Schiedsrichter im AmateurfußballVon der Lust am Pfeifen

Der Skandal um sexuelle Belästigung, fragwürdige Karrierewege und dennoch: Was Menschen dieser Tage antreibt, als Schiedsrichter auf den Platz zu treten. Von O. Fritsch von 

Werkzeug eines Schiedsrichters

Werkzeug eines Schiedsrichters  |  © nild / photocase.com

"Um als Schiedsrichter ganz nach oben zu kommen, brauchst Du Vitamin B", sagt Ralph Vollmers. "Nicht falsch verstehen", ergänzt er, "die Kollegen aus der Bundesliga sind gut. Aber für den letzten Schritt auf der Leiter muss man Fürsprecher haben." Vollmers, 41, ist Schiedsrichter im Hamburger Amateurfußball, seine Türsteherstatur ist ihm dabei sicher genauso wenig schädlich wie der autoritäre Blick. Erst mit 28 Jahren wurde er Schiedsrichter, doch unter Trainern und Spielern genießt er Respekt. Das Wochenmagazin fußball Hamburg hat Vollmers jüngst zum Schiedsrichter des Jahres 2009 gewählt.

Der aktuelle Skandal um Manfred Amerell beschäftigt auch die Hamburger Schiedsrichter. Dass dessen Affäre mit Michael Kempter in der Öffentlichkeit ausgebreitet wird, erachten sie als schädlich. Doch richtig überrascht zeigt sich keiner, allenfalls über die sexuelle Dimension des Falls (obwohl Homosexualität unter Schiedsrichtern verbreitet zu sein scheint, in Hamburg schätzen Kenner den Anteil schwuler Schiedsrichter auf über zehn Prozent). Über Kempters steile Karriere habe sich aber mancher schon immer gewundert, heißt es. Auch der Vorwurf, dass Theo Zwanziger einen Schiedsrichter aus seinem Heimatverein bevorzugt haben soll, war nicht nur Vollmers schon lange bekannt. Starken Reformbedarf sehen die Hamburger Amateurschiedsrichter daher in der Karriere- und Förderungspolitik des DFB.

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Ein Quereinsteiger wie Vollmers beispielsweise hat, egal wie gut er sein mag, keine Chance auf den Profifußball. Dass er es überhaupt noch bis in die Oberliga, die höchste Amateurklasse, geschafft hat, ist erstaunlich. "Das Problem ist der Jugendwahn der Fifa ", sagt Christian Henkel, Lehrwart für den Bezirk Bergedorf. Das Zeitfenster, in dem aus einem Talent ein DFB-Schiedsrichter wird, sei zu klein.

"SOP" (Schiedsrichter ohne Perspektive) – so bezeichnet der interne Jargon diejenigen, die nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Und die jetzt, im Alter von nicht mal 30, trotz Talent und Erfahrung am Ende der Karriereleiter angekommen sind. Wer es mit 23 noch nicht in die Jugend-Bundesliga geschafft hat, wird nicht mehr in die höchsten Kader gestuft, sagt Henkel . In Hamburg gibt es einige Enttäuschte und Aussteiger, einige SOPs.

Wenn Ralph Vollmers die Schiedsrichterpfeife im Mund hat, zehrt er von seiner Erfahrung als Spieler, für einen Schiedsrichter war er außergewöhnlich lange am Ball. Der Trainer des Oberligisten SV Oststeinbek sagt: "Vollmers ist sehr kritikfähig, er kann nicht nur austeilen, sondern auch einstecken." Wenn jemand versteckt foule, behauptet Vollmers, sehe er das, weil er früher selber versteckt gefoult habe. "Ich kann mich gut in Spieler einfühlen." Fehlendes Selbstbewusstsein ist das Letzte, was man ihm vorhalten könnte.

Leserkommentare
  1. Gibt es denn überhaupt kein anderes Thema mehr, ich denke wir haben doch erst Frühling und das Sommerloch ist noch weit weg.
    Wann lesen wir denn mal etwas von Frauen, die sich in die entsprechende Position hochgeschlafen haben, soll doch auch schon häufiger vorgekommen sein.
    Nach den schlimmen Vorkommnissen in den Internaten taucht dieser Themenbereich nun überall auf.
    Wie wärs denn mal mit Berichten aus der Politik, der Polizei, der Bundeswehr, der Feuerwehr, dem TÜV, ach, und nicht zu vergessen aus den Redaktionen der Medien. :-))

    • cmling
    • 19. Dezember 2011 23:05 Uhr

    Genau die gleiche Pfeife besitze auch ich. Aber Acme macht auch andere Pfeifen, die für Schiedsrichter besser geeignet sind.

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