stadion bereits als eine der Sport-Sehenswürdigkeiten der Welt.

Dr. Dale McKinley kann den Superlativen nur wenig abgewinnen. Der Sozialrechtsaktivist aus Johannesburg kritisiert die hohen Kosten während die Ärmsten auf der Strecke blieben: "Wenn eine Regierung, die Milliarden ausgegeben hat, um Stadien und andere Infrastruktur zu errichten, die hauptsächlich Touristen und einer kleinen heimischen Minderheit dienen, nicht dafür sorgen kann, dass Schulkinder in den bedürftigsten Stadtteilen vernünftige Fußballplätze und Ausrüstung haben, dann sollte klar sein, dass die Prioritäten fürchterlich verschoben sind."

Auch den Versprechen von neu entstehenden Arbeitsplätzen im Sog der WM glaubt er nicht. "Einige Südafrikaner profitieren sicherlich, die Bauindustrie und die großen Unternehmen, die die WM sponsern", sagt der Sozialwissenschaftler, "aber die Arbeitsplätze die entstehen, sind weg, sobald die Stadien und Straßen fertig sind." Das sei "nicht nachhaltig", sagt McKinley und fügt das schockierende Beispiel des ebenfalls neu errichteten Mbombela-Stadions in Nelspruit an.

Dort wurde eine Schule nahe eines Armenviertels geschlossen, um sie für Büroräume zum Stadionbau zu nutzen. Natürlich gab es Versprechen für eine neue Schule, sogar Straßen und eine öffentliche Klinik sollten gebaut werden. "Passiert", so McKinley, "ist noch nichts, höchstens das Fundament ist fertig."

Das wirft die Frage auf, woher das Schwellenland Südafrika die knapp zwei Milliarden Euro, die bisher in Infrastruktur und Stadien investiert wurden, überhaupt nimmt. Die Johannesburger Sozialforscherin Sharon Groenemeyer gibt zu bedenken, dass die Zahlen 7,5 Mal über den ursprünglichen Schätzungen liegen. Die Summe sei inzwischen weit höher als die Investitionen in die 1,6 Millionen Township-Häuser in den letzten zehn Jahren zusammen. Bezahlen also die Armen für die WM?

Die Fifa jedenfalls übernimmt lieber den Einnahmen- als den Ausgabenteil. Der Weltfußballverband hat zwar Rekorderlöse für die Vermarktung der Übertragungsrechte erzielt, beteiligt sich an den Baukosten aber überhaupt nicht. Die südafrikanische Regierung hält sich bedeckt und redet lieber über die Fortschritte beim Bau der Arenen und die Sicherheitskonzepte für Fußball-Touristen. Die ursprüngliche Version, die Kosten für Stadien und Infrastruktur aus Ersparnissen in der Staatskasse zu begleichen, dürfte jedenfalls spätestens mit der 750-prozentigen Kostensteigerung nicht mehr haltbar sein.

Kurz nach der WM-Vergabe, sagt Groenemeyer, sei das Steuergesetz verändert wurde. Nun sei es möglich, das Budget für Fußballstadien auf den Steuerzahler umzulegen, eine Erhöhung der Einkommensteuer sei bereits für die nächsten Monate geplant. Neue Schulden, mehr Steuern und weniger Ausgaben für die Bedürftigen, das scheint inzwischen das Finanzierungskonzept der WM zu sein.

Doch was bleibt den Südafrikanern von "ihrer" WM? Das kleine Geschäft, das sich viele Straßenhändler erhoffen, bleibt in den Bereichen um die Stadien den lizensierten Partnern der Fifa vorbehalten. Abseits der Spielstätten werden die Touristen ob der Sicherheitswarnungen kaum umherschlendern. Die neuen Bus- und Zugsysteme dürften nach der WM den Niedrigverdienern helfen, die täglich von den Townships weit außerhalb ins Zentrum zur Arbeit pendeln.

Die Arenen werden aber weitestgehend der kleinen Mittel- und Oberschicht vorbehalten sein, die sich Anreise und Eintritt leisten können. Die WM bringt den Ärmsten nichts, die für ihre Kinder Schulen bräuchten, an denen die auch tatsächlich etwas lernen, und die wie in Township der Cape Flats für zwei Millionen Menschen nur über ein einziges Krankenhaus verfügen. Es gab sogar einen Plan, das Stadion in Athlone auf den Cape Flats anzusiedeln, wo der Santos FC seine Heimspiele austrägt. Das Projekt wäre laut Groenemeyer wesentlich günstiger geworden, aber die Fifa habe nicht gewollt, dass die Welt die Blechhütten im Hintergrund sehe. Daher habe man sich für Green Point entschieden und damit "die Trennlinie zwischen den Rassen verfestigt."

"Die Kids in den Townships werden die Möglichkeit bekommen, ihre Stars zu sehen", sagt Groenemeyer ironisch – "im Fernsehen." Doch selbst das wird viele Südafrikaner mit Stolz erfüllen. Denn schließlich ist es "ihre" WM, zum ersten Mal auf "ihrem" Kontinent. Ob die Diva von Green Point irgendwann auch "ihr" Stadion wird, bleibt dagegen abzuwarten.

