Ultras Die Kurve radikalisiert sich

Bei den Ultras nimmt die Gewaltbereitschaft zu. Nach den Ausschreitungen von Berlin drohen sich die Fronten zwischen Fans und Vereinen zu verhärten. Von Matthias Bossaller

In der Berliner Fankurve regt sich der Volkszorn

In der Berliner Fankurve regt sich der Volkszorn

Die Gewalt in deutschen Fußballstadien nimmt zu. Bewaffnet mit Latten und Fahnenstangen stürmten Fans von Hertha BSC am vergangenen Samstag in den Innenraum des Olympiastadions, griffen Ordner an und zerstörten Werbebanden sowie die Berliner Ersatzbank. Die Bilder des randalierenden Mobs haben Funktionäre wie Fanvertreter erschreckt. Es sind nicht nur Hooligans, die randalieren. Es häufen sich Vorfälle, in denen Mitglieder der Ultraszene an Gewaltausbrüchen beteiligt sind.

Ende November prügelten sich Dortmunder und Schalker Ultras am Rande des A-Jugend-Derbys. In Stuttgart griffen Anfang Dezember wütende Fans den VfB-Mannschaftsbus an, und Ende Februar gab es mehrere Verletzte, als Mitglieder der Frankfurter Ultraszene das Karlsruher Fanprojekt überfielen. Diese Beispiele verdeutlichen: Die Gewaltbereitschaft hat in Teilen dieser Szene zugenommen. "Wir haben eine Radikalisierung festgestellt, einige Mitglieder sind bereit, Grenzen zu überschreiten", sagt Ralf Busch, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) und Leiter des Berliner Fanprojektes.

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Dabei haben sich die Ultras zu Beginn ihrer Entstehungszeit klar von der Hooligan-Szene und deren Gewalt abgegrenzt. Mitte der neunziger Jahre begannen sie nach italienischem Vorbild die Fankurven in den deutschen Stadien zu verändern. Losgelöst von den klassischen Fanclubstrukturen, entwarfen sie ihre eigenen Fanartikel, dichteten neue Fangesänge und lieferten mit ihren Choreografien eine farbenprächtige Kurvenshow. Die Ultras füllten ein Vakuum, das durch die Gewaltexzesse der Hooligans und der Langeweile auf den Rängen entstanden war. Gerade auf junge Leute, die neu ins Stadion kamen, wirkte diese vitale Szene attraktiv.

Neben der Gewalt verbannte die Ultra-Kultur auch weitestgehend das fremdenfeindliche Verhalten aus den Kurven, wie es in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre noch weit verbreitet war. Zwar ist die Mehrheit der Ultras nach wie vor friedlich, doch die Ausraster Einzelner haben das positive Bild in der Öffentlichkeit beschädigt und den Druck auf die Szene erhöht. BAG-Sprecher Busch sieht die deutsche Fanlandschaft zwar weit von italienischen Verhältnissen entfernt, dennoch hat er Tendenzen ausgemacht, die ihm nicht gefallen: "Die Ultras erbeuten Schals und Fahnen der Gegenpartei oder überfallen deren Fanprojekte. Das hat es früher nicht gegeben." Außerdem hätten die Beteiligten in Berlin ein Tabu gebrochen: Sie haben den Innenraum des Stadions angegriffen – für den Fußball das heiligste Refugium.

Busch wirft den Ultras vor, nicht kritisch genug mit ihren schwarzen Schafen umzugehen. "Bei einigen ist die Selbstkritik schwach ausgebildet, die Schuld für ihr Fehlverhalten suchen sie oft bei anderen", kritisiert er. Intern würden Missstände angesprochen, doch nach außen wollen die Ultras ein geschlossenes Bild abgeben. "Hier herrscht ein Corpsgeist, der sich schwer tut, Mitglieder auszuschließen."

Für die wachsende Radikalisierung innerhalb der Szene gibt es laut Busch mehrere Gründe: Es ist eine neue Generation nachgewachsen, in der sich "junge Männer austesten wollen". Einige tragen ihren Alltagsfrust mit hinein in die Stadien. Zudem sei die Distanz zu den Clubverantwortlichen und den Spielern immer größer geworden. "Die Ultras sehen sich als konstante Größe, Spieler kommen und gehen", sagt Busch. Identifikationsfiguren – bei Hertha waren dies Joe Simunic und Marko Pantelic – gebe es immer weniger. Wenn sich dann der Eindruck erhärtet, der Einsatz stimmt nicht, drohen die Fans: Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) sieht den Grund für solches Verhalten auch in der Fanarbeit der Vereine. "Da gibt es viel Aktionismus ohne Sinn, wenn Geld für die Bastelstuben der Ultras ausgegeben wird", sagt der Bundesvorsitzende Rainer Wendt. Er wirft den Fanarbeitern vor, Kontakt zu gewaltbereiten Fans zu pflegen. Für ihn gibt es nur einen Weg, gegen die Ausschreitungen im Stadion vorzugehen: Personengebundene Eintrittskarten, Überwachung mit Videokameras und Stadionverbote. Wendt klagt, dass die Randalierer im Fußball zu gering bestraft werden. "Wenn man mit Eisenstangen auf Order, Polizisten oder Spieler zugeht, müsste man damit rechnen, ein paar Jahre ins Gefängnis zu kommen. Aber die wissen, dass dies nicht passiert."

