Pro TechnikDer Fußball bleibt analog

Die Fifa hat sich gegen die Zukunft entschieden. Doch wo es um Millionen geht, kann sich der Fußball keine Stammtisch-Romantik mehr leisten, kommentiert Christian Spiller von 

So einfach könnte es gehen: Im Ball ein Chip, auf der Uhr das Tor

So einfach könnte es gehen: Im Ball ein Chip, auf der Uhr das Tor  |  © Cairos Technologies

Als sich das Fifa-Regelboard gegründet hat, war Fußball noch ein anständiger Sport. Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, ging es um nicht viel mehr als die Ehre. Britische Gentlemen gaben seinerzeit noch zu, ob sie eben gerade ein Tor erzielt oder Foul gespielt haben. Das war spätestens im WM-Finale 1966 vorbei, von wegen Gentlemen. Uwe Seeler würde heute wohl seinen Spitznamen für eine Wembley-Torkamera geben.

Nun, fast ein halbes Jahrhundert später, gibt es diese Hilfsmittel. Doch die Gralshüter der Fußballregeln haben entschieden, auch in Zukunft auf sie zu verzichten. Spieler und Trainer zürnen. Zu Recht. Fußball ist zum Geschäft geworden und wo es um Milliarden geht, braucht es größtmögliche Gerechtigkeit. Ganz oben, wo Helden gemacht und Karrieren zerstört werden, kann sich der Profi-Fußball keine arglose Stammtisch-Romantik mehr leisten. 

Die Fifa-Entscheidung

Keine Torkameras, kein Chip im Ball - die obersten Regelhüter des Fußball-Weltverbandes haben technischen Hilfsmitteln im Fußball eine klare Absage erteilt. Am 6.3.2010 entschied das International Football Association Board (IFAB), dass Technologie aus dem Spiel herausgehalten werden müsse. Den Funktionären wurden zwei Entwicklungen vorgestellt: Ein Chip, der signalisiert, wenn der Ball die Torlinie überquert und das sogenannte Hawkeye, eine Torkamera. Beide konnten laut Fifa nicht überzeugen. Die Weltverband erklärte die Diskussion damit für beendet. Über die Zukunft der stattdessen testweise eingeführten Torrichter soll im Mai entschieden werden.

Louis van Gaals Visionen

Bayerns Coach Louis van Gaal empörte sich über die Entscheidung der Fifa. "Es ist das Wahnsinn, dass wir das nicht verwenden." sagte er. Aber van Gaal geht noch weiter. Er plädiert ebenfalls dafür, die Linienrichter abzuschaffen und eine elektronische Seitenlinie einzuführen. Kamera sollen alle Abseitsentscheidungen treffen. Dazu wünscht sich van Gaal "Einschüsse" satt Einwürfe und ein "Gladiatorenspiel", bei dem die Mannschaften in eine eventuellen Verlängerung alle fünf Minuten einen Spieler aus der Partie nehmen müssen. Das sei gerechter als eine Elfmeter-Lotterie.

Der Chip

Der Chip im Ball erkennt, ob ein Tor gefallen ist. Dazu wird durch Kabel im Strafraum ein Magnetfeld erzeugt, hinter der Torlinie ein zweites. Wenn der Ball die Torlinie überquert hat, empfängt der Schiedsrichter einige Zehntelsekunden später ein entsprechendes Signal auf einer Art Funkuhr. Zur Klub-WM 2007 in Japan wurde das System bereits erfolgreich getestet.

Der Fußball darf sich dem technischen Fortschritt nicht verschließen. Wir leben im 21. Jahrhundert, wir googlen, skypen und twittern. Die Elektronik hat die Welt revolutioniert, hat sie gleichzeitig digital und transparenter gemacht. Nur der Fußball bleibt undurchsichtig. Und analog. Denn statt den Chip im Ball einzuführen, will die FIFA vorerst am Torrichter festhalten. An jenen Männern, die testweise bei Europa-League-Spielen an der Grundlinie kauern und mit ihren Fähnchen wie verirrte Linienrichter aussehen. Das Grundproblem bleibt: Das menschliche Auge wird niemals alles sehen können. Viele Unparteiische wären erleichtert, wenn ihnen zumindest das Torlinien-Problem von der Technik abgenommen würde.

