OECD-BildungsberichtDeutschland fehlt es an Hochqualifizierten

Der Anteil der hochqualifizierten Fachkräfte ist in Deutschland seit 50 Jahren kaum gewachsen. Laut OECD-Bericht mangelt es an Akademikern, Meistern und Technikern. von dpa und AFP

Die notwendigen Bildungsreformen kommen in Deutschland im Vergleich zu anderen wichtigen Industrienationen nur langsam voran. Dies geht aus dem Bildungsbericht der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2011 hervor, der in Berlin vorgestellt wurde. Im Vergleich zu wichtigen Konkurrenten auf dem Weltmarkt ist es der Bundesrepublik nicht gelungen, die Zahl der Hochqualifizierten ausreichend zu steigern und die der Geringqualifizierten entsprechend zu reduzieren.

In der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen, die in den nächsten Jahren aus dem Arbeitsleben ausscheiden, gibt es 2,46 Millionen Akademiker. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen ist diese Zahl mit 2,48 Millionen nur geringfügig höher. Gleichzeitig ist aber die Nachfrage nach Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt wegen der gestiegenen Anforderungen weltweit erheblich gestiegen.

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Berufsausbildung im Betrieb

In Deutschland gibt es insgesamt 345 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe. Informationen zu den jeweiligen Berufen von A wie Anlagenmechaniker bis Z wie Zweiradmechaniker stellt das Bundesinstitut für Berufsbildung bereit. Die Vergütung ist je nach Bereich verschieden. Im Schnitt liegt sie bei etwa 600 Euro für das erste Lehrjahr und steigt mit jedem weiteren Ausbildungsjahr. Eine Ausbildung dauert zwei bis dreieinhalb Jahre. Ein Auszubildender mit Abitur kann die Dauer jedoch verkürzen – vorausgesetzt die Noten an der Berufsschule stimmen und der Ausbildungsbetrieb stimmt zu. Am Ende einer dualen Ausbildung prüft die jeweilige Industrie- und Handelskammer  (IHK) oder die Handwerkskammer (HWK) die Leistung der Lehrlinge ab.

Wer eine betriebliche Ausbildung macht, sollte Lust aufs Arbeiten haben, eine praktische Begabung und Interesse für den jeweiligen Bereich mitbringen. Nach der Ausbildung bietet sich die Möglichkeit, sich weiterzubilden und den Meister, Fachwirt oder Betriebswirt zu machen.

Die Berufsausbildung als Alternative zum Studium hat jedoch einen Haken: Die Ausbildungen beginnen üblicherweise am 1. August oder am 1. September – Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn kein passender Ausbildungsplatz mehr frei ist, besteht immer noch die Option, ein Praktikum zu machen. Manche Unternehmen bieten den Praktikanten, die sich bewährt haben, einen Ausbildungsplatz an. Alternativ kann ein angehender Student auch ein Praktikum machen, das er später braucht, um die Zulassung für den angepeilten Studiengang zu erhalten.

Berufsfachschulen

Neben der dualen Ausbildung in Betrieb und Schule gibt es noch die rein schulische Ausbildungan einer Berufsfachschule. Hier werden die Schüler Vollzeit von Lehrern unterrichtet. Die Ausbildung dauert mindestens ein Jahr. Die Auszubildenden können Bafög beantragen.

Links

Welchen Weg gehe ich? In sieben Stufen zur Entscheidung: Der Berufswahlfahrplan von der Bundesagentur für Arbeit hilft, einen passenden Beruf zu finden.

Welche Ausbildung mache ich? Auf berufe.tv stellt die Bundesagentur für Arbeit verschiedene Berufsausbildungen in kurzen Videoclips vor. Es gibt auch eine App für das iPhone oder das iPad. Die Bundesarbeitsagentur veröffentlicht zudem das Lexikon Ausbildungsberufe, in dem sämtliche Ausbildungsberufe vorgestellt werden.

Wie bewerbe ich mich richtig? Lebenslauf, Anschreiben, Gespräch: Der Bewerbungstrainer von der Bundesagentur für Arbeit gibt Tipps, damit die Form stimmt.

Wer bildet aus? Ob betriebliche oder schulische Berufsausbildung, in der Datenbank Kursnet von der Bundesagentur für Arbeit sind viele Aus- und Weiterbildungen eingetragen.

Wo finde ich einen Ausbildungsplatz in Deutschland?Die Bundesarbeitsagentur betreibt eine Jobbörse mit verschiedenen Ausbildungsangboten.

Wo finde ich einen Ausbildungsplatz im europäischen Ausland? Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit betreibt eine Datenbank mit Ausbildungsangeboten aus Europa. Weitere Informationen hält zudem die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesarbeitsagentur bereit.

Wo finde ich einen Praktikumsplatz? Praktikumsbörsen im Netz gibt es auf studienwahl.de oder auf der Website der Bundesarbeitsagentur.

Wer berät Rat mich? Eine persönliche und kostenlose Beratung geben die Berufsinformationszentren (Biz) der Arbeitsagenturen. Hier geht es zum virtuellen Biz.

