Die Zahl von Praktikanten die in Unternehmen arbeiten und keinen Lohn dafür bekommen wächst. Das Europaparlament will nun die Ausbeutung von Jugendlichen durch kostenlose Praktika verhindern. In einer Resolution forderten die Parlamentarier die EU-Kommission und den Ministerrat dazu auf, eine Europäische Qualitätscharta mit Mindestanforderungen für Praktika zu schaffen – darunter ein Grundgehalt zur Abdeckung der Lebenshaltungskosten des Praktikanten und eine zeitliche Begrenzung.

Die Kommission prüfe derzeit die Forderung, sagte ein Sprecher am Mittwoch in Brüssel. Die Gestaltung der Arbeits- und Sozialpolitik behalten sich die EU-Mitgliedsstaaten allerdings weitgehend selber vor. Die EU hat somit in der Regel keine direkte Kompetenz, sondern kann nur Anstöße geben. Der Antrag des Parlaments verpflichtet die Kommission nicht zum Handeln.

"Ziel ist es, Bildungswert zu sichern und Ausbeutung zu vermeiden", heißt es in der Resolution des Europaparlaments. In der Krise ersetzten viele Arbeitgeber reale Arbeitsplätze durch Praktika. Nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums arbeitet rund die Hälfte aller Praktikanten in Deutschland unentgeltlich.

Die deutsche Wirtschaft lehnt neue Regeln ab. "Ein zwingendes Salär zu fordern, würde die Kosten unangemessen erhöhen und das Angebot an Praktikumsstellen reduzieren", teilte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) auf Anfrage mit. Einzelfälle, in denen Praktikanten nicht fair behandelt würden, dürften "kein Anlass sein, das sinnvolle Instrument Praktika so überzuregulieren, dass die Unternehmen keine Praktika mehr anbieten".  Zudem schreibe das Berufsbildungsgesetz eine Vergütung für bestimmte Personen vor, die eingestellt würden, um berufliche Fertigkeiten zu erwerben.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ist skeptisch. "Praktika sind in erster Linie Lernverhältnisse. Eine generelle Vergütungspflicht würde dazu führen, dass Unternehmen viele sinnvolle Praktika nicht mehr anbieten würden", sagte DIHK-Bildungsexperte Kevin Heidenreich auf Anfrage. Richtig sei, den Missbrauch von Praktika zu unterbinden.

Auch innerhalb des Europaparlaments ist der Vorstoß umstritten. Die Resolution geht auf einen Entwurf der dänischen Abgeordneten Emilie Turunen (Grüne) – mit 26 Jahren die jüngste EU-Parlamentarierin – zurück. Die FDP reagierte bereits ablehnend. "Unbezahlte Praktika ganz zu verbieten, ist eine völlig überzogene Schlussfolgerung", schreibt Nadja Hirsch, sozialpolitische Sprecherin der FDP im Europaparlament, auf ihrer Internet-Seite.