Als sich das Fifa-Regelboard gegründet hat, war Fußball noch ein anständiger Sport. Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, ging es um nicht viel mehr als die Ehre. Britische Gentlemen gaben seinerzeit noch zu, ob sie eben gerade ein Tor erzielt oder Foul gespielt haben. Das war spätestens im WM-Finale 1966 vorbei, von wegen Gentlemen. Uwe Seeler würde heute wohl seinen Spitznamen für eine Wembley-Torkamera geben.

Nun, fast ein halbes Jahrhundert später, gibt es diese Hilfsmittel. Doch die Gralshüter der Fußballregeln haben entschieden, auch in Zukunft auf sie zu verzichten. Spieler und Trainer zürnen. Zu Recht. Fußball ist zum Geschäft geworden und wo es um Milliarden geht, braucht es größtmögliche Gerechtigkeit. Ganz oben, wo Helden gemacht und Karrieren zerstört werden, kann sich der Profi-Fußball keine arglose Stammtisch-Romantik mehr leisten. 

Der Fußball darf sich dem technischen Fortschritt nicht verschließen. Wir leben im 21. Jahrhundert, wir googlen, skypen und twittern. Die Elektronik hat die Welt revolutioniert, hat sie gleichzeitig digital und transparenter gemacht. Nur der Fußball bleibt undurchsichtig. Und analog. Denn statt den Chip im Ball einzuführen, will die FIFA vorerst am Torrichter festhalten. An jenen Männern, die testweise bei Europa-League-Spielen an der Grundlinie kauern und mit ihren Fähnchen wie verirrte Linienrichter aussehen. Das Grundproblem bleibt: Das menschliche Auge wird niemals alles sehen können. Viele Unparteiische wären erleichtert, wenn ihnen zumindest das Torlinien-Problem von der Technik abgenommen würde.

Die FIFA drückt sich vor einer Grundsatzentscheidung. Sie vermutet, es kämen immer mehr Neuerungen mit unendlich vielen Spielunterbrechungen. Doch mit einem Chip im Ball müsste das Spiel nicht einmal angehalten werden, in Sekundenbruchteilen hätte der Schiedsrichter die Information auf seiner Armbanduhr. Und zukünftige Regeländerungen, die den Charakter des Spiels wirklich entscheidend verändern würden, könnten immer noch verhindert werden. Andere Sportarten, bei denen Technik schon seit Jahren erfolgreich zum Einsatz kommt, sind auch noch das, was sie einst waren. Eishockey wird noch immer auf Eis gespielt, Tennis funktioniert immer noch nur mit Schlägern.

Fehlt noch das Geselligkeitsargument: Strittige Fehlentscheidungen gehören einfach dazu, so heißt es. Dutzende Fernsehminuten werden jedes Wochenende mit Superzeitlupen und ähnlichem gefüllt, viele Stammtisch-Gespräche drehen sich stundenlang um die Frage: Tor oder nicht Tor? Doch ist es das wert? Sollten wir nicht viel lieber über den spektakulären Fallrückzieher, denn makellosen Steilpass oder vielleicht den Stellungsfehler des Nationalverteidigers debattieren?

Die FIFA aber möchte nicht, sie hat die Diskussion um Technik beim Fußball nun endgültig für beendet erklärt. Sie hat sich für den Irrtum und gegen die Zukunft entschieden. Vielleicht fehlt ihr ja generell ein Trend zur Transparenz.

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