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Die FIFA drückt sich vor einer Grundsatzentscheidung. Sie vermutet, es kämen immer mehr Neuerungen mit unendlich vielen Spielunterbrechungen. Doch mit einem Chip im Ball müsste das Spiel nicht einmal angehalten werden, in Sekundenbruchteilen hätte der Schiedsrichter die Information auf seiner Armbanduhr. Und zukünftige Regeländerungen, die den Charakter des Spiels wirklich entscheidend verändern würden, könnten immer noch verhindert werden. Andere Sportarten, bei denen Technik schon seit Jahren erfolgreich zum Einsatz kommt, sind auch noch das, was sie einst waren. Eishockey wird noch immer auf Eis gespielt, Tennis funktioniert immer noch nur mit Schlägern.

Fehlt noch das Geselligkeitsargument: Strittige Fehlentscheidungen gehören einfach dazu, so heißt es. Dutzende Fernsehminuten werden jedes Wochenende mit Superzeitlupen und ähnlichem gefüllt, viele Stammtisch-Gespräche drehen sich stundenlang um die Frage: Tor oder nicht Tor? Doch ist es das wert? Sollten wir nicht viel lieber über den spektakulären Fallrückzieher, denn makellosen Steilpass oder vielleicht den Stellungsfehler des Nationalverteidigers debattieren?

Die FIFA aber möchte nicht, sie hat die Diskussion um Technik beim Fußball nun endgültig für beendet erklärt. Sie hat sich für den Irrtum und gegen die Zukunft entschieden. Vielleicht fehlt ihr ja generell ein Trend zur Transparenz.

Lesen Sie auch die Meinung von Steffen Dobbert: Technischer Fortschritt ist in vielen Lebensbereichen wichtig. Der Fußball jedoch lebt von seinen Fehlern und braucht nicht mehr Technik

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Leserkommentare
  1. und Manipulation seitens gekaufter Schiedsrichter wären mit der heutigen Technik schwerer zu bewerkstelligen. In der Tat geht es um ein Millionengeschäft.

  2. Beim Eishockey wird die Zeit angehalten wenn gepfiffen wird, ein Tor fällt, oder sonst was. Genauso gibt es den Videobeweis.

    Die Nachspielzeit fällt dadurch weg, und so wären die Begegnungen auch fairer, wenn sich die Schiedsrichter ein Foul nochmal ansehen dürften, aber nein Fußball bleibt eine veraltete Sportart. Eine Schande!

    So manche Nachspielzeit wurde vielen Clubs schon zum Verhängnis! Tore werden teilweise nicht gewertet, obwohl in den Analysen einstimmig geurteilt wird, dass der Treffer zählen müsste.

    "Demonstrieren" oder dazu aufrufen, dass die ganzen Fußballfans das boykottieren sollten wird wohl nie gehen. Solange nicht alle auf den Ticketkauf und das Wochenendliche "Fernseh-Fußball-schauen" verzichten wird sich da in Zukunft - LEIDER - nichts ändern!

  3. Nicht nur für die Drogenkriminalität gilt, daß immer nur ein geringer Teil auffliegt. Auf 1 Tonne gefundenes Koks kommen 10 oder mehr Tonnen, die ungehindert auf den Markt kommen. Also kann man auch ausgehen, daß auf 1 Schieri oder Spieler der auffliegt, mindestens 10 kommen, die nicht auffliegen.

    Wenn man Sportwetten zulässt, schafft man einen riesigen Markt, der Begehrlichkeiten weckt und kriminelle Elemente auf den Plan ruft. In dem Moment hat der Sport verloren. Doping und Wetten: Welchem Athleten soll man seine Leistung - egal ob gut oder schlecht - überhaupt noch abkaufen?

