ZEIT ONLINE ZEIT ONLINE | 100 Jahre Tour de France

Kapitel 1

Am Berg der
Fahrrad-Verrückten

Wer hier schlafen will, muss sich den Berg hoch quälen:
Im Hotel der Familie Castillan übernachtet die Tour de France.
Von Steffen Dobbert

Das größte Radrennen der Welt ist mehr als Sport. Es ist Geschäft, Spektakel, Doping. Wie die Tour de France drei Menschenleben lenkt.

Julien Castillan rennt vor seinem Hotel über die Straße. Er will seinem Sohn das Fahrradfahren beibringen. Der kleine Adrian schafft ein paar Meter. Oma und Opa stehen am Straßenrand und applaudieren. Familie ist den Castillans wichtig, Radfahren auch. Sie führen ihr Hotel in L’Alpe d’Huez als Familienbetrieb. Meist bleibt dabei viel Zeit füreinander. Nur an einem Tag im Sommer kann sich niemand um Adrian kümmern. Immer, wenn die Tour kommt.

In den Wochen vor und nach dem Radrennen grasen Kühe neben der Dorfstraße in L’Alpe d’Huez. Wenn es soweit ist, stehen auf diesen Wiesen Japaner, Holländer und Mexikaner. Einige schlafen im Hotel, viele im Wohnmobil, die meisten zelten. Alle warten. Diese Mauer aus erregten Menschen sei das fabelhafteste Bild seiner Karriere, sagte der französische Radfahrer Sébastien Joly einmal. Da war er gerade als Allerletzter ins Etappenziel L’Alpe d’Huez gerollt.

Wohl kein Ort der Welt verdankt seinen Charakter so sehr einem Sportereignis wie L’Alpe d’Huez der Tour. Julien hat seit 30 Jahren von seinem Vater gelernt, das Hotel zu führen. Jene, die zum Feiern, Anfeuern, Tanzen in sein Bergdorf kommen, bezeichnet er als »ein wenig verrückt«. Es sind mehrere Hunderttausend, die auf etwa 1.000 Einheimische treffen.

VIDEO | Vor ihrem Hotel fährt die Tour de France: Julien Castillan und seine Familie haben Radsportgeschichte miterlebt. Ein Besuch in L’Alpe d’Huez

Zu Julien kam die Tour erstmals, als er ein Jahr alt war. Michel Pollentier hatte gerade die Etappe nach L’Alpe d’Huez gewonnen und sich im Ziel die Mütze vom Kopf gerissen. Dem Belgier mit der Glatze trauten viele den Gesamtsieg zu, noch vor dem jungen Franzosen Bernhard Hinault. Das war 1978. Wie in jedem Jahr übernachteten einige Fahrer im Hotel Castillan. Juliens Eltern hatten die Betten bezogen, das Essen vorbereitet. Die Masseure erwarteten die Radfahrerwaden. Dann musste Pollentier zur Dopingkontrolle.

Urinproben gehörten in diesen Tagen schon zum Tour-Alltag. Elf Jahre zuvor war der gedopte Tom Simpson tot vom Fahrrad gefallen. Abgekämpft ging Pollentier von der Ziellinie zum Kontrollwagen. Unter der Achsel versteckte er eine Plastikflasche. Doch bevor der Fremdurin in den Becher lief, entdeckten die Kontrolleure den Betrug. Der Sieger wurde disqualifiziert und ging zurück auf sein Zimmer im Hotel Castillan.

»Helden kommen, Helden gehen. Das Rennen bleibt, immer.«

Julien Castillan

Juliens Mutter stand gerade an der Rezeption, als der erste Journalist hinterhergelaufen kam. Julien lag im Kinderbett im Nebenzimmer. Bald drängten sich Hunderte Reporter mit ihren Fotoapparaten und Fernsehkameras vor Zimmer 32. Die Schlange reichte bis hinunter zur Straße. Juliens Vater stand in der Küche und versuchte, alle zu versorgen. Irgendwann gab es nur noch Spiegeleier. In der Nacht verschwand Pollentier durch den Hinterausgang. »Wenn ich einmal sterbe, wird nur von dieser Urinprobe in L’Alpe d’Huez gesprochen werden«, sagte er später.

