Die Gewalt in deutschen Fußballstadien nimmt zu. Bewaffnet mit Latten und Fahnenstangen stürmten Fans von Hertha BSC am vergangenen Samstag in den Innenraum des Olympiastadions, griffen Ordner an und zerstörten Werbebanden sowie die Berliner Ersatzbank. Die Bilder des randalierenden Mobs haben Funktionäre wie Fanvertreter erschreckt. Es sind nicht nur Hooligans, die randalieren. Es häufen sich Vorfälle, in denen Mitglieder der Ultraszene an Gewaltausbrüchen beteiligt sind.

Ende November prügelten sich Dortmunder und Schalker Ultras am Rande des A-Jugend-Derbys. In Stuttgart griffen Anfang Dezember wütende Fans den VfB-Mannschaftsbus an, und Ende Februar gab es mehrere Verletzte, als Mitglieder der Frankfurter Ultraszene das Karlsruher Fanprojekt überfielen. Diese Beispiele verdeutlichen: Die Gewaltbereitschaft hat in Teilen dieser Szene zugenommen. "Wir haben eine Radikalisierung festgestellt, einige Mitglieder sind bereit, Grenzen zu überschreiten", sagt Ralf Busch, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) und Leiter des Berliner Fanprojektes.

Dabei haben sich die Ultras zu Beginn ihrer Entstehungszeit klar von der Hooligan-Szene und deren Gewalt abgegrenzt. Mitte der neunziger Jahre begannen sie nach italienischem Vorbild die Fankurven in den deutschen Stadien zu verändern. Losgelöst von den klassischen Fanclubstrukturen, entwarfen sie ihre eigenen Fanartikel, dichteten neue Fangesänge und lieferten mit ihren Choreografien eine farbenprächtige Kurvenshow. Die Ultras füllten ein Vakuum, das durch die Gewaltexzesse der Hooligans und der Langeweile auf den Rängen entstanden war. Gerade auf junge Leute, die neu ins Stadion kamen, wirkte diese vitale Szene attraktiv.

Neben der Gewalt verbannte die Ultra-Kultur auch weitestgehend das fremdenfeindliche Verhalten aus den Kurven, wie es in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre noch weit verbreitet war. Zwar ist die Mehrheit der Ultras nach wie vor friedlich, doch die Ausraster Einzelner haben das positive Bild in der Öffentlichkeit beschädigt und den Druck auf die Szene erhöht. BAG-Sprecher Busch sieht die deutsche Fanlandschaft zwar weit von italienischen Verhältnissen entfernt, dennoch hat er Tendenzen ausgemacht, die ihm nicht gefallen: "Die Ultras erbeuten Schals und Fahnen der Gegenpartei oder überfallen deren Fanprojekte. Das hat es früher nicht gegeben." Außerdem hätten die Beteiligten in Berlin ein Tabu gebrochen: Sie haben den Innenraum des Stadions angegriffen – für den Fußball das heiligste Refugium.

Busch wirft den Ultras vor, nicht kritisch genug mit ihren schwarzen Schafen umzugehen. "Bei einigen ist die Selbstkritik schwach ausgebildet, die Schuld für ihr Fehlverhalten suchen sie oft bei anderen", kritisiert er. Intern würden Missstände angesprochen, doch nach außen wollen die Ultras ein geschlossenes Bild abgeben. "Hier herrscht ein Corpsgeist, der sich schwer tut, Mitglieder auszuschließen."