    • hagego
    • 10. März 2010 10:32 Uhr

    Sowohl der Einwurf Steffen Dobberts in Richtung eigenes Tor als auch der Einwurf Christian Spillers in Richtung des gegnerischen Strafraums sind regelkonform und deshalb berechtigt.

    Dobbert sagt ja im Grunde zu recht, dass "Mensch ärgere dich nicht" heute so wie früher gespielt wird. Das stimmt. Und Spiller behauptet quasi, dass man zwar seine journalistischen Beiträge - genau wie früher - auf der Schreibmaschine tippen könnte, aber zweckmäßiger und effizienter wäre heute eindeutig der PC.

    Meines Erachtens muss man im Profi-Fussball verhindern, soweit dies möglich ist, dass es zu gravierenden Fehlentscheidungen (z.B. das "Wembley-Tor", die "Hand Gottes" und aktuell die "Thierry Henry-Handvorlage" im Spiel Frankreich vs. Irland) kommt. Das setzt eine zeitgemäße technische Unterstützung des Schiedsrichters voraus. Warum auf den Chip im Ball oder die Torkamera verzichten?

    Wenn wir uns die Fussballschuhe der WM-Spieler von 1954 anschauen und mit der heutigen Ausstattung vergleichen, dann werden wir sofort erkennen, dass selbst in diesen Bereichen die Zeit nicht stehen geblieben ist. Abseits der Mode sind diese Balltreter im Laufe der Jahre funktional optimiert worden.

    Im Eishockey und im Tennis wird die Technik erfolgreich - auch im Sinne der Zuschauer! - eingesetzt. Und wenn das im Profi-Fussball obligatorisch wäre, wird man sich in künftigen Zweifelsfällen fragen, wie wäre diese Situation wohl "ohne technische Hilfe" entschieden worden?

  4. Polter Polter ! Elektronik ! Gerechtigkeit !

    Wie langweilig und das ganze wäre, würde man immer alles genau machen.
    Da könnte man gleich ein Bot-Match in PES2010 oder Fifa09 anschmeissen und hätte den ganzen Spieltag nach einer Stunde fertig, total gerecht, wie es eben hätte ausgehen müssen.

    Was macht das Fußballgeschäft denn so groß? Der Sport? Die eigentliche Leistung (zb 5 kilometer laufen 10 meter springen 3 Kilometer sprinten)? NEIN! Emotionen und nach dem spiel, wie sie es nennen die Stammtischromantik.

    Den Schiri Anschreien wenns nicht läuft, den Rasen verfluchen oder dem Wetter die Schuld geben.
    Tolle Tore, Spielzüge und wahnsinnige Ballkunst und Kampfgeist machen die Faszination aus und eben nich die Haarspalterei oder Milimetermessungen im Mikrosekundentakt die sie so gerne hätten.

    Verschörung am Mittwoch:
    Mit Ortung im Ball und in den Schuhen kann man aber auch in Zukunft super toll Spiele für Werbeunterbrechungen anhalten,
    dann kommt die gelbe Fahne (wie bei den Amis), und die Spieler wissen jetz is zeit für Krombacher, nachher können sie sich dann wieder schön auf den Platz stellen. Milimetergenau. Vielleicht sogar vor einem Freistoß oder gar dem Elfmeter. Wie vor der 500.000€ Frage beim Jauch.

  5. Na a super. Wer Skype installiert sollte für den Chip im Ball sein? Tolles Argument.

    Ich bin nicht technikavers, aber ich mag den Fussball, weil er brutal menschlich und emotional ist in einer Welt, die ansonsten in fast allen Lebensbereichen von Technik und Empirie bestimmt wird. Ist ja auch ok so.

    Für mich bitte den Fussball lassen wie er ist. Aber ist wohl eh reine Geschmacksache. Hoffe mein Geschmack bleibt in der Mehrheit.

    Achja - Eishockey wird auf dem Eis gespielt. Noch so ein sinnloses Argument...Fussball wird doch schon heute auf Rasen gespielt. Kann man auch weiterhin machen. Wird einfach kein Schuh mit Stollen draus.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Technik | Fußball | Fifa | Eishockey | Elektronik | Schiedsrichter
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