Seit einem halben Jahrhundert übernachten Fahrer wie Michel Pollentier bei Familie Castillan. Wenn sie anreisen, herrscht Ausnahmezustand. Jedes Familienmitglied muss mit anpacken. Spricht Julien mit seinen Eltern über die vergangenen Jahre, geht es um erschöpfte Fahrer, die sein Vater aufs Zimmer schleppte. Oder um Gäste aus den USA, die so lange die Dorfstraße bemalten, bis kein Grau mehr zu sehen war.

Angefangen hat alles 1951. Damals saßen die Hoteliers in L’Alpe d’Huez zusammen. Sie suchten in ihrem Wintersportort eine Geschäftsidee für den Sommer. Die Tour de France war seit Jahrzehnten ein Zuschauermagnet und so lockten die Geschäftsmänner aus L’Alpe d’Huez die Organisatoren in ihr Dorf. Nachdem die Männer aus Paris wieder weg waren, stellten sie eine Bedingung: Zwei Millionen Francs, dann kommt die Tour den Berg hinauf. Die Hoteliers wollten nicht zahlen, sie luden lieber alle Fahrer und Verantwortlichen ein, nach der Etappe für einen Ruhetag im Dorf zu bleiben, ohne Kosten. Ein Jahr später erreichten die Radrennfahrer erstmals L’Alpe d’Huez. Drei Jahre später baute Juliens Großvater das Hotel Castillan.

In diesem Sommer führt die Tour zum 100. Mal durch Frankreich. Trotz Dopings: Das Rennen ist nach der Weltmeisterschaft im Fußball und den Olympischen Spielen das drittgrößte Sportereignis der Welt – mehrere hundert Millionen TV-Zuschauer in 190 Ländern. Auf der 18. Etappe müssen die Fahrer am Donnerstag erstmals zwei Mal hinauf nach L’Alpe d’Huez, hoch, runter, wieder hoch.

Julien hat den Berg nur einmal in seinem Leben mit dem Rad geschafft, als Jugendlicher, in zwei Stunden und 15 Minuten. Seine Freundin war stolz. Bis sie von Marco Pantani erfuhr. Der Italiener war die Strecke 1997 in Bestzeit hochgeflogen, 37 Minuten und 35 Sekunden, in etwa so schnell wie der örtliche Bus.

Als Kind bewunderte Julien die Fahrer. Einer seiner Helden war Pascal Simon. Der war sechs Tage mit gebrochener Schulter im Gelben Trikot gefahren, bis er in L’Alpe d’Huez weinend aufgab. Jedes Jahr, wenn die Profis sich die 21 Serpentinen den Berg hoch quälten, schlich sich Julien mit seinen Schulfreunden über den Zaun am Ende der Straße. Sie kletterten auf das Dach des Nachbarhauses und sahen, wie Bernhard Hinault und Greg LeMond Hand in Hand über die Ziellinie rollten. Der spätere Gesamtsieger LeMond gönnte 1986 seinem Teamkollegen den Etappenerfolg, Hinault wurde endgültig zur französischen Sportlegende

Von LeMond, dem ersten Nichteuropäer, der die Tour gewann, bekam Julien damals ein Autogramm. Jetzt steht er auf der Terrasse des Hotels. Vor ihm die Dorfstraße. Er sagt: »Helden kommen, Helden gehen. Das Rennen bleibt, immer.« Von seinem Vater übernimmt er in diesen Wochen die Hotelleitung. Den Lachs, den die Fahrer des spanischen Teams Movistar zum Abendessen wollen, hat er schon bestellt.

In wenigen Tagen ist es wieder so weit. Vor dem Hotel haben einige Fans bereits Anfeuerungssprüche auf den Asphalt gemalt. Ihre Helden werden sich quälen. Wenn sie vorbeisausen, wird Julien hinter der Bar stehen. Es wird viel zu tun sein. Adrian muss dann zur Tante.

***

Kapitel 2

Ein Blutdoper kehrt zurück

Vor fünf Jahren wurde Bernhard Kohl Dritter der Tour de France. Nach seinem Dopinggeständnis meiden ihn die Fahrer. Jetzt steht er wieder an der Strecke. Von Christian Spiller

Bernhard Kohl steht auf einer breiten Avenue in Marseille. Vor einer halben Stunde ist hier die Tour de France mit mehr als 70 Stundenkilometern ins Ziel geflogen. Jetzt bauen kräftige Männer die Gitter ab, hinter denen eben noch Zehntausende Zuschauer johlten. Kohl könnte noch rüber ins Fahrerlager, die früheren Kollegen begrüßen. Doch er möchte nicht.