Der Anteil unter den 25- bis 64-Jährigen in Deutschland, der über einen Studienabschluss verfügt, hat sich zwar von 14 Prozent (1995) auf 28 Prozent (2009) verdoppelt. Im selben Zeitraum stieg die Hochqualifizierten-Quote der anderen Industrienationen jedoch von 20 auf 38 Prozent. Niedrigere Quoten als Deutschland verzeichnen nur noch Spanien, Slowenien, die Türkei und Mexiko.

Doch Deutschland fehle es nicht nur an Akademikern, sondern auch an Meistern, Technikern und anderen qualifizierten Fachkräften, heißt es in dem Bericht. Vor 50 Jahren erwarb etwa jeder fünfte junge Erwachsene in Deutschland einen Hoch- oder Fachschulabschluss beziehungsweise einen Meisterbrief, der Anteil ist bis heute kaum gewachsen. Bisher stellen die Deutschen noch 6,3 Prozent des Angebots an hochqualifizierten Arbeitskräften aller Industrieländer. In der jüngeren Altersgruppe, die jetzt in den Arbeitsmarkt eintritt, seien es nur noch 3,1 Prozent.

Bundesarbeitsministerin von der Leyen warnt vor Folgen für den Arbeitsmarkt

Vor einem Fachkräftemangel wird in Deutschland bereits seit längerem gewarnt. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fürchtet, die Entwicklung werde sich negativ auf den gesamten Arbeitsmarkt auswirken. Wenn den Unternehmen Spezialisten fehlten, würden ganze Projekte nicht verwirklicht, sagte die Ministerin beim Außenwirtschaftstag in Bremen. Dann fehlten auch die dazugehörenden Arbeitsplätze für Angehörige anderer Berufe wie Technische Zeichner, Laboranten, Gebäudereiniger oder Pförtner.

Bildungsstaatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen sagte, es gebe weiteren Verbesserungsbedarf. "Wir sind noch nicht am Ziel, wir wissen aber auch, wir sind auf dem richtigen Weg." Sie verwies aber darauf, dass es in Deutschland noch nie so viele Studenten gegeben habe wie heute. 84 Prozent der jungen Menschen erzielten einen Lehrabschluss oder hätten das Abitur (OECD-Schnitt: 82 Prozent).

Kritik an der Bildungspolitik der Regierung kam von SPD, Grünen und Linken. "Während andere Staaten kontinuierlich und konsequent in die Bildung investieren, mangelt es ausgerechnet im Land der Dichter und Denker an Akademikern und qualifizierten Fachkräften", sagte Grünen-Chef Cem Özdemir. Der SPD-Bildungsexperte Ernst Dieter Rossmann forderte, Bund und Länder müssten insgesamt 20 Milliarden Euro im Jahr zusätzlich aufwenden, um die Bildungsherausforderungen zu meistern. Ohne handlungsfähige Länder sei "der Bildungsaufbruch nicht zu machen". Die Bildungspolitikerin der Linken, Rosemarie Hein, sagte, es sei ein "Skandal, dass eines der reichsten Länder dieser Erde ausgerechnet bei der Bildung knausert".

Geringe Ausgaben für Bildung

Wegen des knappen Angebots an akademischen Arbeitskräften müssen deutsche Arbeitgeber deutlich mehr für ihre qualifizierten Beschäftigten zahlen als in anderen OECD-Ländern. Im Schnitt sind es 20.000 US-Dollar pro Jahr.

Die Bildungsausgaben liegen in Deutschland nach internationalen OECD-Kriterien immer noch deutlich unter dem Schnitt der anderen Industrienationen. Von 1995 bis 2008 sanken die Ausgaben von 5,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf 4,9 Prozent. Der OECD-Schnitt lag in diesem Jahr bei 5,9 Prozent. Damit liegt Deutschland auf Platz 30 unter 36 Industrienationen.



Die OECD ist der Zusammenschluss der wichtigsten Industrienationen und ihrer Partnerländer. Die Experten der Pariser Zentrale analysieren weltweit die Entwicklung von Wirtschaft, Sozialpolitik und Bildung in diesen Ländern. Die OECD ist auch Veranstalter des weltweit größten Schulleistungstests Pisa.

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Leserkommentare
  1. "Vor 50 Jahren erwarb etwa jeder fünfte junge Erwachsene in Deutschland einen Hoch- oder Fachschulabschluss beziehungsweise einen Meisterbrief, heute ist es nur noch jeder Vierte."

    Insbesondere mathematische Grundkenntnisse werden inzwischen gradezu verachtet. Man kann gefahrlos in einer Runde damit kokettieren, dass man mit der Mathematik auf Kriegsfuss steht. Man stelle sich vor, man würde dasselbe über etwa die Kenntnisse der Muttersprache von sich geben!

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    für das Qualifikationsniveau. Auch DPA findet keinen Qualifizierten mehr.
    Wir brauchen uns also nicht wundern, wenn Journalisten öfter nicht in der Lage sind, offensichtliche Sachverhalte zu beschreiben.

