Stimmt nicht. Die vielleicht hartnäkkigsten Mythen sind die, die uns unsere Mütter überliefert haben. "Kind, zieh dich warm an, du holst dir ja den Tod!" Nach dem Schwimmen mit nassen Haaren in die Kälte hinauszugehen gilt als die sicherste Methode, sich eine Erkältung einzufangen, oder?

Der direkte Auslöser einer Erkältung ist stets ein Virus. Kein Virus, kein Schnupfen! Deshalb erkälten sich zum Beispiel Forscher in Polarstationen eher selten; im Polareis ist es selbst für Viren zu kalt. Bleibt die These, daß Kälte und Nässe irgendwie "die Abwehrkräfte schwächen" und den Körper anfälliger machen für Infektionen.

Was sagt die Wissenschaft dazu? Ein kleiner Querschnitt von Aussagen aus der deutschen Hochschulmedizin: "Es gibt eine Vielzahl resistenzmindernder Faktoren. Dazu gehören zweifellos auch Kälte und Nässe mit ihrem Einfluß auf die Durchblutung" (Edgar Muschketat vom Robert-Koch-Institut). - "Unter immunologischen Gesichtspunkten muß man sagen: Kälte beeinflußt nicht das Immunsystem" (Prof. Reinhold E. Schmidt, Medizinische Hochschule Hannover). - "Unsere Mütter waren gar nicht so dumm. Die Regel ,Den Kopf halt kühl, die Füße warm, das macht den besten Doktor arm' hat durchaus ihre Berechtigung" (Prof. Peter Mitznegg, Universitätsklinikum Berlin). - "Nein" (Prof. Claus Herberhold, Universitätsklinik Bonn, auf die in der Überschrift gestellte Frage).

Natürlich wissen wir inzwischen, daß diverse psychische Faktoren Einfluß auf das Immunsystem haben. Wer also friert und das ganz schlimm findet, der erkältet sich vielleicht tatsächlich schneller. "Aber hat sich schon einmal jemand Gedanken gemacht, ob man sich beim Sex erkältet?" fragt Prof. Reinhold E. Schmidt und gibt zu bedenken, schließlich komme man dabei häufig ins Schwitzen und kühle danach merklich ab.

In Amerika führte um 1958 ein gewisser H. F. Dowling eine Studie durch (veröffentlicht im American Journal of Hygiene, Vol. 68, S. 659 ff.), bei der freiwillige Schnupfenkandidaten unterschiedlichen Kältebedingungen ausgesetzt wurden. Die Infektionsrate war unter allen Bedingungen stets dieselbe. Andere amerikanische Forscher flößten 1968 Strafgefangenen den Rhinovirus direkt in die Nase ein. Auch bei diesem moralisch bedenklichen Experiment konnte kein Zusammenhang zwischen Kälte und Infektion festgestellt werden.

Und warum erkälten wir uns dann im Winter öfter als im Sommer? Zum einen ist es gar nicht sicher, daß der Schnupfen in der kalten Jahreszeit wirklich so viel häufiger auftritt - es gibt kaum aussagekräftige Statistiken. Zum anderen: Wenn es wirklich so ist, könnte es einfach daran liegen, daß wir uns im Winter öfter zusammen mit anderen Menschen in warmen, geschlossenen Räumen aufhalten - ideale Verbreitungsbedingungen für Viren. Christoph Drösser

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