Kohl hat gedopt. Und er hat drüber geredet. Zum ersten Mal ist der Österreicher nun zurück bei der Tour, dieser mythischen Rundfahrt, durch die er erst zum Helden wurde und dann zum Geächteten. »Wenn ich Fahrer wäre, und da kommt so ein Bernhard Kohl, würde ich den auch meiden«, sagt er.

Vor fünf Jahren stieg Kohl als Unbekannter ins Flugzeug nach Frankreich. Zurück kam er als Tour-Dritter und Bergkönig 2008. Er lächelte von den Titelblättern der österreichischen Zeitungen, musste in Restaurants selbst nichts mehr zahlen und unterschrieb einen Vertrag bei einem neuen Team, durch den er 3,5 Millionen Euro verdienen würde, wie es hieß. Der Titel als Österreichs Sportler des Jahres war ihm sicher.

VIDEO | Neustart nach dem Doping-Skandal: Bernhard Kohl hat die Radprofi-Szene hinter sich gelassen – doch die Magie der Tour de France wirkt nach.

Drei Monate dauerte dieses neue Leben, bis er den Anruf bekam: Continous Erythropoiesis Receptor Activator, kurz Cera, ein Medikament für Nierenkranke. Kohl war erwischt worden. Er gab eine Pressekonferenz, weinte vor den Kameras. »Weil auf einmal das ganze Lügengebäude zusammenbrach.«

Seine erste Dopingspritze setzte er sich mit 19 Jahren. Er nahm Epo, Hormone, Insulin, Testosteron, Kortison, Eigenblut. Etwa 70.000 Euro hat er für Dopingmittel gezahlt. Hatte er je ein schlechtes Gewissen? Kohl schüttelt den Kopf. Weil alle mitmachten.

Er sei sauber, alles in Ordnung, kein Problem, sagte er denen, die fragten. Einmal machte er sich mit einem Teamkollegen über die Frage eines Journalisten lustig. Was denn ihre großen Stärken seien, wollte der wissen. Sie erzählten ihm etwas von Ehrgeiz und Willensstärke. Hinterher überlegten sie sich auf ihren Zimmern die echte Antwort: überzeugend lügen können.

Auf seinen dritten Platz ist Kohl noch immer stolz, weil er weiß, wie hart er dafür gearbeitet hat. Doping ändere nicht viel, so sieht er das. Doping sei nur ein Erfolgsfaktor, wie Training, Ernährung, Tagesform. Er sagt: Wenn niemand dopen würde, wäre das sportliche Ergebnis fast dasselbe.

Kohl sagt, eigentlich hätte er 100 Mal erwischt werden können. Nach einer Spritze ging er manchmal acht Stunden nicht an die Tür, aus Angst vor den Kontrolleuren. Seinen Eltern und Freunden erzählte er nichts. Seiner Freundin auch nicht. Im Radsport sei das ein ungeschriebenes Gesetz. So könne sie nichts ausplaudern, wenn die Beziehung auseinander geht.

So funktioniert Blutdoping

  • 1 Winter Blutanreicherung und -entnahme
  • 2 Frühjahr Muskelaufbau und Regeneration
  • 3 Wettkampf Tour de France 2008

Angst um seine Gesundheit hatte Kohl nie. Er verdrängte das. Als er mit Blutdoping anfing, lagerte er seine Blutbeutel im heimischen Kühlschrank zwischen Wurst und Käse. Mehrmals täglich musste er sie wenden, damit das Blut nicht klumpte. Einmal war sein Sport- und Dopingmanager Stefan Matschiner auf Reisen. Kohl musste sich das Blut alleine wieder zuführen. Er schloss sich in seinem Zimmer ein. Wenn etwas passiert wäre, hätte ihn niemand gefunden. »Komplett hirnverbrannt«, sagt er. Er legte den Beutel in warmes Wasser, 37 Grad, Körpertemperatur. Dann rutschte er mit der Nadel ab und stach neben die Vene. Erschrocken goss er das Blut ins Waschbecken, zerschnitt den Beutel, warf ihn in die Toilette und spülte.

