Stimmt’s?Seltsamer Strudel

Auf der Südhalbkugel der Erde dreht sich der Badewannenstrudel andersrum als auf der Nordhalbkugel - Stimmt's?

Stimmt nicht. Die Legenden über die wundersamen Auswirkungen der Corioliskraft sind vielfältig. So berichtet ein Afrika-Tourist von einem geschickten Eingeborenen eines am Äquator gelegenen Dorfes, der das folgende Kunststück vorführt: Er hält eine Schüssel mit Wasser, auf dem Blätter schwimmen. Durch ein Loch am Boden fließt das Wasser ab. Stellt er sich ein paar Meter nördlich des Äquators hin, so wirbeln die Blätter in der einen Richtung, ein paar Meter südlich des Äquators dreht sich der Strudel in der anderen Richtung. Steht der Mann genau auf dem Äquator, dann fließt das Wasser strudellos ab.

Wenn die Geschichte wahr ist und nicht selber eine Legende, dann ist der Mann ein geschickter Taschenspieler, der dem Wasser durch heimliche, unmerkliche Rotationsbewegungen die jeweils richtige Drehrichtung verpaßte. Um die Corioliskraft wirksam werden zu lassen und andere Störkräfte dabei auszuschalten, hätte er (nach den Berechnungen eines Lesers einer amerikanischen Wissenschaftszeitschrift) die Schüssel auf eine Millionstel Bogensekunde genau (das sind 0,0000000003 Grad) waagerecht halten müssen.

Die Corioliskraft ist eine Trägheitskraft, die in allen rotierenden Systemen wirksam wird, und auf der Erde wirkt sie sich tatsächlich auf Strudel aus: Sie sorgt zum Beispiel dafür, daß auf der Nordhalbkugel die Winde alle Hochdruckgebiete im Uhrzeigersinn umwehen und alle Tiefdruckgebiete gegen den Uhrzeigersinn - auf der Südhalbkugel ist es dann genau umgekehrt. Daß die Corioliskraft in diesem Fall sichtbar in Erscheinung tritt, liegt vor allem an der großen Ausdehnung von Hoch- und Tiefdruckgebieten: Der nördliche und der südliche Rand sind einfach weit genug voneinander entfernt, um einen Trägheitsunterschied wirksam zu machen. In der Badewanne dagegen übertrifft die Wirkung aller zufälligen Bewegungen, die durch die Wirbel beim Wassereinlassen (und beim Baden) entstanden sind, die der Corioliskraft um mehrere Größenordnungen (Professor John McCalpin von der University of Delaware schätzt den Faktor auf etwa 10 000). Um die Corioliskraft zu bemerken, müßte man nach Berechnungen des Mathematikers Michael Page von der australischen Monash University die Badewanne um den Faktor 500 vergrößern und das Wasser einige Tage zur Ruhe kommen lassen. Christoph Drösser

Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Audio: www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
  1. Auch wenn der Autor Christoph Drösser in seinem Artikel "Seltsamer Strudel" das Experiment am Äquator in Afrika für eine Legende hält, kann ich nur bestätigen, das gleiche Experiment in "Mitad del Mundo" in Ecuador bei Quito gesehen zu haben.
    Auf Grund meiner Physik-Kenntnisse bezweifle ich die Aussage zwar auch, habe aber mit eigenen Augen gesehen, wie sich die Strudelrichtung beim Übergang über den Äquator änderte.
    "Heimliche unmerkliche Rotationsbewegungen" - wie Herr Drösser sie vermutet - kann ich ausschließen, da sich die Wanne in einem festen Gestänge befand.

  2. ich komme soeben aus Uganda, und auf der Straße von Kampala westwärts nach Masaka quert man den Äquator und trifft auf dieses Experiment: 3 Schüsseln mit Wasser gefüllt, eine genau auf dem Äquator (bzw. der dort eingezeichnetet Linie, ich habs nicht per GPS kontrolliert), eine jeweils ca 5 m nördlich und südlich. Tatsächlich fließt das Wasser einmal im, einmal gg den Uhrzeigersinn ab. Auf dem Äquator wird es gerade nach unten gesaugt.
    Täuschungen oder Tricks konnte ich keine erkennen und schienen mir unwahrscheinlich, das es sich nur um Metalschüsseln auf einem einfachen Gestänge handelt.

    Nach dem Einfüllen des Wasser "beruhigt" der Mann das Wasser mit einer Metallplatte. könnte er dadurch dem Wasser einen leichten Drehimpuls in die eine oder andere Richtung gegeben haben? aber was ist mit der Schüssel AUF dem Äquator: hier müsste er eine extrem ruhige Hand haben, um dem Wasser keine Richtung zu geben, sodass es gerade abfließt?

    mir bleibt also weiterhin unklar, WIE dieser Taschenspielertrick funktionieren soll.

  3. Wie die beiden vor mir bin ich zutiefst davon überzeugt, dass das nicht sein kann, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Wo aber ist der Trick? Es kann nicht an der Wanne liegen, denn es war immer dieselbe alte flache und leicht verbeulte Blechwanne, die hin und her getragen wurde. Es muss daran liegen, dass die Zeremonienmeister dem Wasser unbemerkt eine Drehung geben. Habe mir daraufhin meine drei Videoaufnahmen genauer angeschaut. Meine erste Theorie ist, dass man dem Wasser einen kleinen Schubs geben kann, je nachdem wie man den Stöpsel herauszieht. Derartiges konnte ich aber auf den Aufnahmen nicht erkennen. (Was kein Beweis des Gegenteils ist.) Dann ist mir die Art aufgefallen, wie die kleinen Blätter (Hartlaub, 2 cm) ins Wasser gelegt wurden. Direkt am Äquator wurden sie sachte in die Mitte gelegt, die beiden anderen Male jedoch mit einem kleinen Schubs jeweils in die "richtige" Richtung. Bei einer solch flachen Wanne dürfte generell die Tendenz zu einem Strudel relativ schwach ausfallen; ob aber so ein kleiner Blätterimpuls ausreicht, um einen Strudel in die richtige Richtung zu erzeugen ... ? Werde zuhause ein paar Versuchsreihen dazu starten - oder es den Mythbustern mailen. (Halte aber weiterhin Theorie 1 für plausibler.)

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