Stimmt’s?

Mathematik per Gesetz

Es gab im US-Staat Indiana einmal einen Gesetzentwurf, der den Wert von Pi auf 3,2 festsetzen sollte - Stimmt's?

Stimmt. Und um ein Haar wäre der Entwurf im Jahre 1897 sogar geltendes Recht geworden - allein der Umstand, daß der Staat Indiana ein Zweikammerparlament hat, konnte seine Verabschiedung verhindern.

Die Sache ging zurück auf den Hobby-Mathematiker Edwin J. Goodwin aus dem Landkreis Posey County. Goodwin glaubte, die Quadratur des Kreises gefunden zu haben. Er wandte sich an seinen Wahlkreisabgeordneten Taylor I. Record und bot ihm einen Deal an: Wenn der Staat Indiana seine Entdeckung zum Gesetz machen würde, könne die neue Wahrheit fortan in den Schulen gelehrt werden, ohne daß der Staat für diese Errungenschaft Tantiemen an Goodwin zahlen müsse.

Ein faires Angebot, meinte der Abgeordnete Record, und brachte den Gesetzentwurf am 18. Januar ins Repräsentantenhaus ein. Der Text bestand aus drei Artikeln, in denen verschiedene mathematische Behauptungen als wahr festgeschrieben wurden. In Abschnitt 2 heißt es: "Das Verhältnis von Durchmesser und Umfang (eines Kreises) ist 5/4 zu 4."

Da p das Verhältnis von Kreisumfang und Durchmesser ist, ergibt sich für die Kreiszahl der praktische Wert 3,2 (statt des unaufhörlichen 3,1415926536..., mit dem sich die Schüler noch heute herumplagen müssen).

Der Gesetzentwurf passierte ohne Beanstandung zwei Ausschüsse des Parlaments und wurde schließlich in dritter Lesung im Repräsentantenhaus mit 67:0 Stimmen angenommen.

Die Zeitungen berichteten sachlich über das neue Gesetz, nur das Indianapolis Journal fand, dies sei "das seltsamste Gesetz", das je vom Parlament beschlossen worden sei.

Der Zufall wollte es, daß sich am Tag des großen Ereignisses ein richtiger Mathematiker ins Repräsentantenhaus verirrte. C. A. Waldo, so sein Name, bekam gerade noch mit, wie die ahnungslosen Volksvertreter ihr einstimmiges Votum abgaben. Freundlich wurde dem Fachmann Waldo angeboten, dem Entdecker Goodwin vorgestellt zu werden.

Um in Kraft zu treten, hätte das Gesetz noch vom Senat, der zweiten Kammer des Parlaments, bestätigt werden müssen. Waldo, der auf die Bekanntschaft des p-Vaters dankend verzichtete ("Ich kenne schon genug Verrückte"), versuchte, die Senatoren aufzuklären. Mit Erfolg. Das Oberhaus vertagte den Entwurf in der zweiten Lesung auf unbestimmte Zeit, dem Staat Indiana blieb einiger Spott erspart.

Überlassen wir den Schlußkommentar Allan Adler, der in der Internet-Newsgroup sci.math schrieb: "Bevor wir allzu laut über die Legislative von Indiana lachen oder über den Bildungsstand im Jahre 1897, sollten wir einen Moment innehalten und darüber nachsinnen, welches Schicksal dem Gesetzentwurf beschieden wäre, würde er heute zur Volksabstimmung gestellt." Christoph Drösser

Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder . Das »Stimmt’s?«-Archiv: Audio:

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Leser-Kommentare

  1. Da brauchen Sie gar nicht auf das Volk zu rekurrieren. Wenn ich
    daran denke, daß ich gestern im Radio einen Arbeitsmarkt-Fachmann sagen
    hörte, daß ein Mini-Jobber Brutto für Netto kriegt ...

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  • Von C. Drösser
  • Datum
  • Serie stimmts
  • Quelle © DIE ZEIT 28/1997
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