Begabtenförderwerke verschaffen wenigen Studenten Zugang zu elitären Netzwerken. Ob das der richtige Weg ist, um Talente zu fördern, überlegt Joschka Sondhof im Leserartikel.

Eigentlich sehen sie gar nicht aus nach der personifizierten Leistungsgesellschaft, nach den oberen zwei Prozent. Eher wie eine nette Studentengruppe, die sich zu einem Ausflug in eine Jugendherberge in Elb-Nähe zusammengefunden hat und zufällig über aktuelle Themen diskutiert. Doch hinter diesem Anschein verbirgt sich die Konkurrenzsituation eines Auswahlseminars, organisiert von einem der großen deutschen Studienförderwerke. Weniger als ein Viertel der Bewerber, die ohnehin schon stark ausgesiebt wurden, wird aufgenommen. Und immer wieder höre ich das eine Wort, mein persönliches Unwort: Elite. Wir sind die Elite. Und wer jenseits eines Notenschnitts von 1,5 in der Mittelmäßigkeit herumdümpelt, kann leider nicht weiter unterstützt werden.

Vorne sitzt ein Gremium aus fünf bis zehn Kommissionsmitgliedern, meist Alumni und erfolgreiche Stipendiaten, die über die Bewerber richten. Was von den Bewerbern gefordert ist, wird nirgends spezifiziert. Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative sind es laut Infobroschüre. Überdurchschnittliche Leistungen. Am besten natürlich sozial engagiert, mehrere Jahre im Ausland tätig gewesen und in gleich mehreren Fachgebieten Spezialist. Viele der Bewerber sind angehende Juristen oder Mediziner, nur wenige exotische Studiengänge sind vertreten.

Wie wird aussortiert? Mit halbstündigen Einzelgesprächen, Gruppendiskussionen oder Fragerunden mit mehreren Bewerbern, je nach Stiftung. Dabei soll in angenehmer, persönlicher Atmosphäre dem Bewerber auf den Zahn gefühlt werden.

Und wofür das Ganze? Nicht nur für das Geld – ein Vollstipendium ersetzt praktisch den höchsten BaFöG-Satz – sondern vor allem für die ideelle Förderung. Auf Deutsch heißt das: Das Tor zur Welt geschenkt bekommen. Denn auf den diversen Seminaren einer Stiftung erhält man Kontakt zu den führenden Wissenschaftlern und Wirtschaftlern, oder besser: zur Elite. Auf solchen Seminaren werden Jobs vermittelt, Partnerschaften gegründet und zukünftige Herrscher geboren.

Doch ist das wirklich das Ziel? Ist das die Elite, die Top 0,5 Prozent der Bevölkerung? Oder ist das im Gegenteil vergleichbar mit Vetternwirtschaft und Kartellen? Diese Frage kann und sollte nicht vorschnell beantwortet werden. Die angenommenen Stipendiaten sind ohne Frage äußerst leistungsbewusst und -fähig, halten sie doch nicht nur den Druck ihrer eigenen Erwartungen stand, sondern auch dem Druck der Stiftung. Und dieser Leistungsdruck führt recht zuverlässig zu unglaublichen Resultaten. Den Weg eines Stipendiaten zu gehen ist gewiss keine leichte Entscheidung und vergessen werden darf auch nicht: Diese Entscheidung ist freiwillig.

Dennoch bleibt die Frage, ob Innovation und Kreativität nur auf diesem Wege zu erzielen sind. Interessanterweise zeigen viele Beispiele aus der Vergangenheit, dass Neuentwicklungen zumeist ganz andere Wege gehen. So wurde kaum ein klassischer Meister der Literatur oder Poesie auf eine Art protegiert, die mit der heutigen Begabtenförderung vergleichbar wäre. Und auch neuzeitlichere Phänomene wie der Aufstieg eines kleinen Garagen-Programmierers zu einem international führenden Hersteller von Computerbetriebssystemen lassen sich nicht auf externe Hilfestellungen zurückführen.