Mitschuld am aggressiven Verhalten einiger Fans trägt nach Meinung von Busch auch die repressive Politik der Polizei und der Vereine. "Wenn Auswärtsfahrer im Bahnhof eintreffen und sofort von einer Hundertschaft der Polizei eingekesselt werden, fühlen sie sich als Problemfans behandelt", sagt der Fanprojektleiter. Die Regulierungswut der Vereine enge zudem die Kreativität der Ultras ein, originelle Choreografien zu entwickeln.

Nach den Vorfällen von Berlin befürchtet Busch, dass sich die Fronten zwischen Fans und Vereinen verhärten. "Natürlich müssen die Vereine reagieren und den Fans die Grenzen aufzeigen. Dies nur mit Härte zu tun, ist aber nicht der richtige Weg", glaubt er. Um die Lage zu verbessern, sollten die Vereine weiter den Dialog mit den Anhängern suchen und ihnen das Gefühl geben: "Ihr seid unsere Fans."
 

 
Leser-Kommentare
    • Pereos
    • 16.03.2010 um 13:37 Uhr

    Könnte es sein, dass die Hemmschwelle sinkt, weil immer mehr Menschen immer weniger zu verlieren haben?

    Gewalt ist immer ein Ausdruck der absoluten Frustation,
    und da begünstigt die Politik, die die Menschen depressiv macht diese Entwicklung doch jenseits des Fußbalerischen Probs doch erheblich.

    Interessant ist ja auch, dass sich z.B. rechtsradikale Gruppen,die Jahrelang relativ friedlich waren,zunehmend auch millitant werden.

    Könnte es da nicht Zusmamenhämnge geben, dass eben unsere gesammte Gesellschaf in der Krise steckt und deswegen solche Idioten im Stadion es zunehmend leichter haben werden,eine Masse an Menschen, wo sowieso schon Agressionen herrschen, zu mobilisieren.

    In Anbetracht der Umstände, dass z.B. viele Leute in Berlin "dekadente Hartzer" sein werden, werden die auch nicht mehr großartig auf harte Strafen reagieren...

  1. Amerikanische Forscher haben herausgefunden das sich unter den ~400000 Stadionbesuchern die Woche für Woche friedlich ihrem Hobby nachgehen einige Hundert Idioten gibt.

    Als nächstes so die Forscher wolle man herausfinden was der Vorfall nach dem Spiel in Berlin mit den Ultras zu tun hat.

  2. man kann wirklich jedes Ereignis zu einem Drama aufbauschen.
    Puh...

    • sveno
    • 16.03.2010 um 14:33 Uhr
    5. @ tius

    Wenn der Fussball ein mal so werden sollte, wie Sie ihn hier schildern, dann werde ich mir einen anderen Lieblingssport suchen müssen. Dagegen ist ja Rennbrieftaubenzüchten geradezu erschreckend brutal.

    Andererseits mag meine Abwesenheit ein lohnender, da kleiner Verlust sein - angesichts der neuen Zielgruppen, die Sie dem Fussball mit Ihren FKK-Fanblöcken erschliessen könnten. Denn ich frage mich ernsthaft, welches Kleidungsstück sich eigentlich nicht zum Vermummen zweckentfremden lässt.

  3. den Bolero.

    Die Hybris der Gewalt, die sich aus den immer krasseren Unrechtsverhältnissen in unserer post-demokratischen Gesellschaft speist, ist nur ein erstes Fanälchen, mit dem wir konfrontiert werden.

    Glaube nur niemand dieser Gewalt, die ja so massive Strukturen von Blindwütigkeit, Selbsthass und Selbstzerstörungssehnsucht zeigt, mit plümeranten Vokabel oder dem Nichtverkauf von Stehplatzkarten an Gastvereinsfans unterbinden zu können.

    Die Hütte brennt, auch wenn die Biedermänner es noch nicht wahrhaben wollen. Die Strangulation und der Exitus der ehemals halbwegs zivilisierten und demokratischen 2. Deutschen Republik sind nicht geeignet, die Menschen vor der Gefährung der Demokratie zu wahren. Ebensowenig, wie die posthume Verfolgung von Kinderf........ ein probates Instrument sein kann, unseren Leistungsträgern und Elitariern zu glauben, sie wären interessiert, etwas gegen diese pathologische Form des Machtmissbrauchs zu unternehmen.

    Wollte einer wirklich etwas ändern, er würde der Werbeindustrie bei der immer massiveren Sexualisierung von immer kindlicherer Laufstegprostituierten in den Arm fallen, die privaten TV-Sender unverzüglich verbieten und schließen und dem massiven Drogenhandel der Spirituousenindustrie, des Handels und der massenmedialen Exzesse von Love Parades, xyz moves etc. ein Ende bereiten.

  4. Enteignung aufgrund krimineller Handlungen ist durch das GG gedeckt, nur bedarf es des Willens der politischen und juristischen Institutionen. Aber es wird erst zum lethalen Gewaltausbruch kommen, bevor "unser Volk" seinen Verstand wiederfindet und den Boden unter den Füßen.

  5. Ist tatsächlich so einfach. Wenn man die Gewaltbilanzen der Spiele vergleicht und den jeweils genehmigten bzw. nicht genehmigten oder nur eingeschränkten Alkoholausschank, wird man Riesenunterschiede bzw. Zusammenhänge erkennen. Da existiert aber eine massive Beeinflussung durch Interessenverbände und Lobbyisten pro Alkohol. Kaum zu glauben, aber ist so. Und deswegen haben Politiker oft keinen A... in der Hose und verhängen ein Alkoholverbot. Wie so oft, schaden hier wirtschaftliche Interessen dem Allgemeinwohl.

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