"Dass dahinter mehr steckte, war außerhalb meiner Vorstellungskraft." © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Frage: Herr Gräfe, so ein Schiedsrichterskandal weit weg von Berlin

Gräfe: … den kann man schön aus der Distanz verfolgen – das meinen Sie doch, oder? Aber glauben Sie mir, diese Affäre hat uns auch in Berlin alle schockiert.

Frage: 2005 standen Sie und drei Ihrer Kollegen im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, als Sie Robert Hoyzer wegen der Manipulation von Spielen beim DFB anzeigten. Wie verfolgen Sie jetzt die Affäre um Manfred Amerell und Michael Kempter ?

Gräfe: Die Ausgangslage kann man durchaus vergleichen mit dem, was damals war. Können Sie sich vorstellen, wie schwer es uns fiel zu glauben, dass ein Schiedsrichter Spiele manipuliert? Und diesen Verdacht auch noch weiterzutragen? Was wäre denn passiert, wenn sich der Verdacht nicht bestätigt hätte? Wir hatten handfeste Hinweise, es sprach viel dafür, dass er Spiele gegen Geld verpfiffen hatte, aber für uns stand fest: Bevor du so einen Verdacht weiterträgst, musst du dir hundertprozentig sicher sein. Wir haben jeden Stein dreimal umgedreht.

Frage: Im Fall Kempter hat niemand so genau hingeschaut wie Sie damals.

Gräfe: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich denke, der DFB hatte genug Hinweise, dafür sprechen ja anscheinend auch die eidesstattlichen Versicherungen. Jedenfalls hat sich Michael Kempter dazu entschieden, Volker Roth anzusprechen. Ich weiß nicht, wie viel Kraft ihn dieser Schritt gekostet hat.

Frage: Schiedsrichterchef Volker Roth ist stark dafür kritisiert worden, dass er den Fall erst nach ein paar Wochen an den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger weitergeleitet hat. Teilen Sie diese Kritik?

Gräfe: Nein, diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Fest steht, dass Volker Roth sich erst einmal Gewissheit verschaffen musste über das, was überhaupt passiert ist. Man sieht doch jetzt angesichts der aktuellen Gemengelage, wie kompliziert dieser Fall Amerell/Kempter ist. Ich meine, die Annahme, dass ein Schiedsrichter-Obmann einen Schiedsrichter sexuell belästigt – das ist doch unglaublich! Wir kannten doch auch alle Manfred Amerell und Michael Kempter und deren gutes Verhältnis. Dass dahinter mehr steckte, war außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich finde, dass Volker Roth der Situation angemessen gehandelt hat.

Frage: Wie?

Gräfe: Er hat erst einmal die Schiedsrichter-Tagung im Januar abgewartet. So wie wir es auch bei Robert Hoyzer gehandhabt haben. Bei der Tagung damals wurde deutlich, dass sich sein Kontakt auf eine Person beschränkte, auf Dominik Marks …

Frage: … der auch Spiele verschoben hatte.

Gräfe: Dieses isolierte Verhalten von Robert Hoyzer war für uns ein entscheidendes Indiz. Und überhaupt: Was hätte denn passieren können über Weihnachten und Neujahr? Da ist nicht gespielt worden, und man kann sich doch am besten ein Bild machen, wenn man die handelnden Personen direkt in Augenschein nimmt.

Frage: Wie reagieren die Schiedsrichter jetzt auf die Affäre Amerell/Kempter?

Gräfe: Natürlich hat Manfred Amerell eine Grenze zwischen Beruflichem und Privatem überschritten, die man nicht überschreiten darf. Das räumt er ja selbst ein.

Frage: Aber?

Gräfe: Dieses Problem wird in eine völlig unzulässige Richtung verallgemeinert. Es gibt kein Schiedsrichter-Problem, es gibt ein persönliches Problem zwischen – mindestens – zwei Menschen.