Es gab noch einen anderen Beutel, den er 2008 doch nicht mehr nahm, vor der entscheidenden Etappe nach L’Alpe d’Huez. Das Bergtrikot gehörte ihm schon, mehr als er sich erträumt hatte. »Ich wollte nicht übertreiben«, sagt er. Er wollte sich etwas aufsparen, für das kommende Jahr. Hätte er auch den letzten Beutel genommen, sagt er im Nachhinein, hätte er womöglich die Tour gewonnen.

Bernhard Kohls Dopingplan

Dopingplan (Ausschnitt Faksimile)

Das Doping-Tagebuch eines Radprofis: Auf Basis von Originalaufzeichnungen hat Bernhard Kohl seinen persönlichen Dopingplan rekonstruiert – vom Wintertrainingslager 2007 bis zur Tour de France 2008. Download

Vor drei Jahren eröffnete Kohl einen Fahrradladen in Wien. »Auf meinen Namen«, sagt er. Das hätte auch schiefgehen können. Er arbeitet jetzt 60 Stunden in der Woche, manchmal 70. Auf eine Wand in seinem Laden hat er seine Titel gemalt. Und womit er sie gewonnen hat. Die Codewörter Vitamin E, Zucker und Milch stehen für Epo, Insulin und Kortison. An der Wand hängt auch ein Blatt Papier, der positive Kontrollbericht, nebendran steht eine Blutzentrifuge. »Das ist meine Geschichte«, sagt er.

Kohl steht dazu. Anders als Jan Ullrich, der immer noch herumlaviert. Anders als Lance Armstrong, der nur zugab, was man wusste. Kohl sprach offener, arbeitete mit der Polizei zusammen, wurde Kronzeuge, nannte Hintermänner. Sein ehemaliger Manager Matschiner musste ins Gefängnis. Kohl wollte das nicht, aber vor allem wollte er ein Leben ohne Lügen.

In Marseille sieht Kohl auf einer der vielen großen Videowände, wie die Besten ihre Trikots bekommen. Das gelbe für den Führenden, das grüne für den besten Sprinter, das weiße für den besten Nachwuchsfahrer. Und das gepunktete, das einmal seines war. »Le Meilleur grimpeur«, der beste Kletterer, ruft der Tour-Sprecher. Es ist dieselbe Stimme wie vor fünf Jahren. »Da ist schon ein wenig Wehmut«, sagt Kohl.

Jahrelang hatte Kohl sich gesträubt, zurückzukommen. Am Ende ist er froh, dagewesen zu sein. Sein Blick auf die Tour hat sich verändert. »Erst mit Abstand erkennt man, was für ein Riesenevent das ist«, sagt er. Kohl hat die Freude an der Tour zurückgewonnen. Vielleicht war es das letzte Puzzleteil, um mit seiner Vergangenheit und dem Radsport seinen Frieden zu machen. Irgendwann, sagt er, wird er mit seiner Familie herkommen.

***

Kapitel 3

Der Mann, der die Tour nachfährt

Keith Tuffley gibt seinen Job als Investmentbanker auf und fährt Rennrad, so radikal, wie er zuvor gearbeitet hat. Er will die gesamte Tour de France als Hobbyfahrer schaffen. Von Philipp Katzer

Er kann die kahle Kuppe des Mont Ventoux schon sehen. Die Sonne brennt, auf 1.850 Metern Höhe wachsen längst keine Bäume mehr. Keith Tuffley atmet schwer, tritt langsam, aber gleichmäßig. Fast elf Stunden war er unterwegs. Gleich wird er auf dem Gipfel sein.

800 Meter vor dem Ziel holt ihn ein Polizist vom Fahrrad. Das Feld komme bald, Hobbyfahrer seien hier nicht mehr geduldet. Tuffley stöhnt, steigt ab und schwingt sich sein Rennrad über die Schulter. Hinter den Zuschauern, die für die Profis Spalier stehen, trägt er es den Berg hinauf bis über die Ziellinie. Seinen Rekord kann so schnell niemand aufhalten.

VIDEO | Keith Tuffley fährt die Tour wie die Profis – auf eigene Faust und immer ein paar Stunden im voraus: »Die Fans sind für mich das Wichtigste.«

Tuffley versucht etwas, was keiner vor ihm geschafft hat. Auf seinem Rennrad will der 48-jährige Australier allein die Tour de France fahren: 3.300 Kilometer in 21 Tagen. Jede Etappe am gleichen Tag wie die Profis, nur ein paar Stunden früher.

