Stimmt nicht. Die Legende ist ein Beispiel dafür, wie hartnäckig sich ein Gerücht halten kann, das doch eigentlich recht einfach zu überprüfen ist. Vielleicht liegt es, wie die niederländischen Forscher Geert Jan van Oldenborgh und Fernando L. J. Vos schreiben, an "der Unwahrscheinlichkeit, zwei halbleere Flaschen in einer relativ kleinen Region der Raumzeit zu haben". Mit anderen Worten: Man leert Champagnerflaschen nacheinander, so daß immer höchstens eine angebrochene übrigbleibt.

Die beiden Physiker beschlossen 1995, die Hypothese wissenschaftlich zu testen. Da sie über keinen Forschungsetat für derartige Projekte verfügten, mußten sie ihr Experiment mit Cidre durchführen. Sie glauben aber, ihre Ergebnisse auf andere moussierende Getränke übertragen zu können. Van Oldenborgh und Vos leerten zwei Flaschen des Apfelsekts je zur Hälfte und ließen sie dann über Nacht offen im Kühlschrank stehen - eine mit Löffel, die andere ohne. Am nächsten Tag mußten zehn Freiwillige je fünf Zentiliter aus zwei Plastikbechern trinken, die mit den Ziffern 1 und 2 versehen waren. Nur die beiden Forscher wußten, welcher Cidre in welchem Becher war. Ergebnis: Die Tester konnten keinen Unterschied feststellen.

Während dieser Versuch allein auf dem subjektiven Urteil der Probanden beruhte, berichtete die lothringische Zeitung Le Republicain Lorrain bereits am 17. März 1987 von härteren wissenschaftlichen Untersuchungen, durchgeführt mit einem sogenannten Aphrometer, das den Kohlensäuredruck in Flüssigkeiten feststellt. Der Veranstalter dieses Tests war das Komitee für den Wein der Champagne in Epernay - ein kompetenteres Institut ist also kaum vorstellbar.

Für diesen Versuch wurden sechs Champagnerflaschen geopfert - zwei wurden mit einem Korken verschlossen, zwei mit einem Teelöffel versehen, zwei einfach so in den Kühlschrank gestellt, nachdem je ein Glas Schampus entnommen worden war. Nach 24 Stunden wurde der Gasdruck gemessen. Ergebnis: Alle sechs Flaschen hatten Druck verloren, die verkorkten Flaschen mit Abstand am wenigsten. Zwischen den offenen Flaschen und denen mit Löffel war kein signifikanter Unterschied festzustellen.

Die Lehre aus diesen Experimenten: Man sollte Sekt- und Champagnerflaschen am besten leer trinken. Wenn wirklich etwas übrigbleibt, wirkt nur ein hermetischer Verschluß blasenerhaltend. Ein Löffel dagegen nutzt gar nichts. Schade eigentlich, hätte doch ein Wirksamkeitsnachweis nach den Worten der holländischen Forscher "zur Reduzierung der CO2-Emissionen beigetragen".

Nachtrag (aus dem Buch "Stimmt's - Moderne Legenden im Test"):

So weit, so negativ. Jetzt hat sich die Redaktion der ARD-Quizsendung "Kopfball" noch einmal des Themas experimentell angenommen - und konnte tatsächlich einen Effekt messen. Die Fernsehmacher stellten zwei angebrochene Flaschen über Nacht in den Kühlschrank, je eine mit und ohne Löffel. Am nächsten Tag wurde durch Erhitzen aus beiden Sektflaschen die Kohlensäure komplett entfernt und deren Volumen gemessen. "In der Silberlöffelflasche war eindeutig mehr Kohlendioxid", berichtet der WDR-Redakteur Ranga Yogeshwar.

Die naheliegendste wissenschaftliche Erklärung: Die Sache wirkt nur, wenn man die bereits warm gewordene Flasche auch tatsächlich in den Kühlschrank stellt. Der Löffel wirkt dann als ein Wärmeleiter, der die Wärme schneller aus der Flasche transportiert. So kühlt der Sekt schneller ab, und in kaltem Sekt bleibt mehr Kohlensäure gelöst. Bestätigt wird diese Theorie durch ein weiteres Ergebnis der Kölner Hobbyforscher: Nach einer Stunde im Kühlschrank war die Löffelflasche um drei Grad kälter als die andere.

Aus dieser Erklärung folgt sofort, daß der Löffel aus einem Material bestehen sollte, das möglichst gut die Wärme leitet. Plastiklöffel bringen also gar nichts, es muß schon Metall sein - und da gehört tatsächlich der oft beschworene Silberlöffel zu den besseren Leitern. Christoph Drösser

Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts

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