 
Leser-Kommentare
  1. Die WM '62 ist Teil des kollektiven Gedächtnisses der Chilenen und erfüllt sie bis heute mit Stolz. Die Stadien bilden den Grundstock der Ligaspielstätten und sind für durchschnittliche Spiele etwas zu gross. Aber dort finden auch ab und zu Grossereignisse statt, was für die Provinzen wichtig ist.
    Eine WM ist ein Megaereignis, was wegen seiner Werbewirkung nicht unterschätzt werden sollte. Ein gutes Beispiel ist zum Beispiel die Rally Dakar, die seit zwei Jahren durch Chile und Argentinien geht: Im letzten Jahr war es unmöglich hier ein Motorrad zu leihen.

  2. Darf man auch einen Artikel als bedenklich melden?

    Herr Selz meldet sich mit Halbwissen. Dabei hat die Zeit mit Herrn Grill doch einen hervorragenden Korrespondenten am Kap, der die Stadion und die WM - Vorbereitungen zuletzt am 7.1.2010 hervorragend und differenziert darstellte.

    Herrn Selz scheinen wirtschaftliche Zusammenhänge unbekannt zu sein, z.B. daß aufgrund der Staatsinvestitionen zur WM Vorbereitung Tausende Arbeitsplätze am Kap geschaffen wurden, beim Cape Town Stadion allein mehr als 2.500. Diese Leute wurden ausgebildet, sie haben sich einen Vorteil für die Zukunft geschaffen. Sie sind übrigens stolz auf sich, ihre Arbeit, ihr Stadion und ihre WM. Das ständige Nörgeln aus Deutschland können sie nicht nachvollziehen.

    Die neue Infrastruktur wird Südafrika, allen Bürgern und Gästen nützen. Nebenbei hat die Staatsnachfrage das Land auch weitestgehend an der Rezession vorbei geführt.

    Natürlich gab es im Vorhinein wie bei jedem Großprojekt in der Welt Meinungen aus verschieden Lagern. Heute ist ganz Kapstadt stolz auf sein Stadion. Die Karten für das Eröffnungsspiel, die zwischen 2 und 5 Euro kosten, waren innerhalb von 48 Stunden verkauft.

    Schade, Herr Stelz wird die bunte und fröhliche Stimmung im Stadion bei strahlendem Sonnenschein heute nicht mit erleben können. Klar, bei minus 20°C bekommt man schnell schlechte Laune, wie soll man Afrika auch vom Hamburger Schreibtisch aus verstehen. Deshalb, Herr Stelz, überlassen sie das doch besser ihrem Kollegen Grill.

  3. egal was es denn ist, die Bedenkenträger und Berufskassandren werden etwas finden. Ich schlage vor, die deutschen Medien beschliessen gemeinsam und öffentlich ab sofort keine Artikel zur WM zu veröffentlichen, die über die rein sportliche Berichterstattung hinausgehen. In diesem Manifest verpflichten sich weiterhin alle Sportreporter ihre Berichte mit keinerlei Ausführungen über mangelndes lokales Organisationsvermögen, angeborenes Ballgefühl der Schwarzafrikaner, hohe Eintrittspreise, geographische Nähe von Stadien zu ärmeren Stadtvierteln etc etc anzureichern. Stellen wir uns das vor! SA wäre damit der allergrösste Dienst getan. Ich fürchte nur, die meisten der Artikel, die wir lesen werden sind bereits halb geschrieben.

  4. Ich muss in sofern meinen Vorkommentatoren zustimmen, dass die Berichterstattung in Deutschland über Südafrika des Öfteren von kolonialen Selbstherrlichkeiten und gesundem Halbwissen erfüllt sind und dabei die Lage des Landes zumeist negativ überzeichnen.

    Dennoch ist die Frage nach der sinnvollen Anlage von Steuergeldern durchaus berechtigt. Sicherlich bietet die WM eine herausragende Chance für das Land. Die Frage ist aber wer davon profitiert und wo Bedarf herrscht. Durch Investitionen sollte die Regierung einen möglichst nachhaltigen Effekt für das Gros der Bevölkerung erzielen.

    Dabei sollte man doch meinen, dass Investitionen in ein ordentliches Transportwesen, Krankenhäuser, Schulen und soziale Einrichtungen, einen höheren Stellenwert haben und auch wirtschaftlich tiefgreifender wirken als infrastrukturelle Maßnahmen, wie der Bau neuer Stadien, welche nur relativ kurzfristig und zudem nur von einer Minderheit genutzt werden können.

    Ich jedenfalls sah in dem günstigeren Ausbau der Santos Spielstätte die bessere Option gegenüber der schicken Diva, auch wenn sich die Elite, der gesättigte Tourist oder expat, dann zwangsläufig mit der Janusnatur der südafrikanischen Gesellschaft auseinandersetzen müsste. So hat die narzisstische Elite des Landes wieder einmal gezeigt, dass ihr eine verklärende Außendarstellung vor dem Wohl der breiten Massen steht. Meiner Meinung nach ist die in dem Artikel geübte Kritik durch aus fundiert, sowie nachvollziehbar und damit gerechtfertigt.

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