Auf den Sitzen, auf denen die jungen Männer und Frauen Platz nehmen, haben schon Generationen vor ihnen während stundenlanger Vorlesungen gesessen. Die rund 350 neuen Studenten, die sich in diesem Jahr für das Fach Rechtswissenschaften eingeschrieben haben, warten auf die Begrüßungsrede des Dekans.

Der legt vorne am Pult seine Unterlagen zurecht und schaltet das Mikrofon an. Er lässt seinen Blick über die Erstsemester schweifen, die ihn ehrfürchtig ansehen, als werde er im nächsten Moment die Weltformel verkünden. Was folgt ist eine Rede, die stellvertretend für die heutige Leistungsgesellschaft steht.

"Schauen Sie einmal zu Ihren Nachbarn zu Ihrer Linken und Rechten", sagt der Mann. "Einer von ihnen wird es nicht bis zum Examen schaffen." Die Gesellschaft hat gesprochen. Noch ahnen die wenigsten in dem Saal, wie oft sie diese Worte während ihres Studiums noch quälen werden.

In Deutschland gibt es nach wie vor das Bild des faulen Langzeitstudenten, der mehr schläft und feiert, als zu lernen. Doch der Druck, der auf der heutigen Generation lastet, ist enorm. Er zieht sich durch viele Studienfächer. Er treibt die jungen Menschen, die die Zukunft unseres Landes sein sollen, bis zum Äußersten, programmiert sie auf Leistung, verwandelt sie in Roboter.

Versagen oder gar der Drang nach Selbstverwirklichung sind in unserem gesellschaftlichen System nicht vorgesehen. So wundert es nicht, dass immer mehr Studenten den eigenen Versagensängsten mit leistungssteigernden Substanzen wie Ritalin begegnen. Lieber ein Medikamentenabhängiger sein und dafür gute Noten bekommen, als einer unsicheren Zukunft ins Auge blicken zu müssen, ist die Meinung.

Die Studenten reagieren damit auf die Botschaft des Arbeitsmarktes. Und so werden bald auch die motivierten Studenten wie Roboter vor ihren Büchern sitzen, mit den Worten der Leistungsgesellschaft im Hinterkopf.