Früher war Tuffley Geschäftsführer der Investmentbank Goldman Sachs und bereitete in Australien Firmen-Übernahmen vor. Es ging um Milliarden. Aus seinem Bürofenster im 48. Stock blickte er auf die silbrigen Opernmuscheln von Sydney. Als die Karriere am besten lief, kündigte er. »Ich wollte nicht als Investment-Banker sterben«, sagt Tuffley. Heute lebt er als Frührentner am Genfer See, die Alpen in der Nähe.

Um drei Uhr morgens schüttet Tuffley an diesem Tag Früchte in sein Müsli. Er isst in der Lobby eines Hotels in Vienne und stülpt sich nebenbei Fahrradhandschuhe über. Dann schiebt er sein Rennrad in die Nacht.

Keith Tuffley Kinderfoto

Keith Tuffley als Sechsjähriger

Die Etappe zum legendären Mont Ventoux ist eine der schwersten Etappen der diesjährigen Tour und mit 242 Kilometern auch die längste. Nur wenn Tuffley früh genug startet, ist die Strecke noch nicht für die Tour-Karawane gesperrt. »Am Tag des eigentlichen Rennens zu fahren, das ist das Entscheidende für mich«, sagt er. Sonst bekomme man vom ganzen Spektakel nichts mit. Die Folklore der Fans am Straßenrand, das sei Magie.

Am Start ist Tuffley allein. Von den Zuschauern, die später zu Zehntausenden an der Strecke stehen werden, ist noch nichts zu sehen. Die anderen Hobbyfahrer, die sich auf eine einzelne Etappe trauen, schlafen noch. In sieben Stunden werden die Profis losfahren.

Tuffley arbeitet sich die ersten Berge hinauf. Nur sein Rücklicht blinkt in der Dunkelheit. Als es zu dämmern beginnt, ist Tuffley 50 Kilometer gefahren. Vor den Wohnwagen am Straßenrand sitzen nun Zuschauer. Sie feuern ihn an. Er winkt, hält kurz an, um zu plaudern. Er fühlt sich als Teil dieser 100. Tour de France und genießt die Aufmerksamkeit. Wie früher.

Keith Tuffley und der Tour-Profi Marcus Burghardt im Leistungsvergleich

Vergleich am Beispiel der 1. Etappe, 213 Kilometer von Porto-Vecchio nach Bastia am 29. Juni 2013

Geschwindigkeit
Leistung

Wenn ihm damals seine Sekretärin morgens die Zeitungen hinlegte, konnte es passieren, dass er auf der Titelseite war. Etwa als der australische Brauereikonzern Foster’s einen amerikanischen Konkurrenten übernahm. Tuffley hatte das alles geplant. Er hatte für solche Momente 90 Stunden pro Woche gearbeitet, die Kinder kaum gesehen, war um die Welt geflogen.

VIDEO | Impressionen einer Trainingsfahrt am Col de la Croix in den Schweizer Alpen – Messgeräte tracken Puls und Geschwindigkeit von Keith Tuffley.

Aus der Zeit als Top-Manager hat er viel Geld mitgenommen und einen ungeheuren Ehrgeiz. Mit fast 50 Jahren fährt er Rennrad wie ein Profi. Radfahren zählt zu den härtesten Sportarten der Welt.

Bis Paris sind es noch sechs Etappen, doch für Tuffley ist dann nicht Schluss. Er plant, als erster Amateurfahrer alle drei großen Rundfahrten in einer Saison zu fahren. 10.000 Kilometer in einem Jahr. Den Giro d’Italia hat er schon hinter sich. Nach der Tour steht die Vuelta in Spanien auf dem Programm. »Das haben in der Geschichte des Radsports erst 32 Profis vollbracht«, sagt er.

Im Ziel sitzt Tuffley zusammengesunken da und gähnt. Morgen ist Ruhetag, dann stehen die nächsten schweren Bergetappen an. Wieder wird er an seine Grenzen gehen – aber nicht darüber hinaus. »Ich dope nicht«, sagt Tuffley, »ich fahre ja auch kein Rennen, sondern unternehme eine Reise.«

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