    Redaktion

    Lieber User Langeland,

    Sie haben Recht, das war ein Fehler, ein blöder noch dazu. Der ist jetzt berichtigt. Herzlichen Dank

    Aber solch kleine Ausreißer in Logik und Sprache sind doch andererseits erquickend.

    Journalistin vor Kurzem bei Phönix: Der viel zu früh ermordete Präsident ....:-)

    Stellenausschreibung Lufthansa: da der Bewerber an mehreren Standorten eingesetzt wird, wird von ihm eine hohe Bereitschaft zur Abwesenheit erwartet:-)

    Todesanzeige in der Zeitung: unsere unverhofft verstorbene Klassenlehrerin

    Ist doch schön, wenn man zwischendurch auch mal etwas zu schmunzeln hat.

  2. Ursula von der Leyen und Annette Schavan so für usn ins Zeug legen - muhaha. Ach nein scheisse - die wollen sich lieber sparen das eigene Land voran zu bringen und lieber gleich Fachkräfte aus dem Ausland ausbeuten. Mit überragendem Erfolg - muhaha.

    5 Leserempfehlungen
  3. gibt es offenbar nicht. Oder entscheidet das Bewerbungsfoto, Alter, Krawattenfarbe über die Qualifikation?

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalurteile. Danke. Die Redaktion/wg

  4. Was kommt eigentlich zuerst? Der Tag, an dem sich unsere Sonne zu einem roten Riesen aufbläht oder der Tag, an dem der OECD einsieht, dass wir ein anderes (duales) Ausbildungssystem haben, in dem Akademikerquoten von mehr als 50% gar nicht sinnvoll sind?

    Ich tippe auf ersteres ...

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    Sie sprechen mir aus dem Herzen!

  5. für das Qualifikationsniveau. Auch DPA findet keinen Qualifizierten mehr.
    Wir brauchen uns also nicht wundern, wenn Journalisten öfter nicht in der Lage sind, offensichtliche Sachverhalte zu beschreiben.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Klassiker"
  6. 6. Wissen

    Deutschland ist ohne Rohstoffe, Wissen ist sein größtes Gut.

    Warum werden dann Schulen weniger gefördert als Banken?
    Warum gibt es für sie keinen Rettungsschirm?

    Oder ist das schnöde Geld der Banken den Entscheidern dann doch mehr wert? bzw. stellt es für die, die Geld haben eh kein Problem dar, gibt ja private Schulen.

    9 Leserempfehlungen
  7. Redaktion

    Lieber User Langeland,

    Sie haben Recht, das war ein Fehler, ein blöder noch dazu. Der ist jetzt berichtigt. Herzlichen Dank

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Klassiker"
  8. Man kann es der OECD nicht verübeln, dass sie 'harte' Zahlen wie Bildungsausgaben und Schulabgänger nimmt und diese mit anderen Ländern vergleicht. Ich habe selbst an einer deutschen, englischen und französischen Universität gelernt. In Frankreich lernt man auswendig, in England lernt man Trinken und Deutschland denken (gekoppelt mit Trinken und auswendig lernen natürlich).
    Ein englischer Bachelor-Absolvent würde ich von der Tiefe der Kenntnisse mit einem in Deutschland machen, der seine Lehre gemacht hat, die meisten haben dort garkeine vernüfntige berufliche Ausbildung erhalten. Von meinem Masterstudiengang in England (einer Top Ten Uni in diesem Forschungsbereich) gab es 4 Abschlüsse mit Auszeichnung, zwei von denen kamen aus Deutschland, eine aus Luxemburg. So schlecht können wir nicht sein.
    Deutschland ist für seine Qualität statt Masse weltbekannt, sollte man die in der Bildung aufgeben nur damit man mit stumpfen Zahlenschönereien mit den anderen Klassen, die sich mit Masse statt Klasse behaupten, mithalten kann: Ich hoffe nicht.
    Statistiken kann man leider immer so und so analysieren: Vor 50 Jahren mehr Hochschulabsolventen?! Also 1960 im Vergleich zu 2010, mir dünkt, dass es zwischen 1930 und 1940 auch mehr Geburten gab als zwischen 1980 und 1990. Höhere Löhne für Fachkräfte aus Deutschland?! Ich habe gehört, dass produktive bzw. gut ausgebildete Arbeitskräfte mehr Lohn erhalten, vielleicht liegt da ein Qualitätsunterschied im Vergleich zu ausländischen Fachkräften?

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    In den USA ist auch der nach zweijährigem College-Studium verliehene Associate Degree ein akademischer Grad. In vielen anderen Ländern, besonders in Europa, wird er aber nicht als solcher anerkannt, sondern eher als Hochschulreife oder Fachschulabschluss.

    Also, welcher Abschluß wird wie interpretiert und als was gezählt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
  • Schlagworte CDU | Grüne | OECD | SPD | Ursula von der Leyen | Cem Özdemir
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